Jubiläum

100 Jahre Mitsubishi: verkannte Avantgarde

| Autor / Redakteur: Wolfram Nickel/SP-X / Thomas Günnel

Beim Stichwort Pioniere der Automobilbranche fällt Autofans Mitsubishi vermutlich nicht als erste Marke ein. Dabei ist der Hersteller seit 100 Jahren technologischer Vorreiter.
Beim Stichwort Pioniere der Automobilbranche fällt Autofans Mitsubishi vermutlich nicht als erste Marke ein. Dabei ist der Hersteller seit 100 Jahren technologischer Vorreiter. (Bild: Mitsubishi)

Kaum ein Autofan denkt an Mitsubishi, wenn von mutigen Pionieren der Motorisierungsgeschichte die Rede ist. Dabei ist der Automobilhersteller seit 100 Jahren technologischer Vorreiter.

Hätten Sie´s gewusst? Ausgerechnet Mitsubishi, dieser unauffällig auftretende japanische Spezialist für biedere Kleinwagen, klassische Offroader und preiswerte Crossover zählt seit einem Jahrhundert zu den größten automobilen Avantgardisten. Ohne den Pioniergeist von Mitsubishi wären viele technische Erfindungen wesentlich später in Serie gegangen. Seit dem ersten, im Frühjahr 1917 vorgestellten Motorwagen wagen sich die Mitsubishi-Ingenieure auf technisches Neuland, obwohl damit nicht immer kommerzieller Erfolg verbunden ist. So ging das Mitsubishi Modell A als erste asiatische Repräsentationslimousine in Serie – ungeachtet der Tatsache, dass es im Kaiserreich statt Straßen nur Pfade in katastrophalem Zustand gab. Entsprechend gering war die Nachfrage nach Pkw, was auch Mitsubishi merkte, sich davon aber nicht entmutigen ließ.

Früher Crossover

Der zweite Pkw, der 1934 präsentierte Mitsubishi PX-33, nahm vielmehr all das vorweg, was heute angesagt ist: Crossover-Charakteristik mit Allrad und effizientem Diesel. Trotzdem verdiente Mitsubishi zunächst wenig Geld durch die 4x4-Vorreiterrolle und wurde international unterschätzt. Zumal die Japaner erst 1970 in einem Joint-Venture mit Chrysler auf alle wichtigen Weltmärkte expandierten. Seit 1977 ist Mitsubishi auch in Deutschland präsent und überrascht seitdem mit vielfältigen Vorreitern wie den ersten Vans, Benzindirekteinspritzern, Großserien-Stromern und Plug-in-Hybriden. Wie kommt es bei Mitsubishi zu diesem Mix aus mutigem Vorpreschen, dem Ertragen von Niederlagen und einer zurückhaltenden Selbstdarstellung, die nur dann aufgegeben wird, wenn etwa ein weiterer Rallyesieg in Dakar oder bei der WRC nach einer Champagnerdusche ruft?

Begründet wurde diese Unternehmenspolitik 1870, als der Kaufmann Yataro Iwasaki ein Schifffahrtsunternehmen zur Keimzelle des wenig später weit verzweigten Mitsubishi-Imperiums machte. Iwasaki war Nachkomme eines Samurai und fühlte sich den Tugenden der Samurai entsprechend verbunden. Allen voran Yu, dem Geist des Wagens und Ertragens. Tatsächlich wurde Mitsubishi durch wagemutige Entscheidungen in Asien bis 1918 führend in Schiffbau und Schwerindustrie, eine Position, die Yataros Neffe und Nachfolger Koyata Iwasaki mit dem Modell A auch in der Pkw-Produktion einnehmen wollte. Ein ambitioniertes Vorhaben, das der Familie Iwasaki trotz aller technischen Geniestreiche nicht gelang.

Investitionen in neue Technologien

Statt Pkws waren es Pick-ups und andere Nutzfahrzeuge, mit denen Mitsubishi schon ab den 1920er Jahren auf der Straße des Erfolges unterwegs war. Zwei Mal gab es sogar Regierungsaufträge, die Geld in die Kassen spülten, das der Hersteller dann – typisch Mitsubishi - in die Entwicklung neuer Technologien investierte. So trieben 1923 Mitsubishi Lastwagen den staatlichen Wiederaufbau des von einem Erdbeben zerstörten Landes voran und nur acht Jahre später präsentierte die Marke den ersten japanischen Dieselmotor als Direkteinspritzer. Anfang der 1950er Jahre erhielt Mitsubishi den öffentlichen Auftrag zur Ausstattung der nationalen Behörden mit Allradfahrzeugen. Es war der Startschuss für die Lizenzproduktion von Jeep-Modellen und der Auslöser für die Entwicklung der eigenständigen Offroad-Baureihe Pajero, die ab 1983 mit zwölf Dakar-Siegen wie kein anderer Geländewagen Rallyegeschichte schrieb und bis heute zu den Offroad-Urgesteinen zählt.

Überhaupt die 4x4-Modelle. Mit Allradlern eroberte die Marke mit dem Logo der drei Diamanten immer wieder neue Ufer. Nachdem Mitsubishi im Nachkriegs-Japan zu einem der erfolgreichsten Hersteller von Mini-Pick-ups aufgestiegen war, führte die 1970 gestartete Kooperation mit Chrysler zu Mittelklasse-Pick-ups im SUV-Stil, die sich als globale Bestseller Respekt verschafften. Seit 1993 zählt der Mitsubishi L200 auch in Deutschland zu den Pionieren unter den Pick-ups mit Allradantrieb und effizientem Dieselmotor. Weltweit konnte Mitsubishi vom L200 inzwischen über 4,5 Millionen Einheiten verkaufen, auch im Umfeld anderer Ikonen wie Toyota Hilux und Nissan Navara eine Ansage.

Dagegen fand Mitsubishi 1999 mit dem kompakten Pajero Pinin keine passende Antwort auf frühe Lifestyle-SUV wie den Toyota RAV4. Dabei trug der Pinin sogar feine Kleider der namensgebenden italienischen Carrozzeria Pininfarina und der weltweit erste Großserien-Benzindirekteinspritzer sicherte eine Effizienz fast wie bei einem Diesel. Es nützte nichts, eine Erfahrung die der wenig gefragte Pajero Pinin mit dem fast zeitgleich lancierten Pajero Sport teilte, der die Hardcore-Technik des L200 mit besonders schickem Design kaschierte.

Aufbruchstimmung

Den Nerv des Zeitgeistes traf Mitsubishi erst wieder mit dem Outlander, ein SUV, der in 2007 vorgestellter, zweiter Generation auch den Schwestermodellen Peugeot 4007 und Citroën C-Crosser seine aufwendige Allradtechnik zugutekommen ließ. Der Outlander stand auch für Aufbruchstimmung im Unternehmen, die nach einer gescheiterten Allianz von Mitsubishi Motors mit Daimler Chrysler von 2002 bis 2005 frische Motivation vermittelte. Eine Motivation, die Mitsubishi animierte, sich einmal mehr neu zu erfinden. Den von Toyota gesetzten Hybrid-Trend hatte Mitsubishi zwar nicht mitgemacht, stattdessen setzte die Marke ab 2010 auf E-Mobilität in Stromern, wie sie die Konkurrenz so noch nicht gesehen hatte.

Die Speerspitze bildete der i-MiEV – später schlicht Electric Vehicle genannt – der als erster winziger Kleinstwagen-Viertürer in Massenproduktion ging und sogar mit Citroën- und Peugeot-Logos ins Portfolio der PSA-Marken übernommen wurde. Dabei basiert das Electric Vehicle auf einem konventionellen Kei-Car-Mini, dem 2006 eingeführten Mitsubishi i. Schließlich verstand sich Mitsubishi über Jahrzehnte auch in Europa als Vollsortimenter, der klassische Pkw vom kleinen Colt über die mittelgroßen Galant und Lancer bis hin zu Sportcoupés wie Eclipse und 3000 GT im Programm hatte.

Vierradlenkung, Turbo und Co.

Modelle, die der europäischen Konkurrenz technisch oft eine Wagenlänge voraus waren. Sei es durch die heute angesagte Vierradlenkung, die schon 1988 im Galant GTi 16V Dynamic 4 debütierte, die Turbo-Technologie, die Mitsubishi ab 1981 als erstes Unternehmen überhaupt in der kompletten Pkw-Palette anbot oder die 1977 realisierte Silent-Shaft-Prinzip mit zwei Ausgleichswellen für laufruhige Vierzylinder, die Mitsubishi als Lizenz an Porsche, Volvo, Saab und Lancia weitergab.

Nicht zu vergessen die Idee des Vans. Viele wollen hier Vorreiter gewesen sein, Mitsubishi nimmt dies nicht für sich in Anspruch, schuf stattdessen Realitäten. Noch vor dem Renault Espace eroberte der Mitsubishi Space Wagon 1983 Europas Straßen und mit den ergänzenden Typen Space Runner, Space Gear und Space Star schufen die Japaner die erste komplette Raumflotte. Vor Abstürzen schützten aber auch diese Trendsetter nicht. Mit E-Mobilen will Mitsubishi zum 100. Geburtstag neue Größe gewinnen. Gelingen soll dies in Allianz mit Renault-Nissan und mit technischen Avantgardisten wie dem Plug-in-Hybrid Outlander.

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