Reifen

Der „grüne“ Reifen kommt – nur wann?

09.05.2011 | Autor / Redakteur: Jan Rosenow / Bernd Otterbach

Reifen können fast vollständig aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen bestehen – darüber war sich die Fachwelt auf dem 4. Dresden Tire Workshop einig. Doch sie sind teuer.

In Japan läuft er bereits rund, der Reifen aus nachwachsenden Rohstoffen. Seit 2008 ist der Dunlop Enasave 97 auf dem Markt – die Zahl steht für den prozentualen Anteil „grüner“ Werkstoffe, die bei der Produktion des Reifens verwendet werden. Da bleiben nur die Prozesschemikalien übrig, die nötig sind, um Naturkautschuk in einen abriebfesten und haftungsstarken Konstruktionswerkstoff umzuwandeln.

Allerdings gibt es den Enasave 97 nur in Japan und in wenigen Größen, vor allem für Hybridfahrzeuge wie den Toyota Prius. Für den europäischen Markt wäre er schlicht zu teuer, berichtete Naohiko Kikuchi, Entwickler bei Dunlop-Eigner Sumitomo Rubber, beim 4. Dresden Tire Workshop am 6. Mai. Die diesjährige Veranstaltung trug den Titel „Green Tire Concepts“ und konnte mit interessanten Vorträgen und hochkarätigen Referenten aufwarten.

Modifizierter Naturkautschuk

Das Geheimnis des japanischen Ökoreifens besteht in einem modifizierten Naturgummi, der den Nachteil des Originalprodukts, nämlich die geringere Haftung, aufhebt. Das Material soll so gut sein, dass der Enasave sogar einen um 35 Prozent geringeren Rollwiderstand als ein Standardreifen erreicht.

Neben dem Redner aus Japan erklärte auch der Abteilungsleiter Mischungsentwicklung bei Continental, Dr. Holger Lange, wie die Reifenbranche ihre Abhängigkeit vom Rohöl verringern will. Er berschrieb neue Recyclingverfahren wie das Devulkanisieren, das gebrauchtem Reifengummi vergleichbare Eigenschaften wie neuem Material verleihen soll. Bisher sind dem Reifenrecycling enge Grenzen gesetzt, weil sich vulkanisierter Gummi nur in fein gemahlenem Zustand in geringem Maße der Mischung zusetzen lässt.

Gummi aus Löwenzahn

Gummi ließe sich zudem aus Löwenzahn herstellen (ein Verfahren, das sowohl deutsche als auch russische Forscher bereits im Zweiten Weltkrieg untersucht haben) sowie aus jeglicher Art von Biomasse, die über einen Biomass-to-Liquids-Prozess in Öl und dann in synthetischen Kautschauk umgewandelt wird. Dr. Annette Lechtenböhmer vom Goodyear Innovation Center in Luxemburg beschrieb sogar eine weitere Möglichkeit: Bakterien könnten Vorstufen zum Polymer herstellen.

Auf lange Sicht ließe sich durch innovative Herstellungsverfahren das klassische System aus Polymer und Füllstoffen, deren Zusammenwirken die Reifeneigenschaften maßgeblich bestimmt, auflösen. Neue Werkstoffe könnten die Eigenschaften beider Grundzutaten in sich vereinen.

Automatisch korrigierbarer Fülldruck

Peter Becker, Leiter Forschung und Technik beim indischen Reifenhersteller Apollo, ging in seinem Vortrag auf einen völlig anderen Aspekt ein. Nach seiner Meinung ist es ein Unding, dass der Autofahrer sämtliche Fortschritte, die die Reifenentwicklung in den letzten Jahren gemacht hat, einzig und allein mit einem falschen Reifenluftdruck zunichte machen – ein Problem, das jeder in der Branche kennt. Deshalb regte Becker an, sich nicht mit einem Reifendruckkontrollsystem zu bescheiden, wie es neu homologierte Fahrzeuge ab November 2012 haben müssen. Er forderte die Automobilbranche auf, Systeme zu entwickeln, die den Fülldruck automatisch korrigieren und an die Fahrsituation und den Beladungszustand anpassen können.


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