Wirtschaft

China: Wandel oder Krise?

| Redakteur: Christian Otto

Noch profitieren die deutschen Hersteller vom chinesischen Wirtschaftsmodell. Doch eine Umstellung ist zwingend nötig.
Noch profitieren die deutschen Hersteller vom chinesischen Wirtschaftsmodell. Doch eine Umstellung ist zwingend nötig. (Foto: Daimler)

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China boomt. Doch wie lange noch? Kenner wie die Berater von JSC Automotive hoffen auf Maßnahmen der chinesischen Regierung, um eine Finanzkrise zu vermeiden. Ansonsten könnte die Erfolgswelle, auf der deutsche OEMs und Zulieferer gerade reiten, sehr schnell brechen.

China ist derzeit für viele Unternehmen in der Automobilindustrie immer noch ein Markt, auf dem sie von Erfolg zu Erfolg eilen können. Doch die Momentaufnahme darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land auf ein sehr anfälliges Wirtschaftsmodell setzt. „Die chinesische Regierung ist sich darüber im Klaren, dass eine Beibehaltung des von Investitionen getriebenen Wirtschaftsmodells nahezu unweigerlich zu einer Finanzkrise führen und kein nachhaltiges Wachstum ermöglichen würde“, erklärt Jochen Siebert von der Beratungsfirma JSC Automotive. Doch die Umstellung der Wirtschaft auf ein Modell, das stärker von Konsum getragen wird, ist sehr schwierig und bedarf vieler grundlegender Reformen.

Jochen Siebert ist ein Kenner des chinesischen Marktes.
Jochen Siebert ist ein Kenner des chinesischen Marktes. (Foto: JSC Automotive/ Michael Ryan)

Politische Verlautbarungen und Entscheidungen Ende letzten und Anfang dieses Jahres sprechen dafür, dass die Führung in Peking endlich handeln will. Erster und grundlegender Schritt ist die Reform des Finanzbereichs: weg vom derzeitigen System der Staatsbanken hin zu einem liberalisierten Finanzmarkt. Konkret müsste dafür bis zum Ende des Jahres eine Bankeinlagenversicherung eingeführt und zu Beginn des nächsten Jahres der Zinssatz für Einlagen liberalisiert werden.

Ein Einbruch ist möglich

Doch China-Kenner Siebert zeigt sich wenig optimistisch: „Wir halten es nach wie vor für wahrscheinlicher, dass es der Regierung in den nächsten zwei Jahren nicht gelingt, das Wirtschaftsmodell umzustellen, da zu viele Kräfte ein großes Interesse an der Beibehaltung des Status quo haben.“ Außerdem steige im Falle einer Umstellung die Gefahr einer unkontrollierten Wirtschaftskrise.

Sowohl ein Festhalten am investitionsgetragenen Wirtschaftsmodell als auch die empfohlene Umstellung des Systems hätten Auswirkungen auf die vor Ort aktiven deutschen Unternehmen. Sollte nämlich der Status quo beibehalten werden, erwartet JSC Automotive für die nächsten zwei Jahre ein weiterhin starkes Wachstum des Marktes, der dann aber wegen einer Finanzkrise dramatisch einbrechen würde.

„Diese Finanzkrise sehen wir im Jahr 2016 als wahrscheinlich an. Sie würde sich zunächst im Nutzfahrzeugmarkt zeigen und mit einem Jahr Verspätung auch in den Stückzahlen für Pkw“, warnt Siebert. Bereits 2016 dürften dann laut JSC die Margen stark fallen, da die Fahrzeughersteller die Stückzahlen mit hohen Rabatten hochhalten würden. Das hätte auch Folgen für die hiesigen OEMs: „Alle deutschen Hersteller müssten ihren Modellmix Richtung untere Mittelklasse verlagern, da der Absatz hochwertiger Fahrzeuge ab dem Jahr 2017 für viele Jahre nicht mehr das jetzige Niveau erreichen würde.“

Umstellung mit Folgen

Gelingt China aber die Umstellung der Wirtschaft, erwarten die Berater einen stabilen Fahrzeugmarkt mit hohem Premiumanteil. Und es ergäbe sich laut Siebert noch ein Nebeneffekt: „Die Umstellung wäre verbunden mit einer Aufhebung der Joint-Venture-Vorschrift, sodass die ausländischen Firmen alsbald mit dem Herauskaufen der chinesischen Partner beginnen könnten.“

Er sieht dabei VW gegenüber GM und Ford im Nachteil, da die Wolfsburger zwei Partner haben und die beiden Joint Ventures inzwischen eine hohe Überlappung des Produktmixes bringen. VW wäre daher auf viele Jahre mit der Konsolidierung beschäftigt. BMW wiederum könnte laut JSC schneller als Mercedes zum Ziel kommen, da der Partner Brilliance deutlich schwächer sei als BAIC, und da sich Daimler mit dem Kauf von zwölf Prozent von BAIC in gewisser Form auch langfristig gebunden habe.

Auch die in China aktiven Zulieferer, und solche, die es noch werden wollen, sollten beachten, dass das Risiko einer Finanzkrise nicht unerheblich ist. Doch wie Jochen Siebert anmerkt, bleibe „auch nach einer solchen Krise die Bedeutung des chinesischen Marktes groß“. Vor einem derzeitigen Markteintritt sollte genau betrachtet werden, welche OEMs eine solide Zukunft haben. Auch sollten die Entscheider bei der Finanzplanung nicht davon ausgehen, dass sich das dortige Wachstum in den nächsten fünf Jahren linear fortsetze.

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