09.02.2009 | Autor / Redakteur: Das Gespräch führte Jens Meiners. / Jens Meiners
»AI« im Gespräch mit VW-Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Hackenberg.
»AI«: Können Sie das Programm „2018 plus“ bzw. die Strategie für die Jahre nach 2018 skizzieren?
Dr. Ulrich Hackenberg: Die „Strategie 18 plus“ ist das Wachstumsprogramm des gesamten Volkswagen-Konzerns für das kommende Jahrzehnt: die Ausrichtung als ökonomisch und ökologisch weltweit führendes Automobilunternehmen. Sie dient allen Konzernmarken als Basis der Weiterentwicklung eigener Strategien. Die Kernmarke Volkswagen setzt ihr Programm unter dem Begriff „Mach 18 plus“ fort. Im Hinblick auf Fahrzeuge, Aggregate und Leichtbau streben wir neue ökologische Maßstäbe an. In diesem Zusammenhang veranschlagt das Unternehmen in den kommenden Jahren Ausgaben für Entwicklung und Investitionen in neue Modelle und Technologien von jährlich mehr als acht Mrd. Euro. Einen Schwerpunkt bilden hier alternative Antriebe und die Motorenentwicklung mit einem konsequenten Downsizing.
»AI«: Wo hat der Konzern im Vergleich mit dem Wettbewerb noch Nachholbedarf?
Hackenberg: Ich denke, wir müssen uns vor keinem Wettbewerber verstecken. Im Gegenteil. Unsere Strategien für die einzelnen Märkte erweisen sich gerade aktuell als richtig. Auch wenn momentan die Zulassungszahlen zurückgehen, wird das Mobilitätsbedürfnis eher zu- als abnehmen. Beim motorisierten Individualverkehr muss zwischen den zukünftigen Entwicklungen in den Industrieländern und denen der Schwellenländer unterschieden werden: Wachstumsmärkte wie China und Indien befinden sich erst auf dem Weg in die Massenmotorisierung. Das Wachstum dort ist atemberaubend und wird unserer Einschätzung nach – trotz der aktuellen Wirtschaftskrise – mittel- und langfristig anhalten. In den klassischen Industrieländern, insbesondere in den Megacities, wird es in Zukunft darauf ankommen, nachhaltige Fahrzeug- und Mobilitätskonzepte anzubieten, die bei vertretbaren Gesamtkosten maximale Flexibilität und minimale Umweltbelastung erlauben.
»AI«: Kann VW mit den kommenden US- und China-spezifischen Modellen den Premium-Anspruch aufrechterhalten?
Hackenberg: Natürlich, anders ist das gar nicht denkbar! Alle unsere zukünftigen Modelle werden noch stärker den Bedürfnissen der jeweiligen Märkte angepasst sein und gleichzeitig die Botschaft widerspiegeln: „Bei Volkswagen ist das Geld immer gut angelegt!“
»AI«: Wie viel Prozent des F&E-Budgets gehen in alternative Antriebe?
Hackenberg: Das kann und will ich Ihnen nicht sagen. Seien Sie sich jedoch gewiss, dass die ganze Mannschaft konzentriert an den Lösungen für die Fragen von morgen arbeitet. Alternative Antriebe sind da nur ein Teil.
»AI«: Sind von VW in den nächsten Jahren Radikalinnovationen zu erwarten?
Hackenberg: Was meinen sie damit? Auch in dreißig Jahren werden die Autos auf Rädern rollen und mit Verbrennungsmotoren fahren. Natürlich arbeiten wir ständig an der Entwicklung von zukunftsträchtigen Konzepten – Fahrzeuge, die dem Kunden durch Innovationen echten Mehrwert bieten und dabei bezahlbar bleiben. Volkswagen ist auf dem Weg zum innovativsten Volumenhersteller der Welt und hat, etwa mit der New Small Family, eine ganze Serie von innovativen, bezahlbaren Fahrzeugen in der Pipeline. Ein sehr aktuelles Beispiel ist auch unsere Dachmarke BlueMotionTechnologies. Damit zeigen wir, welche intelligenten Konzepte es bereits heute zur Emissions- und Verbrauchsreduzierung gibt. Volkswagen kombiniert energieeffiziente und erfolgreiche Basistechnologien, wie TDI, TSI oder DSG mit besonders umweltfreundlichen Entwicklungen, z. B. die Start-Stopp-Automatik und Rekuperation. Wir sind als Europas größter Dieselhersteller natürlich auch an der Kombination von TDI- und E-Motor interessiert. Beispiel Golf TwinDrive, der momentan zusammen mit der Bundesregierung als Flottenversuch in Berlin getestet wird. Aktuell präferieren wir als ersten Schritt jedoch die Verbindung von Otto- und Elektromotor. Der Prototyp des Touareg Hybrid ist ein erster Schlüssellochblick auf diese Technik von morgen.
»AI«: Ist die Eigenfertigung von Batterien für Sie ein Thema?
Hackenberg: Wir müssen über Batterie-Know-how verfügen, was Speicherkapazität, Lebensdauer und Sicherheit der Batterien betrifft. Wir wollen nicht selbst Zellenentwicklung oder -fertigung betreiben. Aber wir wollen verstehen, was da elektrochemisch passiert und wir müssen die Zellen in ein Batteriegehäuse paketieren, das mit der Fahrzeugarchitektur harmoniert. Unser Anspruch ist es, dem Kunden eine gute, sichere Serienlösung zu bieten. Wir arbeiten dabei mit Batterieherstellern wie Sanyo und Toshiba zusammen. Toshiba, einer unserer Kooperationspartner, hat zu diesem Zweck vor kurzem ein Batterie-Forschungszentrum in der Region eröffnet. Die Kollegen arbeiten an einer sehr interessanten Lösung. Damit wird die Batterietechnik in Zukunft effizienter, sicherer und kostengünstiger als heute.
»AI«: Werden die Autos in Zukunft wieder deutlich leichter?
Hackenberg: Das Fahrzeuggewicht geht ganz maßgeblich in den Verbrauch und damit in die CO2-Emission ein. Wir investieren deshalb ganz gezielt in Richtung Leichtbau. Auf dem Karosseriesektor geht es beispielsweise in Richtung Multi-Material-Technologie, bei der wir unterschiedliche Materialien wie Stahl in unterschiedlichen Festigkeiten oder Aluminium und Kunststoffe im Verbund einsetzen. Eine wesentliche Investition betrifft die Warmumformung, bei der die Bleche vor der Verformung aufgeheizt werden und sich beim Abkühlen hochverfestigen. Die hochfesten Stähle setzen wir im großen Stil im Bereich der Fahrzeugstruktur und der Sicherheitszelle ein.
»AI«: Wann werden Sie das Konzernprogramm auf die drei neuen Architekturen umgestellt haben? Wird es weiterhin Modelle geben, die auf separaten Plattformen basieren?
Hackenberg: Sie haben sicher Verständnis, dass ich Ihnen zu den meisten unserer geplanten Entwicklungen und Strategie keine Informationen geben kann. Lassen Sie sich überraschen, welche Produkte und Konzepte der Volkswagen-Konzern in den kommenden Jahren präsentieren wird! Nur eins zu den von Ihnen erwähnten Modulbaukästen: Wir werden durch sie die Anpassung der Plattformen auf die verschiedenen Marken und Modelle noch effizienter gestalten können.
»AI«: Wie sieht Ihre strategische Ausrichtung im Low-Cost-Segment aus? Nehmen Sie den Kampf mit Dacia, Fiat, Tata usw. auf – und mit welchen Marken?
Hackenberg: Die Produktoffensive der Marke Volkswagen wird in den nächsten Jahren internationaler geprägt sein. Die zukünftige Produktpalette muss noch mehr auf die Wachstumsmärkte wie China, Indien und Russland zugeschnitten werden. Dafür ist ein tiefes Verständnis der regionalen Kundenanforderungen erforderlich. Zukünftig wird es zwei unterschiedliche Produktpakete geben: eines für die europäischen Märkte und ein „Non-EU-Portfolio“ für die Märkte außerhalb Europas. Für die Eroberung dieser Zukunftsmärkte entwickelt Volkswagen innovative, preislich besonders attraktive Fahrzeugkonzepte.
»AI«: In welchen Märkten werden die Marken Skoda und Seat agieren?
Hackenberg: Ich sehe keinen Grund, an den Märkten der beiden Marken etwas zu ändern. Skoda ist mittlerweile sogar von Europa bis Asien zu haben.
»AI«: Ist es problematisch, wenn Konzernmodelle in Konkurrenz zueinander stehen?
Hackenberg: Ich glaube, das Spiel der Marken beherrscht kein Konzern so wie wir. Wir haben 170 Modelle im Konzern. Dass es da manchmal zu kleineren Überschneidungen kommt, ist vertretbar.
»AI«: Wie wirkt sich die Finanz- und Branchenkrise auf Ihre Budgets und aktuellen Entwicklungsprojekte aus?
Hackenberg: Wenn Sie damit fragen wollen, ob wir einzelne Projekte ganz gestrichen haben, lautet die Antwort: Nein. Sicher sind wir uns der aktuellen Problematik bewusst und handeln dementsprechend. Das heißt jedoch nur, dass wir Terminpläne nach Dringlichkeit geordnet haben und weiterhin mit unternehmerischem Weitblick agieren.
»AI«: Wie sollen die Zulieferer zur Überwindung der Krise beitragen?
Hackenberg: Wir arbeiten in einem konstanten Dialog mit unseren Lieferanten an Lösungen. Im Mittelpunkt unserer Beschaffungsaktivitäten steht ein effizientes Lieferantenmanagement. Dieses wird kontinuierlich optimiert und die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Lieferanten hinsichtlich optimierter Materialkosten, höherer Qualität und eines verstärkten Innovationsmanagements erweitert. Unsere regelmäßigen Lieferantenklausuren, unser Forum „Lieferantenqualität“ sowie unser Forum „Innovation“ sind dabei wesentliche Bausteine zur Integration unserer Partner. Auf diese Weise werden gemeinsam Ansätze für eine höhere Wettbewerbsfähigkeit erarbeitet und erfolgreich umgesetzt.
»AI«: Wird sich die Rolle der Zulieferer in der Produktentwicklung verändern?
Hackenberg: Die Erfolge der eingeführten Plattformen in der Zusammenarbeit mit Lieferanten haben uns dazu bewegt, mit dem Aufbau eines Kaufteile-Managements einen weiteren Baustein zu ergänzen. Hierbei konzentrieren sich unsere Spezialisten besonders in der frühen Phase der Fahrzeugentwicklung vor Produktionsstart auf diejenigen Serienlieferanten, deren Komponenten wegen ihrer Komplexität intensiv betreut werden müssen. Dies ist vor allem im Hinblick auf die steigende Zahl an Produktanläufen bei gleichzeitig verkürzten Entwicklungszeiten und höheren Qualitätsanforderungen ein effektives Werkzeug, um weiterhin am Markt erfolgreich zu sein.
»AI«: Wollen Sie die aktuelle Fertigungstiefe beibehalten oder in Zukunft mehr extern fertigen lassen?
Hackenberg: Viele Mitbewerber haben sich in der Vergangenheit durch Auslagerungen kurzfristige Bilanzverbesserungen verschafft. Wir haben statt auf Out- auf Insourcing gesetzt. Jetzt zeigt sich, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben, denn die Integration immer komplexerer Technologien fordert ein immer größeres Detailwissen.
Dr. Ulrich Hackenberg, 58, ist seit Februar 2007 Entwicklungsvorstand der Marke Volkswagen. Nach Studium und Promotion an der RTWH Aachen begann er 1985 seine Karriere bei Audi. Von 1998 bis 2002 leitete er bei Volkswagen die Aufbau- und Pkw-Konzeptentwicklung und wechselte dann erneut zu Audi. Seit 2004 verantwortet er den Modulmanagement-Bereich Aufbau und koordiniert konzernweit den Einsatz von Karosserie- und Ausstattungskomponenten.
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