NAIAS

Zwischenbilanz in Detroit: Stars und Entschuldigungen

| Autor / Redakteur: Jens Meiners / Wolfgang Sievernich

Die neue Mercedes E-Klasse ist einer der Stars in Detroit.
Die neue Mercedes E-Klasse ist einer der Stars in Detroit. (Foto: Jens Meiners)

Die North American International Show (NAIAS) in Detroit glänzt mit neuen Modellen, neuen Namen und überraschenderweise neuen Dieseln.

Das erste Publikumswochenende liegt hinter der North American International Show (NAIAS) in Detroit. Begonnen hatte die Messe mit Entschuldigungen. Nicht den Elektro-Van Budd-E, der auf der CES in Las Vegas für Furore sorgte, hatte Volkswagen mitgebracht, sondern eine Litanei von Entschuldigungen. Volkswagen entschuldigte sich ein ums andere Mal für den Diesel-Skandal, der von der US-Umweltbehörde weiterhin in beispielloser Weise ausgebeutet wird, um sich in Szene zu setzen.

Volkswagen in Erklärungsnot

Da war es geradezu erfrischend, dass VW-Chef Matthias Müller in einem am Vorabend aufgezeichneten Interview die unterstellte böse Absicht rundheraus abstritt. Doch dahinter steckte keine Strategie und keine konsequent durchgehaltene Linie – und so diente das Interview als Steilvorlage für diejenigen, die sich weiter empören wollten. Das in der Vergangenheit zur Schau gestellte Selbstbewusstsein von VW wirkte auf dem Problem-Markt USA immer schon ein wenig deplatziert, aber der Gestus totaler Zerknirschung steht den Wolfsburgern noch weitaus schlechter. Das Debüt der Tiguan-Studie GTE Active Concept wurde von der trüben Stimmung überschattet. Ohnehin wird auf dem US-Markt eine andere Variante mit längerem Radstand und größerem Innenraum verkauft werden.

VW-Konzernmarken unbeeindruckt

Immerhin blieben die Konzernmarken Audi und Porsche von der Diskussion verschont. Porsche zeigt die Spitzenmodelle des 911er, deren Modellbezeichnung (Turbo) nur noch als historische Anspielung zu deuten ist, denn mit Turboaufladung glänzen dort inzwischen auch die Einstiegsvarianten. Audi sorgte mit der Studie „H-tron“ für eine der nicht so häufigen Überraschungen auf dieser Messe, die noch bis zum Sonntag, 24. Januar 2016, dauert. Dabei handelte es sich im Grunde um die IAA-Studie „E-tron Quattro“, ergänzt um eine zusätzliche Brennstoffzelle und einen Wasserstoff-Tank. Die Anspielung auf ein vollelektrisches Serienmodell ist unmissverständlich; es soll ab 60.000 Euro kosten.

Audi mit neuem Bedienkonzept

Eindrucksvoll ist vor allem das futuristische Interieur, mit dem Audi einen Ausblick auf ein völlig neues Bedienkonzept gibt; es soll erstmals in der nächsten Generation des A8 verbaut werden. Auch die Scheinwerfertechnik der Studie beeindruckt, die Anwendungsmöglichkeiten für LEDs, OLEDs und Laserlicht sind weit vielfältiger als die nur schleppend angepassten gesetzlichen Vorgaben. Währenddessen ist beim Exterieur-Design von Audi noch keine überzeugende Strategie erkennbar. Der neuvorgestellte A4 Allroad wurde noch aus der Ära Egger übernommen, und auch der „H-tron“ erzeugt leider keinen großen Appetit auf die kommende Serienvariante.

Daimler polarisiert

Wie aus einem Guss präsentierte sich hingegen der Daimler-Konzern. Hier dominierte die neue E-Klasse, die nicht nur mit eleganter Außenhaut, sondern auch mit effizienten Antrieben, anspruchsvollen Assistenzsystemen und einem sensationellen Interieur überzeugt. Der wenig originellen Kritik, die E-Klasse ähnele nunmehr stilistisch der C- und S-Klasse, entgegnen die Stuttgarter, genau dies sei bei den Kernmodellen der Marke beabsichtigt. Der SLK mutiert zum SLC – und nimmt gleichzeitig das Ende der AMG-Sportmodelle vorweg: Diese figurieren nämlich in Zukunft als reine AMG-Typen – so wie der Mercedes-AMG SLC 43, der bis vor kurzem noch als Mercedes-Benz 450 SLC AMG geplant war. Die neue Nomenklatur soll sukzessive auf alle aktuellen AMG-Sportmodelle ausgerollt werden; das entsprechende Derivat der E-Klasse soll demnächst als E43 lanciert werden.

Mini fehlt – Smart eigenständig

Die Tochtermarke Smart, eigentlich nur an der Ost- und Westküste präsent, trat in Detroit mit eigenem Stand auf. Die Geste ist bemerkenswert vor dem Hintergrund einer Entscheidung des BMW-Konzerns: Mini glänzte durch Abwesenheit. Aus München ist zu hören, dass man sich in Zukunft auf einige wenige Messen beschränken wolle; Mini kopiert damit die Strategie von Luxusmarken wie Jaguar, Bentley oder der Konzernschwester Rolls-Royce. Ob das funktioniert, bleibt abzuwarten; intern wird die Entscheidung kontrovers beurteilt. Gut angekommen ist der BMW M2, ein Kompaktsportler, der das Zeug zum Kultauto hat. Als historische Reminiszenz dient der 2002 Turbo, jenes fast unfahrbare und schwer verkäufliche Spitzenmodell der 02er-Baureihe, das dem Hersteller wegen des aggressiven Schriftzuges „turbo 2002“ auf dem Frontspoiler einst sogar eine Erwähnung im Bundestag eintrug.

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