Classic Cars 60 Jahre Mercedes-Benz 300 SL

Redakteur: Thomas Günnel

„SL“: Automobil-Enthusiasten dürften jetzt aufhorchen – steht das Kürzel doch für Sportlichkeit und Ästhetik. Nun wird der Mythos „Mercedes-Benz 300 SL“ 60 Jahre alt. Ein Rückblick.

60 Jahre Mercedes-Benz 300 SL: Im März 1952 stellte Mercedes-Benz den 300 SL (W 194) der Presse vor. In der Folge fuhr der Sportwagen etliche Siege ein – und wurde zum Mythos.
60 Jahre Mercedes-Benz 300 SL: Im März 1952 stellte Mercedes-Benz den 300 SL (W 194) der Presse vor. In der Folge fuhr der Sportwagen etliche Siege ein – und wurde zum Mythos.
(Mercedes-Benz)

„Sehr geehrte Schriftleitung! Der neue Mercedes-Benz Sportwagen Typ 300 SL (Super-Leicht) wird in dieser Woche erstmalig Versuchsfahrten in der Öffentlichkeit durchführen. Aus diesem Anlass übersenden wir Ihnen anliegend die technischen Daten dieses Fahrzeugs und ein Foto.“ – So kündigt das Unternehmen in einer Pressemitteilung am 10. März 1952 das Debüt des 300 SL (Baureihe W 194) an.

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Zwei Tage später wurde das Fahrzeug auf der Autobahn Stuttgart-Heilbronn, der heutigen A 81, ausgewählten Journalisten vorgestellt. Die damalige Pressemitteilung verrät auch, was Mercedes-Benz mit dem neuen Rennsportwagen vorhatte: „Drei ‚300 SL‘ wurden inzwischen für das am 3./4. Mai 1952 stattfindende, berühmte italienische Straßenrennen, die ‚Mille Miglia‘, mit den Fahrern Caracciola, Lang und Kling am Steuer, gemeldet. Rudolf Caracciola hat dieses Rennen bereits einmal auf Mercedes-Benz SSKL im Jahre 1931 gewonnen.“

Viele Siege in internationalen Rennen

Insgesamt baute Mercedes für die Rennsaison 1952 zehn Fahrzeuge des Typs W 194. Ihr Einsatz verlief außerordentlich erfolgreich: Plätze zwei und vier bei der Mille Miglia, Dreifachsieg beim Preis von Bern für Sportwagen, Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans, Vierfachsieg beim Großen Jubiläumspreis vom Nürburgring. Das letzte große Abenteuer der Saison war die Teilnahme an der 3. Carrera Panamericana in Mexiko, einem strapaziösen Langstreckenrennen über 3.111 Kilometer durch Mexiko, in fünf Tagen und acht Etappen. Die Wagen von Karl Kling und Hans Klenk sowie Hermann Lang und Erwin Grupp fuhren dabei im November 1952 einen legendären Doppelsieg für Mercedes-Benz ins Ziel.

Die Straßenversion des 300 SL

Mit diesen Aktivitäten meldete sich Mercedes-Benz nicht nur im Motorsport zurück. Eigentlich war keine Serienfertigung des 300 SL geplant. Der Mercedes-Benz Importeur Max Hoffman mit Sitz in den USA forderte aber einen entsprechenden Seriensportwagen, um den neu entstandenen Mythos SL für Kunden direkt erfahrbar zu machen. Im Februar 1954 präsentierte Mercedes den 300 SL (W 198 I) „Flügeltürer“ – die Straßenversion des Ursprungs-SL – auf der International Motor Sports Show in New York. Die Serienproduktion begann im August 1954 im Werk Sindelfingen. Der Preis wurde zu 29.000 Mark festgelegt – damals eine enorme Summe. Ein Mercedes-Benz 170 Vb kostete zuletzt 7900 Mark. Das alltagstauglichere und erschwinglichere Pendant zum 300 SL – der Typ 190 SL (W 121) – debütierte zeitgleich zur International Motor Sports Show in New York.

Der 300 SL Roadster

Auf dem Genfer Automobil-Salon im März 1957 stellt Mercedes-Benz als Nachfolger des Flügeltüren-Coupés den 300 SL als Roadster (W 198 II) vor. Maximilian E. Hoffman hatte dieses Fahrzeug von vornherein für den US-Markt gefordert, er sah dort für einen offenen Wagen größere Absatzchancen als für ein Coupé. Technisch entspricht der Roadster weitgehend dem Coupé. Modifikation der Seitenteile des Gitterrohrrahmens ermöglichten es, die Einstiegshöhe so weit zu reduzieren, dass sich normale Türen realisieren ließen. Grundlegend verbessert wurde zudem die Hinterrad-Aufhängung: Sie ist nun mit einer Eingelenk-Pendelachse mit tief gelegtem Drehpunkt und einer Ausgleichsfeder versehen. Gegenüber der ursprünglichen Pendelachse des Flügeltüren-Coupés ergibt das deutlich verbesserte Fahreigenschaften.

Abnehmbares Coupé-Dach und Scheibenbremsen

Ab Oktober 1958 gibt es als Sonderausstattung ein abnehmbares Coupé-Dach, das zum Preis von 1.500 DM lieferbar ist und auf Wunsch auch nachträglich montiert werden kann. Von den technischen Änderungen, die im Laufe von sechs Jahren in die Produktion einfließen, sind zwei besonders erwähnenswert: Im März 1961 erhält der 300 SL Dunlop-Scheibenbremsen an Vorder- und Hinterrädern, und ab März 1962 wird ein modifizierter Motor mit Leichtmetall-Motorblock eingebaut.

8. Februar 1963: Das Ende einer Epoche

Die Produktion des 300 SL lief zeitgleich mit dem Bau des 190 SL am 8. Februar 1963 in Sindelfingen aus. Dieses Datum markiert das Ende einer Epoche: Nachdem im März 1962 bereits die Produktion des Typ 300 eingestellt worden war, verschwand nun mit dem 300 SL das letzte Pkw-Modell mit separatem Rahmen aus dem Produktionsprogramm von Mercedes-Benz. Nachfolger des 300 SL ist der 230 SL „Pagode“, den Mercedes-Benz im März 1963 auf dem Genfer Automobilsalon der Öffentlichkeit vorstellt.

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Den ersten 300 SL gibt es nicht mehr

Der erste 300 SL Rennsportwagen, das Premierenfahrzeug von 1952, existiert nicht mehr: Er wurde verschrottet. Der zweite gebaute Wagen mit der Fahrgestell-Nummer 194 010 00002/52 ist noch vorhanden. Seit seiner Fertigstellung befindet sich das Fahrzeug ununterbrochen im Werksbesitz, das eingeschlagene „/2“ auf diversen Teilen bezeugt seine Originalität. Während der aufwendigen Restaurierungsarbeiten von Mercedes-Benz Classic wurden sämtliche Teile des vollständig demontierten Fahrzeugs untersucht. Alles wurde nach höchsten Maßstäben an Originalität und Qualität wieder instand gesetzt. „Eine klare Vorgabe bestand darin, die Substanz und Patina des Rennsportwagens zu erhalten. Jetzt erstrahlt der 300 SL mit der Chassisnummer 2 in neuem Glanz – und zeigt doch stolz die Spuren seines aufregenden Fahrzeuglebens“, sagt Michael Bock, Leiter von Mercedes-Benz Classic.

„60 Jahre SL“ auf dem Nürburgring

Was im Jahr 1952 mit dem 300 SL Rennsportwagen (W 194) begann und sich in den Folgejahren zu einem starken Mythos entwickelt hat, wird mit dem in diesem Jahr vorgestellten jüngsten Mercedes-Benz SL (R 231) fortgeführt. Mercedes-Benz Classic feiert deshalb beim 40. AvD Oldtimer-Grand-Prix vom 10. bis 12. August 2012 „60 Jahre SL“. Der Grand-Prix findet jährlich auf dem Nürburgring statt –mit dem Mercedes-Benz aus seiner Historie und zahlreichen Rennsporterfolgen auf der Strecke heraus eng verwoben ist.

Vierfach-Sieg beim Großen Jubiläumspreis vom Nürburgring für Sportwagen am 3. August 1952: Startnummer 21: Sieger Hermann Lang, vor Startnummer 24: Karl Kling, Startnummer 22: Fritz Rieß, und Startnummer 23 (links im Hintergrund): Theo Helfrich
Vierfach-Sieg beim Großen Jubiläumspreis vom Nürburgring für Sportwagen am 3. August 1952: Startnummer 21: Sieger Hermann Lang, vor Startnummer 24: Karl Kling, Startnummer 22: Fritz Rieß, und Startnummer 23 (links im Hintergrund): Theo Helfrich
(Mercedes-Benz)

Mit den 300 SL erzielte der Hersteller in der Rennsaison 1952 – der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg für die Marke mit dem Stern – beim Großen Jubiläumpreis vom Nürburgring für Sportwagen einen umjubelten Vierfachsieg. In diesem Jahr erwartet der Veranstalter rund 200 Clubmitglieder aus Deutschland und weiteren europäischen Ländern mit etwa 100 Fahrzeugen der Marke mit dem Stern.

Originale Silberpfeile beim "Goodwood Revival"

Für Classic-Fans noch ein Tipp: Beim Goodwood Revival vom 14. bis 16. September 2012 wird Mercedes-Benz Classic mit fünf originalen Silberpfeilen aus den 1930er-Jahren vertreten sein – und wird mit ihnen auch ein inszeniertes Schaurennen mit Rennwagen von Auto Union veranstalten – die größte Versammlung von Silberpfeilen seit vielen Jahrzehnten.

Die Karosserie des 300 SL

Die Karosserie des 300 SL besteht zum größten Teil aus hochwertigem Stahlblech, die Motorhaube, die Kofferraumklappe, die Schweller- und Türhaut jedoch aus Aluminium. Auf Wunsch und gegen einen verhältnismäßig geringen Aufpreis bestand die gesamte Karosserie aus Leichtmetall, was das Auto um 80 Kilogramm leichter machte. Doch diese Option gönnten sich nur 29 SL-Kunden – heute sind diese Autos sehr begehrt.

Der Gitterrohrrahmen – konstruiert von Rudolf Uhlenhaut – vereint höchste Stabilität mit geringem Gewicht. Sehr dünne Rohre werden zu Dreiecken zusammengesetzt – der fertige Rahmen ist extrem verwindungssteif und wird nur auf Druck und Zug beansprucht. Im Serien-SL wiegt der Rahmen nur 82 Kilogramm, das gesamte fahrfertige Auto inklusive Reserverad, Werkzeug und Treibstoff 1295 Kilogramm.

Herkömmliche Türen funktionierten nicht

Die Flügeltüren hatten einen zwingenden, konstruktiven Hintergrund: Die Aluminiumhaut des 300 SL bedeckt einen Rohrrahmen, der an den Fahrzeugflanken zum Vorteil der Stabilität weit nach oben reicht – herkömmliche Türen ließen sich nicht unterbringen. So ersann man den Einstieg von oben. Im englischsprachigen Raum bekam der 300 SL wegen seiner ausgebreiteten Flügeltüren den Beinamen „Gullwing“ (Möwenflügel). Die Türen verfügen dabei nicht über herkömmliche Türgriffe – stattdessen entriegelt ein aus der Karosserie schwenkender Stab das Schloss, und die von einer Teleskopfeder unterstützte Tür schwenkt nach oben.

Die Technik des 300 SL

Die Technik des 300 SL basiert zum Teil auf der Limousine Mercedes-Benz Typ 300 (W 186 II), einem Auto, das gern von Staatsoberhäuptern und Industriellen gefahren wurde und als „Adenauer-Mercedes“ bekannt ist. Der Sechszylinder-Motor wurde stark modifiziert und erhielt unter anderem statt eines Vergasers eine Benzin-Direkteinspritzung: zur damaligen Zeit und noch lange danach ein technisches Schmankerl. Am Ende stand eine Leistung von 158 kW (215 PS). Damit erreicht der 300 SL je nach Hinterradübersetzung bis zu 260 km/h.

Fünf Hinterachsübersetzungen

Fünf unterschiedliche Übersetzungen waren erhältlich: Serienausstattung ist 1:3,64, die vor allem auf hohe Beschleunigung abgestimmt ist und 235 km/h ermöglicht. Eine noch bessere Beschleunigung bieten 1:3,89 und 1:4,11. Die Übersetzung 1:3,42 bietet eine höhere Endgeschwindigkeit. Diese wurde nochmals gesteigert auf 260 km/h – mit der Übersetzung von 1:3,25. Diese jedoch „verringert sehr die Beschleunigung, so dass der Wagen im Großstadtverkehr nicht mehr so gut zu fahren ist“, heißt es in der Verkäufer-Information. In zehn Sekunden sind 100 km/h erreicht.

Verbrauch: 15 Liter, Tankinhalt 130 Liter

Den Verbrauch ermittelten zeitgenössische Autotester mit durchschnittlich rund 15 Liter Benzin. Im Heck ist ein 100-Liter-Tank untergebracht, der gegen Aufpreis auf bis zu 130 Liter erweitert wird.

Damit der Motor im flachen Auto überhaupt Platz fand, wurde er um 45 Grad nach links geneigt. Jedoch nahm das Aggregat dem Beifahrer etwas Fußraum weg. Das Fahrwerk entspricht im Wesentlichen dem der Limousine des Typs 300a, ist aber sportlicher abgestimmt. Die zunächst verwendeten Trommelbremsen sind auf die Sportwagen-Leistung ausgelegt. Erst viel später, im Jahr 1961 als Roadster, erhielt der 300 SL rundum Scheibenbremsen.

Der Innenraum des 300 SL

Der Innenraum des 300 SL zeigt den edlen Sportwagen – gediegen, aber nicht luxuriös. Standardmäßig wurde für den Sitzbezug Stoff in drei karierten Mustern angeboten. Doch die meisten Kunden entscheiden sich für Leder. Für die Karosserie war Silbermetallic die Standardfarbe, gern wurde auch Rot, Dunkelblau und Schwarz bestellt.

Umklappbares Lenkrad für leichten Einstieg

Das Einsteigen in den 300 SL erfordert Übung aufgrund des knappen Raums – schließlich handelt es sich um einen Sportwagen. Damit die Beine einfacher in Richtung Pedale gefädelt werden können, lässt sich das Lenkrad umklappen. Nach dem Einstieg überzeugt die Ergonomie: Die Arme greifen das Lenkrad im exakt richtigen Abstand, die Füße finden problemlos die Pedale. Der 300 SL ist ein Fahrerauto. Die Armaturentafel des 300 SL wirkt äußerst aufgeräumt und sehr übersichtlich, im Hauptblickfeld sind Drehzahlmesser und Tachometer.

Die Pressestimmen von damals

Die zeitgenössische Presse ist voll des Lobs für den 300 SL. „Autosport“ sagt: „Der 300 SL ist ein Wagen mit einer wunderbaren äußeren Erscheinung, gepaart mit einer fast unglaublichen Leistungsfähigkeit. Seine Konstruktion und seine Fertigungsqualität sind geradezu erstklassig, das ganze Konzept stellt eine kompromisslose Verwirklichung aller neuen Ideen dar".

„Road & Track“ schreibt nach dem ersten Test: „Wenn ein komfortabler Innenraum mit einem bemerkenswert guten Fahrverhalten konform geht, mit geradezu unheimlicher Bodenhaftung der Räder, einer leichtgängigen und präzisen Lenkung und einer Leistung, die den besten bisher bekannten Wagen nahe kommt und sie sogar noch zu übertreffen vermag, bleibt nur eines zu sagen: Der Sportwagen der Zukunft ist Wirklichkeit geworden.“

Und „auto, motor und sport“ hält fest: „Unter den Sportwagen unserer Zeit ist der Mercedes 300 SL der kultivierteste und zugleich der faszinierendste – ein Traum von einem Automobil.“

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