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Logistik Aimtec: „Die meisten Unternehmen begreifen Digitalisierung als Chance“

| Autor: Thomas Günnel, Sven Prawitz

Aimtec berät Unternehmen bei der Digitalisierung in Fertigung und Logistik. Im Gespräch beschreibt Unternehmensvorstand Roman Žák, wo die Branche steht – und welche Schritte aus seiner Sicht jetzt wichtig sind.

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Roman Žák ist Vorstandsvorsitzender von Aimtec.
Roman Žák ist Vorstandsvorsitzender von Aimtec.
(Bild: Lukáš Bíba/Economia)

Herr Žák, Sie beraten Industrieunternehmen bei der Digitalisierung. Welche Themen sind hier aktuell besonders drängend und interessant?

Es gibt eine Reihe an Themen, die wir rund um die Digitalisierung beobachten und die für unsere Kunden wichtig sind. Besonders auffällig ist dabei, dass die Grenzen zwischen Logistik, Produktion und Qualitätsmanagement verschwimmen. Diese Bereiche werden immer stärker miteinander vernetzt, so dass die Transaktion von Informationen und der Datenaustausch oft alle drei Bereiche betrifft. Automatisierung ist ein weiteres großes Thema, denn sie eröffnet die Möglichkeit, Mitarbeiter zielgerichtet für wertschöpfende Aufgaben einzusetzen. So können Unternehmen dem Fachkräftemangel begegnen, Fehler vermeiden und Prozesse standardisieren.

Es gibt außerdem rund um das Thema Industrie 4.0 sehr viele Technologien, das kann verwirren. Unserer Meinung nach sollten diese Technologien nur dann implementiert werden, wenn sie den Mitarbeitern helfen, effizienter und produktiver zu arbeiten. Dabei ist es sehr wichtig, die Mitarbeiter einzubeziehen! Mit Technologien einfach nur einem Trend zu folgen bringt keine Vorteile. Eine große Herausforderung ist es dabei, Insellösungen bei Automatisierungsprojekten zu vermeiden – und stattdessen sämtliche Automatisierungs- und Digitalisierungssysteme zu einer integrierten Lösung zusammenzuführen.

Wie hat sich die Logistik in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verändert? Welche neuen Möglichkeiten hat die allgemein „Digitalisierung“ genannte Entwicklung hier gebracht?

Die meisten Unternehmen begreifen Digitalisierung tatsächlich als Chance, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Viele sind inzwischen offen für Technologien, die sie früher noch abgelehnt hatten, Stichwort: Cloud. Vor sechs Jahren wollten alle nur standortgebundene Systeme. Hier hat ein Wandel stattgefunden. Inzwischen sind Cloud-Systeme weit verbreitet und werden auch aktiv nachgefragt. Immer mehr Unternehmen haben eine Vision und auch den Mut, größere Digitalisierungs- und Automatisierungsprojekte anzugehen. Solche Projekte haben zwar kein kurzfristiges Return on Investment, werden in fünf Jahren jedoch zu einem erheblichen Wettbewerbsvorteil führen.

Cloud-Systeme werden inzwischen aktiv nachgefragt.

Welchen neuen Herausforderungen stehen Sie damit gegenüber? Stichworte: Vernetzung bestehender Anlagen, Datenmenge und Komplexität der Prozesssteuerung. Wie lassen sich diese Anforderungen erfüllen?

Standardisierung ist der Schlüsselbegriff, besonders beim Datenaustausch. Wir arbeiten viel mit Systemen zum elektronischen Datenaustausch, um Wareneingang, Produktion und Warenausgang zu vernetzen. Hier setzen wir nach wie vor auf EDI-Systeme (Electronic Data Interchange, Anmerk. d. Redaktion). Es gibt jedoch viele EDI-Standards. EDI fungiert übergeordnet über Warehouse-Management-Systeme, Manufacturing-Operation-Management-Systeme oder Manufacturing-Execution-Systeme.

Der VDMA investiert derzeit viel Mühe und Arbeit in die Standardisierung von Daten. Ein Beispiel ist der neue Standard VDA5050 zur Kommunikation zwischen fahrerlosen Transport- und Koordinationssystemen. Standardisierte Daten in einheitlichen Systemen sind der wichtigste Erfolgsfaktor. Hinzu kommt Know-how. Viele Unternehmen haben nicht das Wissen und die Ressourcen, Daten zu vereinheitlichen und Systeme zu harmonisieren. Hier kommen wir als Systemintegrator ins Spiel.

Auf der Konferenz „Trends in Automotive Logistics“ versammeln Sie die Experten des Fachbereiches. Welche Zielgruppe sprechen Sie mit der TAL-Konferenz an?

Die TAL ist unsere jährliche Konferenz und richtet sich an Innovatoren in der Automobillogistik und an diejenigen, die in diesem Bereich arbeiten – an Praktiker. Wir sprechen die Fachleute an, die die Vorteile der Digitalisierung im Arbeitsalltag bereits kennenlernen oder sich neue Impulse holen, um die Digitalisierung in ihren Unternehmen voranzubringen. Dieses Jahr freuen wir uns besonders über Sprecher von BMW, Škoda oder Webasto.

Wie kommt es zur Zusammenarbeit mit der IHK Regensburg? Arbeiten Sie in weiteren Projekten zusammen?

Wir arbeiten in vielen Bereichen zusammen, zum Beispiel bei Veranstaltungen wie dem Aimtec Hackathon, bei dem vergangenes Jahr zwei deutsche Teams teilgenommen haben; in diesem Jahr findet ein weiterer statt. Auf dem Mechatronik Forum in Cham letztes Jahr hat Jan Stoces einen Vortrag zum Thema Optimierungspotenziale an der Schnittstelle zwischen Produktion und Logistik gehalten. Jan ist unser Director Cloud & Integration Services. Für unsere eigene Konferenz, die TAL, unterstützt uns die IHK, Sprecher wie Marco Prüglmeier von BMW zu gewinnen. Es ist einfach eine tolle Zusammenarbeit.

Trends in Automotive Logistics

Vernetzte Lieferketten, automatisierte Prozesse und flexible Produktion: Auf der Konferenz „Trends in der Automobillogistik“ (TAL) von Aimtec diskutieren Experten am 20. Februar 2020 in Pilsen, Tschechien unter anderem zur Fabrik und Logistik der Zukunft, der Integration von Automations- und Cloud-Lösungen in Digitalisierungsprojekte und Methoden und Werkzeugen der digitalen Transformation.
An Praxisbeispielen zeigen Automobilhersteller, -zulieferer und Firmen anderer Branchen wie sie die Veränderungen umsetzen.

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Die Digitalisierung scheitert oft an mangelnder Interoperabilität. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Fabriken in Europa Brownfield-Standorte sind. Welche Ansätze sehen Sie, um bei „Industrie 4.0“ zügiger voranzukommen?

Es gibt sehr fortschrittliche Tools und Systeme für die Integration von allen Automatisierungs- und anderen digitalen Technologien. Am wichtigsten ist und bleibt aber das Fachwissen. Mit begrenzten Ressourcen lässt sich vieles nicht stemmen. Es geht darum, abzuwägen, wo es sich lohnt, auf eine nahtlose High-Level-Integration zu setzen und wo einfachere Lösungen genügen. Integration funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Man muss interdisziplinär aufgestellt sein, um Projekte mit unterschiedlichen Parteien zu managen. Gleichzeitig gilt es, die beteiligten Personen für das Projekt zu begeistern und den technologischen Level zu begreifen, um alle Maschinen, Geräte und die anderen Funktionen zu vernetzen: PLM, ERP, QMS und so weiter. Bei all dem ist es natürlich entscheidend, die Business-Prozesse des Kunden zu verstehen. Daher ist eine industriespezifische Spezialisierung absolut notwendig.

Das Brownfield ist für Produktion und Logistik natürlich ein limitierender Faktor. Es obliegt dem Kunden, ob die Anordnung eines Standorts oder von Anlagen eine solche Einschränkung darstellen soll, oder ob es sinnvoll ist, in neue, moderne Standorte zu investieren. Das ist jedoch ein sehr komplexes Thema. Wie auch immer: IT und Digitalisierung lassen sich auch in Brownfield-Fabriken realisieren und können die Leistungsfähigkeit erheblich verbessern. In einem solchen Fall müssen Prozesse an die Gegebenheiten angepasst werden. Flexibilität ist hier der Schlüssel zum Erfolg, während die Standards und die Qualität der implementierten Prozesse eingehalten werden müssen. Und ja, auch wenn das nach einem Widerspruch in sich klingt: Es ist möglich.

Wie lautet Ihr Ausblick für die vorausschauende Analyse? Wird es in fünf Jahren keine überraschenden Ausfälle in der Lieferkette mehr geben können?

Hoffentlich! Der zunehmende Einsatz von künstlicher Intelligenz entlang der Lieferkette, um dort Prozesse zu automatisieren und Fehlern entgegenzuwirken, ist in vollem Gange. Gute Prozesse in der Logistik, eine gute Datenqualität und einheitliche Systeme sorgen dafür, Fehler und Ausfälle zu minimieren. Das Ziel muss sein, die Anforderungen nach immer individuelleren Produkten in immer kürzerer Zeit wirtschaftlich abzubilden. Dabei wollen wir unseren Kunden helfen.

Ergänzendes zum Thema
Zur Person Roman Žák

Roman Žák hat an der Universität Westböhmen studiert mit einem Schwerpunkt auf technischer Kybernetik. Nach dem Studium arbeitete er als Entwickler bei einem Unternehmen in Pilsen und später bei Deloitte, wo er Jaroslav Follprecht traf. Beide gründeten 1996 Aimtec und spezialisierten sich auf Beratung und auf Software-Lösungen für produzierende Unternehmen und Logistiker. Als Vorstandsvorsitzender ist er verantwortlich für die Vision und die Strategie des Unternehmens.

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Über den Autor

 Thomas Günnel

Thomas Günnel

Redakteur/Fachjournalist, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE