Connectivity Alcatel-Lucent: „Wir müssen das Automobil zum digitalen Marktplatz machen“

Autor: Christian Otto

Wilhelm Dresselhaus, Vorstandsvorsitzender der Alcatel-Lucent Deutschland AG, spricht im Interview über das Interesse der Automobilindustrie an den Lösungen seines Unternehmens, die hohe Relevanz der Datenhoheit und das Thema Netzabdeckung.

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Wilhelm Dresselhaus, Vorstandsvorsitzender der Alcatel-Lucent Deutschland AG, spürt das zunehmende Interesse der Automobilbranche an den Lösungen seines Unternehmens.
Wilhelm Dresselhaus, Vorstandsvorsitzender der Alcatel-Lucent Deutschland AG, spürt das zunehmende Interesse der Automobilbranche an den Lösungen seines Unternehmens.
(Foto: Alcatel-Lucent)

Herr Dresselhaus, Alcatel-Lucent ist vielleicht noch nicht jedem in der Automobilindustrie bekannt. Was sind die Kernkompetenzen des Unternehmens?

Alcatel-Lucent ist ein Netzwerkausrüster, und das werden wir auch bleiben. Wir liefern Hardware und Software für den Mobil- und Festnetzbereich von Netzbetreibern und für strategische Industrien wie Transport, Energie, Behörden und Großunternehmen mit hohen Anforderungen an IT und Telekommunikation. Wir haben erkannt, dass wir derzeit eine hohe Abhängigkeit von den Serviceprovidern, das heißt von der Telekommunikationsindustrie, haben. Gleichzeitig registrieren andere Industrien, so auch die Automobilbranche, dass unsere Produkte auch dort einen Beitrag zur Wertschöpfung leisten können.

Welche Rolle kann Alcatel-Lucent in der Partnerschaft mit der Automobilindustrie spielen?

Es wird deutlich, dass künftig sowohl die Software für Fahrerassistenzsysteme und spezielle Anwendungen für Fahrer und Insassen als auch die Daten, die von vernetzten Fahrzeugen erzeugt werden, in die Cloud, also in Rechenzentren, ausgelagert werden müssen. Der Grund sind die rapide wachsenden Datenmengen. Wenn diese Daten in der Cloud sind, braucht man zwischen dieser und den Fahrzeugen ein Netz. Und hier sehen wir unsere Chance. Denn man muss sichere, skalierbare Datenverbindungen aufbauen. Gleichzeitig muss man mit den Rechenzentren, in denen die Daten verarbeitet werden, näher an den Endnutzer heranrücken, um die Reaktionszeiten des Netzes zu minimieren. Diese Situation, die wir in der Telekommunikationsindustrie schon jetzt haben, sehen wir auch in der Automobilindustrie kommen.

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Zur Person

Wilhelm Dresselhaus, 56, begann seine berufliche Laufbahn 1986 bei IBM im Forschungs- und Entwicklungszentrum in Böblingen und Hannover. Von 1994 an bekleidete der Diplom-Ingenieur für das Unternehmen von Frankfurt aus verschiedene Führungspositionen, in denen er die Entwicklung und Systemintegration von Informations- und Applikationssystemen für die Medien- und die Telekommunikationsbranche verantwortete. Von 2001 bis 2009 übernahm Wilhelm Dresselhaus weitere Führungsaufgaben als Partner im Business Consulting Services für den Communication Sektor und im Application Management Business. Anschließend wurde er Managing Director Integrated Account Deutsche Telekom. Im Februar 2012 wechselte Wilhelm Dresselhaus zum Telekommunikationsausrüster Alcatel-Lucent. Er übt seitdem die Ämter des Vorstandsvorsitzenden der Alcatel-Lucent Deutschland AG und des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Alcatel-Lucent Holding GmbH aus. Wilhelm Dresselhaus verantwortet das weltweite Geschäft mit dem Großkunden Deutsche Telekom. Gleichzeitig ist er für die Region DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) zuständig.

Und wo wollen Sie konkret ansetzen?

Wir beschäftigen uns seit mehr als einem Jahr mit Anwendungsszenarien. Zwei davon sind für uns besonders wichtig. Das eine Szenario betrachtet, dass das Mehr an Software im Automobil auch gewartet werden muss. Heute fahren Sie mit dem Fahrzeug in die Werkstatt und bekommen dort ein Update. Wir wollen Softwareupdates über den Mobilfunk, also „over-the-air“, unterstützen. Dafür benötigt man eine skalierbare und sichere Datenverbindung. Bei der Sicherheit helfen Virtual Private Networks (Secure VPN). Die Skalierung erfolgt, indem man einen Kanal mit einer bestimmten Bandbreite und Sicherheit wählt. Das andere Szenario betrachtet das Automobil als digitalen Marktplatz. Hier wollen wir die heutige Bluetooth-Verbindung zwischen Automobil und Smartphone abschalten. Wir sehen die Cloud, und nicht das Automobil, als zentralen Ort für die Integration von vernetztem Fahrzeug und Smartphone. Das Automobil wird somit in der Cloud abgebildet. Ich möchte nicht, dass beispielsweise Internetfirmen mithilfe der Anwendungen auf meinem Smartphone auf mein Automobil und dessen Daten zugreifen. Aus unserer Sicht sollten der Automobilhersteller, der derzeit vor allem Know-how über sein Produkt hat, Know-how über den Kunden bekommen. Mit unserer Lösung werden die vom vernetzten Automobil erzeugten Daten nicht im Fahrzeug selbst gespeichert und dort mit dem Smartphone verknüpft, sondern an das Rechenzentrum des Automobilherstellers gesendet. Auf diese Daten kann der der Hersteller, wenn es der Kunden erlaubt, zugreifen. Und daraus generiert der Hersteller neue Geschäftsmodelle.

Sehen Sie die Player Google und Co. als Gefahr für die OEMs?

Wir müssen das Automobil zum digitalen Marktplatz machen, um die Wertschöpfungsmöglichkeiten, die die Vernetzung eröffnet, für die Automobilindustrie zu sichern. Ansonsten drohen die Hersteller zu Lieferanten für Karossen zu werden. Die erste Schlacht die es zu gewinnen gilt, ist die um die Datenhoheit.

ITK-Industrie als Vorbild

Und was kann die Automobilindustrie von der ITK-Industrie und damit auch von Unternehmen wie Alcatel-Lucent lernen?

Heute spricht man stark über Connectivity, also die Vernetzung des Automobils mit dem Internet über den Mobilfunk. Doch es entsteht gerade auch ein Bewusstsein dafür, dass diese Datenverbindung sicher sein muss und dass man Software-Plattformen in der Cloud benötigt, um Daten auszuwerten und neue Geschäftsanwendungen zu ermöglichen. Deshalb erhalten wir sehr positive Feedbacks zu unseren Lösungen. Was wir in Deutschland brauchen ist eine Partnerschaft zwischen Automobilherstellern, Zulieferern, der ITK-Branche und Netzbetreibern. Dann haben wir eine Ende-zu-Ende-Betrachtung von vernetzten Fahrzeugen.

Sie hatten vor einigen Wochen Ihren ersten Auftritt auf der IAA. Wie war die Resonanz?

Die Resonanz war sehr gut. Sie zeigt mir, dass wir mit dem was wir anbieten, einen Nerv treffen.

Die Netzabdeckung ist in Deutschland im globalen Vergleich noch ein Knackpunkt. Spüren Sie einen erhöhten Druck von Seiten der Industrie hier nachzuschärfen?

Die Netzabdeckung in Deutschland ist ein Schlüssel für Wirtschaftswachstum. Wir sind in puncto Bandbreiten noch nicht gut genug, sowohl im Mobilfunk als auch im Festnetz. Die Bundesregierung hat jetzt Fördergelder in Höhe von 2,7 Milliarden Euro für den Breitbandausbau zugesagt. Es ist klar, dass wir ohne eine entsprechende digitale Infrastruktur einen Wachstumshemmer haben werden, der auch die Chancen durch das vernetzte Automobil beeinträchtigen würde.

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Zur Person

Wilhelm Dresselhaus, 56, begann seine berufliche Laufbahn 1986 bei IBM im Forschungs- und Entwicklungszentrum in Böblingen und Hannover. Von 1994 an bekleidete der Diplom-Ingenieur für das Unternehmen von Frankfurt aus verschiedene Führungspositionen, in denen er die Entwicklung und Systemintegration von Informations- und Applikationssystemen für die Medien- und die Telekommunikationsbranche verantwortete. Von 2001 bis 2009 übernahm Wilhelm Dresselhaus weitere Führungsaufgaben als Partner im Business Consulting Services für den Communication Sektor und im Application Management Business. Anschließend wurde er Managing Director Integrated Account Deutsche Telekom. Im Februar 2012 wechselte Wilhelm Dresselhaus zum Telekommunikationsausrüster Alcatel-Lucent. Er übt seitdem die Ämter des Vorstandsvorsitzenden der Alcatel-Lucent Deutschland AG und des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Alcatel-Lucent Holding GmbH aus. Wilhelm Dresselhaus verantwortet das weltweite Geschäft mit dem Großkunden Deutsche Telekom. Gleichzeitig ist er für die Region DACH (Deutschland, Österreich, Schweiz) zuständig.

Sie entwickeln die neue 5G-Technologie. Wie weit sind Sie und was bedeutet diese Entwicklung für das autonome Fahren?

Das autonome Fahren wird es erst mit der fünften Mobilfunkgeneration geben. Die Standardisierung wird Ende des Jahres beginnen. Alcatel Lucent wird daran mitarbeiten. Wir brauchen die Automobilhersteller in diesem Prozess, damit sie ihrer Anforderungen in die Standardisierung mit einbringen. Es gibt viel Druck von der produzierenden Industrie, 5G auszurollen. Das Jahr 2020 scheint mir ein realistisches Ziel.

Gibt es Bereiche in denen Sie noch Fähigkeiten hinzugewinnen wollen? Sind dafür auch Zukäufe angedacht?

Wir streben eine Fusion mit Nokia im 1. Halbjahr 2016 an. Das wird die Innovationskraft der beiden Unternehmen weiter stärken – und bietet hat aber Vorteile auch für die Automobilindustrie. Wenn es zum Zusammenschluß kommt, steht das gemeinsame Unternehmen für 4,7 Milliarden Euro Investitionen in Forschung & Entwicklung, auf Basis der Jahresabschlüsse von 2014. 5G wird ein Entwicklungsschwerpunkt sein. Auch die Virtualisierung von Netzfunktionen und Software-Defined Networking, also die Programmierbarkeit von Netzen, sind aus meiner Sicht wichtige Zukunftsthemen.

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Über den Autor

 Christian Otto

Christian Otto

stellvertretender Chefredakteur, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE