Suchen

Klassische Fahrzeuge Assistenzsysteme einmal anders

| Autor / Redakteur: SP-X/Hanne Schweitzer / Thomas Günnel

Einparkhilfe, adaptives Fahrwerk oder Freisprecheinrichtung sind Erfindungen der automobilen Neuzeit? Nicht so ganz, wie diese fünf Beispiele von Autos ab Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen.

Firmen zum Thema

„Two wheel brakes“, also „zwei gebremste Räder“ hätte dieser Rolls Royce 40/50 hp Silver Ghost. In der damaligen Zeit Grund genug, die Hinterherfahrenden davor zu warnen und so Auffahrunfälle zu vermeiden.
„Two wheel brakes“, also „zwei gebremste Räder“ hätte dieser Rolls Royce 40/50 hp Silver Ghost. In der damaligen Zeit Grund genug, die Hinterherfahrenden davor zu warnen und so Auffahrunfälle zu vermeiden.
(Bild: Sp-X/Hanne Schweitzer)

Historische Fahrzeuge sind aus ganz unterschiedlichen Gründen faszinierend: Aufgrund ihrer Geschichte, ihres über Jahrzehnte erhaltenen Zustandes, des Zeitgeistes, den sie verkörpern, ihres speziellen Designs oder ihrer nicht mit heutigen Autos zu vergleichenden Fahreigenschaften. Mitunter überraschen aber auch kleine Details an den Klassikern, die man so wohl eher an heutigen Neuwagen erwartet hätte. Ein Aufruf, beim Besuch der nächsten Oldtimer-Schau mal etwas genauer hinzusehen.

Dritte Bremsleuchte: Seit 1998 ist neben den beiden äußeren Bremsleuchten bei Neuwagen die dritte Bremsleuchte vorgeschrieben. Sie soll als zusätzliche Warnung an den Hintermann vor Auffahrunfällen schützen. Den gleichen Zweck hatte auch das Zusatzschild an einem Rolls Royce 40/50 hp Silver Ghost: Es sollte den Hinterherfahrenden warnen, dass dieses Auto über Bremsen an zwei Rädern verfügte („two wheel brakes“). Klingt nach wenig? Schließlich haben heutige Fahrzeuge Bremsen an allen vier Rädern. Tatsächlich war das Anfang des 20. Jahrhunderts noch etwas Besonderes. Bei anderen Autos dieser Zeit wurden nicht die Räder, sondern nur eine Achse gebremst. Eine verbreitete Form war die Band-Bremse, bei der ein um die Achse oder eine dort angebrachte Trommel geschlungenes Metall- oder Lederband durch Betätigen eines Hebels auf Zug gebracht wurde und das Fahrzeug so abbremste. Das war weniger effektiv als das Abbremsen von zwei Rädern, deshalb das Warnschild.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Scheinwerfer-Reinigungsanlage: Für Fahrzeuge mit Xenon-Scheinwerfern ist seit dem Jahr 2000 eine Scheinwerfer-Reinigungsanlage vorgeschrieben. Für sinnvoll erachtet hat man sie offenbar schon Anfang der 1980er Jahre, wie zum Beispiel am Rolls-Royce Camargue Beau Rivage zu beobachten ist. Auf jeder Seite wischt pro Scheinwerfer je eine Bürste Fliegen und anderen Schmutz von den Leuchten. Klar, dass das nicht ganz billig war: Mit einem Neupreis von mehr als 400.000 Mark war der Camargue damals eines der teuersten Autos der Welt, die Einzelanfertigung mit dem Zusatz „Beau Rivage“ des Londoner Karosseriebauunternehmens Hooper dürfte noch deutlich darüber gelegen haben. Die Scheinwerfer-Reinigungsanlage ist übrigens nicht der einzige Luxus, den dieser Rolls-Royce offeriert. So ist er auch mit Schiebedach, Fernseher und Klimaautomatik mit unterschiedlichen Zonen ausgestattet.

Freisprecheinrichtung: Seit 2001 die Nutzung des Handys am Steuer verboten wurde, setzen sich Freisprecheinrichtungen immer mehr durch. Moderne Systeme stellen über Bluetooth eine Verbindung zwischen Auto und Mobiltelefon her, so dass der Anruf über die Radio-Lautsprecher ausgegeben wird und der Fahrer in ein im Auto installiertes Mikro spricht. Einen frühen Vorläufer der Freisprecheinrichtung kann man aber auch bei historischen Chauffeurswagen finden, wie beim Alfa Romeo RL Normale von 1925: Dort saßen die Passagiere von Wind, Wetter und Geräuschen abgeschirmt in der Kabine, der Fahrer hingegen musste mit dem luftigen Sitz unter freiem Himmel vorliebnehmen. Dort konnte er – auch aufgrund des Motorenlärms – natürlich nicht hören, wohin die gnädige Frau hinter dem Glas zu fahren oder wann sie anzuhalten gedachte. Damit sich die Grand Dame nicht aus dem Fenster lehnen und ihm ins Ohr brüllen musste, hatte sie ein Telefon an ihrem Sitz, das mit einem Lautsprecher auf Ohrhöhe ihres Fahrers verbunden war, dem „Motor-Dictograph“. Zugegeben – vielleicht ist das Wort Freisprecheinrichtung nicht ganz korrekt. Denn die Anlage funktionierte nur in eine Richtung. Frei sprechen konnte nur sie – der Chauffeur musste zuhören.

Einparkhilfe: Nicht erst mit den unübersichtlichen, häufig mit kleinen Fenstern versehen Karossen unserer Tage, sondern schon in den frühen Tagen des Automobils dachten die Hersteller über die Übersicht beim Rangieren nach. Versuche mit Peilstäben an den äußersten Enden der Stoßstangen konnten sich nur bei Nutzfahrzeugen durchsetzen. In den 50er-Jahren kamen die Heckflossen in Mode. Neben dem Design-Aspekt erlaubten die beispielsweise bei Mercedes offiziell „Peilstege“ genannten Heckflossen eine gute Einschätzung der Karosserie beim Einparken. Nach einer ausgeprägteren Einparkhilfe verlangte zu Beginn der 1990er Jahre die bis zu 5,20 Meter lange S-Klasse der Baureihe 140. Mercedes installierte ausfahrbare, verchromte Peilstäbe auf den hinteren Kotflügeln, die nach Einlegen des Rückwärtsgangs pneumatisch ausgefahren wurden. Mit dem Fortschreiten der Technik folgten Einparksysteme mittels Ultraschall, die die Distanz zu Hindernissen ermittelten, woraufhin der Fahrer optisch und oder akustisch gewarnt wurde.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Adaptives Fahrwerk: Moderne, sportliche Autos sind heute mit einem adaptiven Fahrwerk ausgestattet, das der Fahrer auf seine aktuellen Bedürfnisse einstellen kann. Das zum Beispiel härter wird, wenn der Fahrer im Sport-Modus scharf um die Ecken ziehen will. Dass es vorteilhaft ist, wenn das Fahrwerk auf sportliche Fahrweise reagieren kann, davon profitierten bereits Besitzer von Vorkriegsautos. So war der Bentley 4 ¼ Litre von 1937 mit einer „Ride Control“ ausgestattet, die über ein Hydrauliksystem die Dämpfer anpassen konnte. Der Fahrer hatte per Hebel am Lenkrad die Wahl zwischen „hard“ und „soft“.

(ID:44172780)