Audi Tradition Audi kauft Auto Union Silberpfeil zurück

Redakteur: Thomas Günnel

„Das ist einer der emotionalsten Momente in der Historienarbeit der Audi AG – für uns hat sich eine Klammer geschlossen.“ – Mit diesen Worten kommentierte Thomas Frank, Leiter Audi Tradition, den Rückkauf eines Auto Union Silberpfeil Typ D.

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Vor über 70 Jahren entstanden, vor 67 Jahren in die ehemalige UdSSR abtransportiert, verschollen, vergessen und wieder zu Audi heimgekehrt: Die beiden Auto Union Typ D von 1938 (Hintergrund) und 1939. Das 1939er Modell kaufte Audi vor wenigen Wochen zurück. „Das ist einer der emotionalsten Momente in der Historienarbeit der Audi AG“ kommentierte Thomas Frank, Leiter Audi Tradition den Rückkauf.
Vor über 70 Jahren entstanden, vor 67 Jahren in die ehemalige UdSSR abtransportiert, verschollen, vergessen und wieder zu Audi heimgekehrt: Die beiden Auto Union Typ D von 1938 (Hintergrund) und 1939. Das 1939er Modell kaufte Audi vor wenigen Wochen zurück. „Das ist einer der emotionalsten Momente in der Historienarbeit der Audi AG“ kommentierte Thomas Frank, Leiter Audi Tradition den Rückkauf.
(Audi)

Vor wenigen Wochen hat der Automobilhersteller einen der extrem raren Auto Union Silberpfeile zurückgekauft, die noch weitestgehend aus Originalteilen bestehen. Es handelt sich bei dem Auto Union Typ D Doppelkompressor aus dem Jahr 1939 um eines der beiden legendären „Karassik-Autos“. Damit besitzt die AUDI AG nun drei von fünf Auto Union-Rennwagen, die sich auf Originalität berufen dürfen.

Mythos seit den 30er Jahren

In den 1930er Jahren gründete sich der Mythos „Silberpfeile“. Die deutschen Rennwagen der Auto Union und von Mercedes Benz betraten im Jahr 1934 als völlig neuartige Motorsport-Fahrzeuge die internationale Rennszene und eroberten sie im Sturm: silberne Boliden in noch nie gesehenem Design, die aus der Zukunft zu kommen schienen.

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Vertraute Mercedes-Benz-Frontmotoren, setzte die Auto Union das Aggregat hinter den Fahrer – bis heute Standard in der Formel 1. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 beherrschten die beiden Firmen die Grand Prix-Strecken Europas nach Belieben.

Tachonadel schlägt bei 380 an

Die 16-Zylinder und 12-Zylinder-Rennwagen aus Zwickau und Stuttgart machten die Siege unter sich aus. Fahrer wie Bernd Rosemeyer, Tazio Nuvolari, Hans Stuck (Auto Union), Rudolf Caracciola, Manfred von Brauchitsch, Hermann Lang (Mercedes Benz) gelten bis in die aktuelle Motorsport-Welt hinein als Helden, weil sie sich ohne jegliche Sicherheitsstandards in Rennen bekämpften, in denen Geschwindigkeiten jenseits der 300 Stundenkilometer gefahren wurden. Auf der langen Geraden beim Avus-Rennen im Jahr 1937 in Berlin schlug in Rosemeyers Wagen die Tachonadel bei 380 an.

Auto-Union-Silberpfeile in die UdSSR abtransportiert

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs endete die sogenannte Kompressor-Ära abrupt. Während Mercedes Benz nach dem totalen Zusammenbruch Deutschlands nahezu all seine Silberpfeile über den Krieg retten konnte, passierte bei der Auto Union das Gegenteil. Zwickau wurde von der sowjetischen Armee besetzt, die Auto Union aufgelöst, die Fabriken stillgelegt. In diesem Zusammenhang fanden die russischen Besatzer die Auto Union Silberpfeile in der oberirdischen Halle eines Bergwerks. Die Wagen wurden als Reparationsleistung in die ehemalige UdSSR abtransportiert, wo sich in dem Riesenreich die Spuren verloren.

Silberpfeile galten als verloren

Die großen Zeugen der Motorsportgeschichte der Auto Union AG galten für die im Jahr 1949 in Ingolstadt neugegründete Auto Union GmbH (die heutige Audi AG) als unwiederbringlich verloren. Der „Kalte Krieg“ hatte längst begonnen, der Eiserne Vorhang war dicht verschlossen. Übrig blieb nur noch ein Auto Union Typ C, der noch vor dem Zweiten Weltkrieg dem Deutschen Museum in München geschenkt und dann bei den Bombenangriffen auf München beschädigt wurde.

Ende der 1970er Jahre tauchten die ersten Gerüchte über die Existenz eines als längst verschollen geglaubten Auto-Union-Rennwagens irgendwo in den Weiten der damaligen Sowjetunion auf. Paul Karassik, ein amerikanischer Sammler von hochwertigen Oldtimern, machte sich mit seiner Frau Barbara, die aus Deutschland stammte, auf die Suche. Karassik war als kleiner Junge Zuschauer beim letzten Großen Preis vor dem Zweiten Weltkrieg in Belgrad – ein Erlebnis, das ihn nie wieder losließ.

Mehr als zehn Jahre Suche

In die USA ausgewandert und zu Vermögen gekommen, kam ihm zugute, dass er aus einer weißrussischen Familie stammte, in Serbien aufgewachsen war und fließend russisch sprach. Mehr als zehn Jahre benötigte er, um nach zahlreichen Reisen in die UdSSR die Reste von zwei zerlegten Auto Union-Rennwagen in Russland und in der Ukraine ausfindig zu machen und mit viel Verhandlungsgeschick zu erwerben.

Teile kamen in mehreren Reisen nach Westeuropa

In mehreren abenteuerlichen Reisen, zum Teil mit einem Lieferwagen, gelang es ihm schließlich, die Teile eigenhändig durch den Eisernen Vorhang nach Westeuropa zu bringen, von wo die Motoren, Fahrgestelle, Achsen und Getriebe nach Florida ausgeflogen wurden. Im Herbst 1990 nahm Paul Karassik erste Kontakte zu Fachleuten auf, so auch im Mai 1991 zur Traditionsabteilung bei Audi, die im Folgenden als Berater bei der Restaurierung tätig war. Den Wiederaufbau der Rennwagen legten die Karassiks in die Hände der englischen Firma Crosthwaite & Gardiner, die bereits umfängliche Kenntnisse in der Restaurierung von historischen Rennfahrzeugen besaß.

Karosserien nachgebaut

Nach eingehender Sichtung der Rennwagenteile wurde entschieden, einen Typ D Rennwagen mit Einfachkompressor in der Ausführung von 1938 und einen Typ D Rennwagen in der 1939er Version mit Doppelkompressor aufzubauen. In beiden Fällen mussten die Karosserien komplett nachgebaut werden, da keine Karosserieteile überlebt hatten. Rod Jolley Coachbuilding fertigte die Karosserien in England neu an. Im August 1993 konnte der erste der beiden Rennwagen, die Ausführung von 1938, fertiggestellt werden. Ein Jahr später war auch der Doppelkompressorwagen von 1939 „ready for roll-out“. Mit Unterstützung von Audi wurden beide Rennwagen erstmals nach 1939 wieder an den Start geschoben: anlässlich der Eifel Klassik am 1. Oktober 1994 auf dem Nürburgring.

Balkankrieg vereitelt Rennen in Belgrad

In den darauf folgenden Jahren durfte Audi den 1938er Rennwagen ob der Unterstützung beim Wiederaufbau für Ausstellungszwecke nutzen, während der Doppelkompressorwagen von 1939 nach Florida zurückkehrte. Im Juli 1998 erfolgte der Ankauf des 1938er Rennwagens durch Audi. Im Frühjahr 2000 veräußerte Paul Karassik das zweite Auto an einen privaten Sammler, nachdem sein Traum, diesen Auto Union Rennwagen 60 Jahre nach dem letzten Grand-Prix 1999 noch einmal in Belgrad fahren zu lassen, wegen des Balkankriegs vereitelt wurde.

Bergrennwagen von Hans Stuck

Mit dem Kauf des Doppelkompressor Typ D besitzt Audi nun alle drei Auto Union-Rennwagen, die aus der ehemaligen UdSSR wieder zurückkamen. Thomas Frank, Leiter Audi Tradition, ist begeistert: „Noch vor 20 Jahren konnte man davon nicht mal träumen.“ Neben den beiden „Karassik-Autos“ ist dies der berühmte Bergrennwagen von Hans Stuck, Auto Union Typ C/D, der bis kurz nach der Wende im Automuseum Riga in Lettland stand und heute eines der herausragendsten Exponate des Audi Museum Mobile in Ingolstadt darstellt. Dort sollen auch die Auto Union Typ D langfristig ihre Heimat finden.

Treffen der drei Rennwagen beim Goodwood Revival

Vorher sieht die Neuerwerbung aber dem großen Auftritt entgegen. Beim Goodwood Revival in England vom 14. bis 16. September werden die nach 67 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion zu Audi heimgekehrten und 1994 erstmals gezeigten Auto Union Typ D-Rennwagen wieder einträchtig nebeneinander stehen.

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