Wirtschaft Studie: Zulieferer-Standort Deutschland verliert an Bedeutung

Von Thomas Günnel

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Das Beratungsunternehmen Berylls hat seine Studien zu Automobilzulieferern der vergangenen vier Jahre analysiert. Fazit: „Eine langsame Deindustrialisierung Deutschlands, im Segment der Automobilzulieferer.“

Der Zulieferer-Standort Deutschland verliert laut einer Studie an Bedeutung.
Der Zulieferer-Standort Deutschland verliert laut einer Studie an Bedeutung.
(Bild: Bosch)

Die Mobilitätsbranche beginnt, ihre Produktion zu regionalisieren. Nach den Erfahrungen mit unterbrochenen Lieferketten zu Beginn der Pandemie ein nachvollziehbarer und notwendiger Schritt. Aber: Deutschland kann von dieser Regionalisierung nicht in ausreichendem Maß profitieren. Im Gegenteil.

Alexander Timmer ist Partner bei Berylls Strategy Advisors. Sein Unternehmen hat Daten aus den Top-100-Zulieferer-Studien zwischen 2017 und 2021 analysiert: „Die Analyse und unsere Beobachtungen der aktuellen Marktentwicklung zeigen eine langsame Deindustrialisierung Deutschlands, im Segment der Automobilzulieferer. Durch die Regionalisierung der Fertigung entstehen durchaus neue Produktionsstätten in Europa, aber nur wenige in Deutschland.“

Chinas Zuliefererindustrie ist mit großen Schritten auf dem Weg zur internationalen Nummer 1.

Alexander Timmer, Berylls Strategy Advisors

Der Chip-Hersteller Intel habe zwar den Bau zweier neuer Werke in Deutschland angekündigt. Auch Bosch will künftig in Dresden Chips produzieren. Allerdings machen viele große Namen einen Bogen um Deutschland. Der Interieur-Komponenten-Hersteller Yanfeng zum Beispiel ist im Top-100-Zulieferer-Ranking nach CATL und Weichai Power der drittgrößte chinesische Zulieferer weltweit. Er hat Serbien für seinen neuen europäischen Standort gewählt.

Alexander Timmer, Partner bei Berylls Strategy Advisors: „Durch die Regionalisierung der Fertigung entstehen durchaus neue Produktionsstätten in Europa, aber nur wenige in Deutschland.“
Alexander Timmer, Partner bei Berylls Strategy Advisors: „Durch die Regionalisierung der Fertigung entstehen durchaus neue Produktionsstätten in Europa, aber nur wenige in Deutschland.“
(Bild: Berylls)

Das Joint Venture zwischen LG Electronics und Magna will Elektrik- und Elektronikkomponenten in einem neuen Werk in Mexiko produzieren. Eine weitere Fabrik eröffnet Magna in der Slowakei. Vitesco stärkt mit der Produktion von E-Komponenten nicht etwa den Standort Regensburg – sondern eröffnet ein neues Werk in Ungarn.

Deutsche Zulieferer verlieren Umsatz und Profit

Der Bedeutungsverlust spiegelt sich in den Zahlen der Zulieferer wider. Obwohl deutsche Unternehmen in den letzten fünf Jahren nur geringfügig weniger Umsatz hatten, sanken die Gewinne; sie verloren 4,9 Prozent ihrer Gewinnspanne. Segmente, in denen deutsche Zulieferer traditionell stark sind, haben in den vergangenen Jahren klar an Gewicht eingebüßt. Umsätze und Profite gehen hier bereits zurück und diese Entwicklung wird sich fortsetzen.

Im Vergleich der Weltregionen haben die deutschen Anbieter den stärksten Rückgang der Rentabilität zwischen 2017 und 2021 hinnehmen müssen. Im selben Zeitraum stagnierten andere Weltregionen. Außer China. Seine Industrie hat die Verkäufe im betrachteten Zeitraum verdreifachen können.

Die chinesischen Zulieferer und Unternehmen in Korea profitieren von den Umbrüchen in der automobilen Welt. Chinas Zuliefererindustrie ist mit großen Schritten auf dem Weg zur internationalen Nummer 1. Und das, obwohl die Unternehmen erst seit Kurzem im Konzert der ganz Großen mitspielen.

Mehr chinesische Hersteller unter den größten Zulieferern

Im Jahr 2020 sorgte Weichai Power für eine Sensation im Zulieferer-Ranking von Berylls: Es war das erste chinesische Unternehmen, das in die Phalanx der Top 10 vordringen konnte. Entstanden ist es aus einem Hersteller für Dieselmotoren. Heute ist es im Segment der Software für Lkw und Pkw tätig. Mittlerweile hat Weichai Power, aktuell auf Platz zwölf im globalen Ranking, starke Konkurrenz aus dem eigenen Land.

Akku-Hersteller CATL, befeuert von der weltweiten Transformation des Antriebsstrangs, ist vorbeigezogen und im Ranking auf Platz zehn aufgestiegen. Yanfeng Automotive Interieurs liegt schon fast in Schlagdistanz auf Platz 16.

Der Aufstieg von Weichai Power hängt auch mit dem wachsenden Potenzial zusammen, das Software im Auto hat. Schon in wenigen Jahren wird Software für 80 Prozent der Wertschöpfung in der Automobilproduktion stehen – eine Chance vor allem für die großen deutschen Zulieferer. Bosch, Continental und ZF haben sich klar positioniert, sind wettbewerbsfähig oder auf dem Weg dahin.

Mittelständler zwischen finanzstarken Unternehmen

In diesem Segment sehen die Berater von Berylls die chinesischen Zulieferer noch nicht auf Augenhöhe mit den globalen Spitzenreitern. Sie sind eher Fast Follower als Innovatoren, liefern bislang tendenziell Masse statt Klasse. Für die deutschen Mittelständler ist das jedoch kein Grund zum Aufatmen.

Sie befinden sich in einer äußerst prekären Situation: zwischen den asiatischen Unternehmen, die ihre Softwarekompetenz in den kommenden Jahren ausbauen werden und den wirklich großen Playern, die auf diesem Gebiet heute schon stark sind. Der Mittelstand droht, zwischen diesen finanziell gut ausgestatteten Wettbewerbern aufgerieben zu werden.

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