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Experten-Meinung „Brexit beeinflusst Automobilindustrie deutlich“

| Autor: Christian Otto

Großbritannien hat sich gegen die EU entschieden. Kenner der Branche verbinden mit dem Brexit vor allem negative Folgen für die britische Automobilindustrie. Insbesondere die Abwanderung von Herstellern gilt als mögliches Szenario.

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Großbritannien kehrt der EU den Rücken. Vor allem die dortige Automobilindustrie dürfte das schmerzhaft treffen.
Großbritannien kehrt der EU den Rücken. Vor allem die dortige Automobilindustrie dürfte das schmerzhaft treffen.
(Bild: Jaguar Land Rover)

Kaum ist das Votum der Briten gegen einen Verbleib in der EU gefallen, diskutiert die Automobilindustrie über die Folgen für die Branche. Unter anderem hat sich Prof. Dr. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) an eine Kurzanalyse gewagt. Demnach sieht die CAM-Einschätzung vorwiegend negative Auswirkungen für die Automobilindustrie. Am stärksten treffe der Brexit die Hersteller und Zulieferer, die Produktionsanlagen mit hoher Kapazität auf der Insel besitzen. Dazu zählen insbesondere die OEMs Nissan und die zum indischen Tata Konzern gehörenden Jaguar Land Rover (JLR)-Gruppe. Nissan (inklusive Infiniti) sowie Jaguar Land Rover produzierten laut CAM im Jahr 2015 jeweils rund 500.000 Fahrzeuge in Großbritannien. Auch BMW ist in Großbritannien aktiv. Die Bayern kommt mit der Tochter Mini und Rolls-Royce im Vereinigten Königreich auf rund 200.000 produzierte Fahrzeuge. Der Volumenhersteller Toyota produziert dort rund 190.000 Pkw. Auf etwa 140.000 beziehungsweise 120.000 Fahrzeuge kommen die GM-Tochter Opel-Vauxhall sowie Honda. Weitere Hersteller haben nach Zahlen der CAM-Erhebung nur geringe Stückzahlen. Hinzu kommen jedoch noch Motorenwerke und Entwicklungsstandorte einiger Hersteller.

Standortverlagerungen möglich

Den stärksten Negativeffekt erwarten die Branchenbeobachter aus Bergisch Gladbach aber für die britische Automobilindustrie und deren Arbeitsplätze. Der Grund: Der Standort außerhalb der EU dürfte unattraktiver werden. Insgesamt rechnet CAM mit einem Anstieg der direkten und indirekten Kosten, wenn Großbritannien im Verhältnis zur EU als Drittland gilt. Die Aushandlung von Kooperationsverträgen wird Jahre dauern und das Ergebnis ist aus heutigem Stand völlig offen. Bratzel und sein Team gehen davon aus, dass bereits jetzt jeder Hersteller oder Zulieferer seine anstehenden Investitionsentscheidungen vor dem Hintergrund der Unsicherheiten und möglicher höherer Komplexitätskosten rund um den Brexit gründlich überdenken wird. Mittel- und langfristig rechnen die Analysten auch mit Standortverlagerungen von der Insel in die EU.

Fundamentaler Einschnitt

Dr. Jan Dannenberg, Partner bei der Unternehmensberatung Berylls Strategy Advisors, sieht im Brexit ebenfalls einen „fundamentalen Einschnitt für die britische Automobilindustrie“. Er wies zudem darauf hin, dass schon im Vorfeld des Referendums OEMs wie Nissan ihr Engagement vor Ort geprüft hätten: „Solche Hersteller werden sich sehr genau überlegen, wie sie ihr Geschäft vor Ort langfristig auslegen“, sagt Dannenberg. Und der Berylls-Mann ergänzt: „Allein die Wechselkursturbulenzen die dort jetzt aufgetreten sind, bedeuten eine riesige Herausforderung für die Firmen.“ Auch stelle sich die Frage nach dem künftigen Wirtschaftsraum und möglicher Handelsbarrieren. Die daraus resultierenden Abwanderungsgedanken dürfte die britische Industrie nach Ansicht des Branchenkenners stark beeinflussen: „Wenn ein großer Automobilhersteller sagt, wir werden unser Hauptquartier oder die Fertigungsstätten in ein anderes europäisches Land verlegen, dann hat das massive Auswirkungen.“

Phase der Unsicherheit

Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) meldete sich vor diesem Hintergrund zu Wort. VDA-Präsident Matthias Wissmann warnt ähnlich wie CAM vor einem „Dominoeffekt“ und ergänzt: „Es muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen.“ Wissmann rechnet mit einer „Phase der Unsicherheit“, die für die Industrie alles andere als hilfreich sei. Dies gelte sowohl für die Finanz- und Devisenmärkte als auch für die Auswirkungen auf den Waren- und Dienstleistungsverkehr. Er wies darauf hin, dass Großbritannien für die deutsche Automobilindustrie das weltweit größte Exportland ist. Im vergangenen Jahr wurden 810.000 Pkw, die in Deutschland vom Band rollten, nach Großbritannien ausgeführt. Der britische Pkw-Markt erreichte 2015 ein neues Rekordniveau mit einem Volumen von 2,6 Millionen Neuwagen. Jeder zweite davon (1,3 Millionen) zählt zu einer deutschen Konzernmarke. „Nach einem EU-Austritt sollte niemand Interesse daran haben, mit Zollschranken zwischen Großbritannien und dem Festland den internationalen Warenverkehr zu verteuern“, sagte Wissmann. Dabei ist der britische Automobilmarkt in hohem Maße auf Importe angewiesen: 86 Prozent der Pkw-Neuzulassungen sind Autos, die nicht in Großbritannien produziert, sondern importiert wurden. Ein Großteil davon kommt aus EU-Ländern.

Deutsche Unternehmen mit rund 100 Standorten

Gleichzeitig ist die Insel aber laut der VDA-Zahlen auch exportstark: Von den knapp 1,6 Millionen Pkw, die 2015 in Großbritannien gefertigt wurden, gingen gut 1,2 Millionen Einheiten – also drei Viertel – in den Export. Die anderen EU-Länder sind dabei Hauptabnehmer, gut jedes zweite exportierte Auto (57 Prozent) fand dort seinen Käufer. Auch der VDA bestätigt, dass die deutschen Automobilunternehmen in Großbritannien mit rund 100 Standorten, darunter sehr viele Zulieferer, stark vertreten sind. Seit 2010 habe sich die Zahl der Standorte sogar um 30 Prozent erhöht. „Wir sollten alles daran setzen, dass diese Erfolgsstory fortgeschrieben werden kann. Nun ist Brüssel gefordert“, sagt Wissmann.

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Über den Autor

 Christian Otto

Christian Otto

stellvertretender Chefredakteur, AUTOMOBIL INDUSTRIE