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Südosteuropäischer Produktionsstandort Bulgarien: Erwachen des Mauerblümchens

| Autor / Redakteur: Frank Stier / Christian Otto

Südosteuropäische Länder gelten bei OEMs und Zulieferern als günstige Produktionsstandorte. Auch Bulgarien will sich in diesem Kreis etablieren. Branchentreffen wie die Automotive-Konferenz in Sofia und Projekte im Ausbildungsbereich deuten die wachsenden professionellen Strukturen an.

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Svetoslav Mladenov, Chef der Bulgarischen Agentur für Investitionen, zeigt bei der IACB die Verteilung der Standorte ausländischer Automotive-Unternehmen in Bulgarien.
Svetoslav Mladenov, Chef der Bulgarischen Agentur für Investitionen, zeigt bei der IACB die Verteilung der Standorte ausländischer Automotive-Unternehmen in Bulgarien.
(Foto: Frank Stier)

Mit Ford im südrumänischen Craiova und Fiat in Kragujevac in Serbien haben in den vergangenen Jahren zwei renommierte Automobilhersteller Produktionsstandorte in Südosteuropa eröffnet. In der Türkei fertigt gar ein gutes Dutzend OEMs über eine Million Fahrzeuge pro Jahr. Vor dieser Szenerie muss Bulgariens Automotive-Branche als das regionale Mauerblümchen erscheinen, obwohl auch in dem Balkanland seit Februar 2012 Autos hergestellt werden. In diesem Jahr hat das bulgarische Unternehmen Litex Motors in seinem neu errichteten Werk im zentralbulgarischen Lowetsch rund 2.000 Fahrzeuge des chinesischen Autobauers Great Wall produziert. Dies geschah allerdings im Completely Knocked Down-Verfahren (CKD), bei dem die Teile aus China angeliefert und vor Ort lediglich zusammenmontiert werden.

„Im nächsten Jahr wollen wir 5.000 Autos produzieren und 2015 15.000“, kündigte Litex-Direktor Anton Dontschev Anfang Oktober auf der ersten International Automotive Conference Bulgariа 2013 (IACB) in der bulgarischen Hauptstadt Sofia an. Schrittweise werde Litex Motors für Great Wall zunächst die Märkte der Balkanregion erschließen, um am Ende die Jahreskapazität des Werks von 50.000 Einheiten auszuschöpfen. „Künftig wollen wir auch Teile bulgarischer Zulieferer verwenden“, sagt Dontschev.

Wachsende Branche nach holprigem Start

In Bulgariens krisenhaften 1990er Jahren scheiterten unter anderem Ford, Rover und Skoda mit Vorhaben, im Land Automobilproduktionen zu etablieren. Anfang dieses Jahrhunderst setzte dann eine nachhaltigere Entwicklung des Automotive-Sektors ein, die selbst durch die Weltwirtschaftskrise 2008/2009 nicht erkennbar beeinträchtigt wurde. Bekannte Tier-1-Zulieferer wie der Autositzhersteller Grammer und die Autoelektronikproduzenten Melexis und Johnson Controls übernahmen die Rolle der Pioniere auf dem bulgarischen Markt. Firmen wie der japanische Kabelfabrikant Yazaki und der Aluminiumkomponentenhersteller Montupet aus Frankreich, folgten ihnen. Schließlich siedelten sich auch deutsche Produzenten wie Würth Elektronik IBE, Kemmler Electronic und Witte Automotive an.

Heute zählt Svetoslav Mladenov, Geschäftsführer der staatlichen Bulgarischen Agentur für Investitionen (BAI), rund fünfzig ausländische Automobilzulieferer im Land. Zusammen mit unzähligen bulgarischen Firmen machen sie die nationale Kfz-Industrie zu einer der wichtigsten Exportbranchen Bulgariens mit einem geschätzten Jahresumsatz von zwei Milliarden Lew (rund eine Milliarde Euro) und über 20.000 Beschäftigten. „Bulgarien hat viele Vorteile, seine geostrategische Lage, das günstige Lohnniveau und die niedrige Unternehmenssteuer von zehn Prozent“, sagt Mladenov, der auf weitere Ansiedlungen von Automobilzulieferern in den kommenden Jahren hofft.

Auch der Stuttgarter Unternehmensberater Till W. Truckenmüller sieht das Potenzial von Bulgariens Automobilbranche an der Schnittstelle zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten noch nicht erschöpft. Vor zwei Jahren hat er mit seiner Firma IMACOS Truckenmüller & Company Bulgaria und einigen Unternehmen und Institutionen das Automotive Cluster Bulgaria (ACB) gegründet und nun die IACB organisiert. Das Ziel der im Cluster zusammengeschlossenen Firmen ist es, den Sektor durch Synergieeffekte zu entwickeln und gemeinsame Probleme, wie etwa bei der Rekrutierung geeigneten Personals, zu lösen. Einige deutsche Firmen – wie Festo – begegnen dem Fachkräftemangel, in dem sie ihre Angestellten selber schulen. Zudem wurde im Juli 2013 im deutsch-bulgarischen Berufsbildungszentrum in Stara Zagora eine Kfz-Lehrwerkstatt gegründet.

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