Arbeitsmarkt „Viele Jugendliche haben eine überholte Vorstellung von Berufsbildern“

Von Thomas Günnel

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Der Ausbildungsmarkt ist leer, Jugendlichen fehlt die Orientierung auf dem Arbeitsmarkt. Ariane Reinhart, Personalchefin bei Continental, fordert deshalb andere Prioritäten bei der Ausbildung – auch bei den auszubildenden Menschen.

Wegen der Corona-Pandemie gab es Einschränkungen auch in der Berufsberatung. Das wirkt sich deutlich auf die Ausbildungsmärkte aus.
Wegen der Corona-Pandemie gab es Einschränkungen auch in der Berufsberatung. Das wirkt sich deutlich auf die Ausbildungsmärkte aus.
(Bild: Michaela Handrek-Rehle/Continental)

„Im Kontakt mit Jugendlichen erleben wir immer wieder das gleiche Phänomen: Viele von ihnen haben eine überholte, oft praxisferne Vorstellung von bestimmten Berufsbildern“ – beschreibt Hanno Gieseke, Ausbildungsleiter Deutschland bei Continental. „Dieser Trend ist verstärkt worden durch die Lockdowns, in denen das Leben gerade junger Menschen überwiegend digital stattfand. In dieser Zeit haben sich viele von ihnen übertriebene Vorbilder aus dem Sport oder den sozialen Medien genommen. Dadurch haben sie sich zunehmend von einem realen Bild der Arbeitswelt entfernt und entfremdet.“

Wir können es uns längst nicht mehr leisten, nur Jugendliche auszubilden.

Ariane Reinhart, Continental

Was Hanno Gieseke beschreibt ist ein echtes Problem nicht nur deutscher Unternehmen: Es fehlen Fachkräfte und Auszubildende. „Mehr als vier von zehn IHK-Ausbildungsbetrieben konnten im vergangenen Jahr nicht alle angebotenen Ausbildungsplätze besetzen – ein Allzeithoch. Und von diesen Unternehmen hat mehr als jedes dritte keine einzige Bewerbung erhalten“, sagt Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Die Erhebung fand statt unter bundesweit rund 15.000 Ausbildungsbetrieben.

Der Anteil der Betriebe die nicht alle ihrer Ausbildungsstellen besetzen konnten, lag im Jahr 2018 noch bei 32 Prozent. 2021 waren es schon 42 Prozent. Allen voran die Industrie, ohne Bau: Hier gab es einen Anstieg von 33 auf 50 Prozent. In Transport und Logistik stieg der Anteil unbesetzter Ausbildungsstellen von 40 auf 54 Prozent. Lediglich bei unternehmensorientierten Dienstleistungen veränderte sich die Lage gegenüber 2018 nicht. 26 Prozent der Stellen bleiben unbesetzt. Ein Grund: Immer häufiger kommen schlicht keine Bewerbungen an. Im Jahr 2021 betraf das 36 Prozent der offenen Stellen, 2018 noch 30 Prozent.

„Betriebspraktika mussten komplett abgesagt werden“

Ein Auslöser für diese Werte waren die pandemiebedingten Einschränkungen: „Die Berufsberater der Arbeitsagenturen kamen nicht mehr in die Schulen, Ausbildungsmessen und Betriebspraktika mussten komplett abgesagt werden. Das hat bei vielen Jugendlichen die Orientierungslosigkeit verstärkt“, erklärt Dercks.

Die Vorteile einer Ausbildung sind so bei vielen potenziellen Nachwuchsfachkräften nicht angekommen. „Den Jugendlichen sollte die Sinnhaftigkeit einer betrieblichen Ausbildung vermittelt werden“, sagt Ariane Reinhart. „Wir müssen ihnen bewusst machen, welchen Beitrag eine betriebliche Ausbildung für die persönliche Lebensplanung liefert.“ Reinhart ist Vorständin für Personal und Nachhaltigkeit bei Continental.

Dazu gehöre die hohe Sicherheit eines Arbeitsplatzes in der Industrie oder im Handel – verglichen mit einem unerreichbaren Wunschberuf. Eine betriebliche Ausbildung biete laut Reinhart auf lange Sicht oft gleiche oder bessere Karriere- und Verdienstmöglichkeiten als ein Studium.

Finanziell attraktiv und flexibel sein

„Die betriebliche Ausbildung muss finanziell attraktiver werden und braucht mehr Flexibilität“, fordert Reinhart.. „Ausbildung ist ein wichtiger Baustein, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dieser verschärft sich zusehends. Der Schaden, der unserer Volkswirtschaft dadurch droht, ist enorm.“

Eine finanzielle Förderung und flexiblere Ausbildungsmodelle hält die Vorständin für schnell umzusetzende und geeignete Mittel, um mehr Jugendliche für eine betriebliche Ausbildung zu begeistern. „Eine berufliche Ausbildung muss auch finanziell attraktiv sein“, sagt Reinhart. Die Ausbildungsvergütung für Beschäftigte in den Engpassberufen könne zum Beispiel von Steuern und Abgaben befreit werden.

„Beim Lohn für bestimmte Ausbildungen muss gelten: Brutto gleich netto.“ Um keine Nachteile bei ihrer Altersversorgung zu haben, sollten die Auszubildenden wie bisher über die Sozialversicherungen abgesichert werden.

Mehr flexiblere Ausbildungsmodelle

Hier seien auch die Unternehmen in der Pflicht: „Die Firmen müssen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Karrierechancen der betrieblichen Ausbildung denen eines Studiums entsprechen – etwa durch flexiblere Ausbildungsmodelle.“ Unternehmen könnten etwa die betriebliche Ausbildung mit universitären Inhalten kombinieren; in dualen Studiengängen. Parallel müsse es mehr Möglichkeiten für junge Fachkräfte nach der Ausbildung und für langjährig Beschäftigte geben, um sich weiterzubilden – unbürokratisch.

Laut Achim Dercks sind die Unternehmen auf einem guten Weg. Sie richteten die Art und Weise der Wissensvermittlung und des Ausbildens zunehmend an den Wünschen der Generation Z aus, also Menschen, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind. „Jeweils mehr als die Hälfte der Unternehmen haben in den vergangenen Jahren versucht, ihre Ausbildung mit flachen Hierarchien (58 Prozent) und moderner IT-Technik (51 Prozent) attraktiver zu gestalten.“

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Weitere Ansätze sind der Einstellungsprozess und finanzielle Anreize (je 37 Prozent), neue Lehr- und Lernkonzepte (27 Prozent), Projekte für Azubis (26 Prozent) oder Mentorenprogramme (18 Prozent). Auch mobile und Teilzeit-Ausbildungsangebote oder Auslandsaufenthalte spielen zunehmend eine Rolle.

Je nach Branche ergeben sich dabei laut des DIHK unterschiedliche Schwerpunkte. Finanzielle Anreize seien vor allem im Baugewerbe (42 Prozent) oder im Gastgewerbe (48 Prozent) im Fokus. Auf welchem Wege auch immer: „Die Unternehmen haben ihre Türen und Tore weit geöffnet und werben um den Nachwuchs“, fasst Achim Dercks zusammen.

Ariane Reinhart bemängelt dabei, dass „die öffentliche Förderung der beruflichen Weiterbildung derzeit viel zu unübersichtlich und zu wenig flexibel ist“. Dieses Problem müssten die Tarifparteien und die Politik gemeinsam lösen. „Hier brauchen wir zügig passende Lösungen.“

Schulnoten sind oft nur bedingt wichtig

Reinhart warnt Unternehmen davor, sich mit zu hohen Ansprüchen den Zugang zu qualifizierten Auszubildenden zu verbauen: „Der Ausbildungsmarkt ist leer gefegt. Viele Betriebe können es sich gar nicht leisten, hohe Ansprüche zu stellen und besonders wählerisch bei ihren Auszubildenden zu sein.“

Schulnoten seien in Bezug auf die Anforderungen einzelner Berufsbilder nur bedingt aussagekräftig. „Ein guter Mechatroniker zum Beispiel braucht nicht unbedingt ein Einserzeugnis. Die persönlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten sind viel wichtiger“, sagt die Vorständin. „Wir sehen bei vielen Jugendlichen wertvolle Talente, die nur gezielt abgefragt und dann gefördert werden müssen. Die Motivation kommt dann von allein.“

Mit Blick auf den sich zuspitzenden Fachkräftemangel sollten Unternehmen ihr Ausbildungsangebot für alle Zielgruppen öffnen. „Wir können es uns längst nicht mehr leisten, nur Jugendliche auszubilden. Auch ältere Beschäftigte, Geflüchtete, Menschen ohne formalen Qualifikationsabschluss und Langzeitarbeitslose müssen über eine Ausbildung in den Fachkräftearbeitsmarkt integriert werden“, sagt Ariane Reinhart.

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