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Sicherheit Coronakrise: Muss die Fahrzeugsicherheit jetzt Pause machen?

| Autor / Redakteur: Ralf Reuter* / Lena Bromberger

Die Autoindustrie leidet unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise. Deshalb die Ansprüche an die Fahrzeugsicherheit auf Dauer zu verringern wären das falsche Signal. Ein Kommentar.

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Fahrzeugsicherheit: Die europäische Autoindustrie bitte um einen Aufschub der geplanten Maßnahmen des Gesetzgebers und Euro NCAP.
Fahrzeugsicherheit: Die europäische Autoindustrie bitte um einen Aufschub der geplanten Maßnahmen des Gesetzgebers und Euro NCAP.
(Bild: NCAP)

Das Sicherheitsniveau moderner Pkw hat ein nie dagewesenes Level erreicht. Im Jahr 2019 gab es in Deutschland so wenige Verkehrstote wie noch nie seit Beginn der Statistik vor über 60 Jahren. Doch immer noch mehr als 3.000 Getötete sind zweifellos Grund genug die Fahrzeugsicherheit weiter zu verbessern.

Im Wirtschaftsministerium ist von einem ‚Belastungsmoratorium‘ für die Industrie die Rede.

Auf europäischer Ebene hat sich die „Vision Zero“ etabliert, also das Ziel einen Straßenverkehr ohne Todesopfer zu schaffen. Im Hinblick auf dieses Ziel hat die EU im vergangenen Jahr die neue General Safety Regulation auf den Weg gebracht, die ein ganzes Bündel an neuen Sicherheitsanforderungen definiert und bis spätestens 2024 zwingend vorschreibt. Noch ambitionierter ist Euro NCAP mit seiner Roadmap 2025, die viele Sicherheitsfeatures schon deutlich früher als der Gesetzgeber fordert.

Automobilhersteller brauchen mehr Zeit

Durch die Covid-19-bedingten Maßnahmen der letzten Monate wurden nun viele Fahrzeugentwicklungsprojekte massiv zurückgeworfen. Der europäische Automobilherstellerverband ACEA hat sich deshalb an den Generalsekretär von Euro NCAP gewandt und um einen zeitlichen Aufschub der ursprünglich für 2022 geplanten Anforderungen um zwei Jahre gebeten.

Obwohl Euro NCAP noch nicht offiziell reagiert hat, verlautet von dort die Bereitschaft dieser Forderung zumindest teilweise zu entsprechen und die Anforderungen um ein Jahr zu verschieben. Ein offizielles Statement dazu wird nach der Euro NCAP Vorstandssitzung im Juli erwartet. Ob auch der Gesetzgeber den Herstellern mehr Zeit geben wird, ist derzeit noch völlig offen. Immerhin ist aber im Wirtschaftsministerium schon von einem „Belastungsmoratorium“ für die Industrie die Rede.

Hohe Anforderungen sind ein Vorteil

Es macht zweifellos Sinn, jetzt der gebeutelten Autoindustrie keine unüberwindbaren Hürden in den Weg zu legen, die eine zügige Erholung erschweren. Wichtig ist aber, dass die langfristigen Ziele, insbesondere die Vision Zero, nicht aus den Augen verloren werden. Jeder Verkehrstote ist einer zu viel. Ambitionierte Sicherheitsanforderungen mögen auf den ersten Blick schwer zu erfüllen sein, aber sie stellen auch eine wichtige Markteintrittsbarriere dar. Deren Bedeutung darf nicht unterschätzt werden.

Die Anforderungen schützen die etablierten Hersteller, insbesondere die europäischen, die schon sehr viel Erfahrung bei Entwicklung und Bau sicherer Fahrzeuge gesammelt haben, vor neuen Playern im Markt, die diesen Erfahrungsschatz erst aufbauen müssen. Und auch im Hinblick auf die schwindende Akzeptanz für das Auto in der Gesellschaft ist eine weitere Verbesserung des Sicherheitsniveaus ein gewichtiges Argument in der Diskussion um die Nachhaltigkeit des Individualverkehrs.

Die Gesetzgeber und Verbraucherschützer sollten also jetzt mit einem begrenzten zeitlichen Aufschub den besonderen Umständen Rechnung tragen, aber keinesfalls die Anforderungen generell zurückschrauben. Gerade jetzt ist das Bewusstsein für die Bedeutung der Sicherheit hoch wie nie.

Safety Week

Unter dem Motto „Nie war Sicherheit so wichtig wie heute“ findet vom 28. bis 30. Juli 2020 die Safety Week in Würzburg statt. Dort kann ein mögliches Moratorium mit Experten aus dem Vorstand von Euro NCAP und aus den internationalen Gesetzgebungsgremien diskutiert werden. Darüber hinaus gibt es Informationen über bestehende und neue Anforderungen zur Aktiven und Passiven Sicherheit. Einen besonderen Fokus richtet die Veranstaltung auf die Sicherheit beim (teil-)automatisierten Fahren, sowohl im Individualverkehr, als auch im öffentlichen Nahverkehr.
Veranstalter der Safety Week ist Carhs, »Automobil Industrie« unterstützt als Medienpartner.

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*Ralf Reuter ist Manager Operations bei der Carhs.Training GmbH

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