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Wirtschaft Daimler-Chef präsentiert miserable Bilanz: „Nicht unser Anspruch“

| Autor/ Redakteur: dpa/Svenja Gelowicz / Svenja Gelowicz

Die Krise beim Stuttgarter Autohersteller verfestigt sich, um fast zwei Drittel bricht Daimlers Gewinn im Vergleich zum Vorjahr ein. Ola Källenius verweist dabei auf verschiedene Sondereffekte – und erteilt einem Gerücht eine klare Absage.

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Daimler-Chef Ola Källenius bei seiner ersten Bilanzpressekonferenz: „Wollen profitables Wachstum“
Daimler-Chef Ola Källenius bei seiner ersten Bilanzpressekonferenz: „Wollen profitables Wachstum“
(Bild: Daimler)

Ein deutlicher Gewinneinbruch verdirbt Ola Källenius den Start an der Daimler-Spitze und setzt den Vorstandschef gleich in seinem ersten Jahr massiv unter Druck. Milliardenkosten vor allem für die Dieselaffäre, dazu Anlaufprobleme bei wichtigen neuen Modellen, Verluste in der Van-Sparte und nicht zuletzt immense Investitionen in Zukunftstechnologien: Bei dem Stuttgarter Auto- und Lastwagenbauer knirscht es an allen Ecken und Enden. „Die finanziellen Ergebnisse des Jahres 2019 sind nicht unser Anspruch“, räumte Källenius bei der Vorlage der Bilanz am Dienstag (11. Februar) in Stuttgart ein. „Das reicht nicht.“

Der Schwede steht seit vergangenem Mai an der Daimler-Spitze und muss nun beweisen, dass sein im November angekündigtes Spar- und Effizienzprogramm, das unter anderem Tausende Arbeitsplätze kosten wird, funktioniert. 2020 sollen erste Effekte sichtbar und die Bilanz wieder besser werden, kündigte Källenius an.

Auto-Sparte mit Absatzrekord

Denn das Kerngeschäft läuft im Prinzip gar nicht so schlecht. Bei Mercedes-Benz Cars, Daimlers größter und wichtigster Sparte, bedeuteten rund zweieinhalb Millionen verkaufte Fahrzeuge einen weiteren Absatzrekord. „Wir wollen nicht Absatz um jeden Preis, sondern profitables Wachstum“, betonte Källenius.

Die Truck-Sparte brachte vor allem wegen eines schwachen Jahresendes zwar weniger Lastwagen an die Kunden als im Vorjahr, konnte aber trotzdem noch den Umsatz steigern. Auch die Busse, die Vans und die Sparte mit den Finanzdienstleistungen legten beim Umsatz zu.

Ebit bricht ein

Das Problem ist, dass am Ende zu wenig vom Geld aus dem operativen Geschäft übrig bleibt: Die Pkw-Sparte halbierte ihr Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr. Bei den Vans, lange Zeit ein verlässlicher Renditebringer, lief gar ein Minus von rund drei Milliarden Euro auf – „schrecklich“ nannte Källenius die Zahl vor Analysten.

Der operative Konzerngewinn vor Zinsen und Steuern brach um 61 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro ein. „Das Ebit ist stark belastet von Sondereffekten“, betonte der Daimler-Vorstand. Die Stuttgarter mussten unter anderem Investitionen in den Anlauf der Elektroantriebe schultern. Auch die Rechnung für Altlasten aus der Dieselaffäre ist im vergangenen Jahr immer länger geworden.

Wollen keinen Personalabbau mit dem Rasenmäher.

Auf mehr als vier Milliarden Euro summieren sich allein die Ausgaben für Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit der Dieselaffäre. Daimler bestreitet zwar, sogenannte unzulässige Abschalteinrichtungen in der Abgasreinigung seiner Fahrzeuge verwendet zu haben, kooperiert aber mit den Behörden und ruft hunderttausende Autos und Vans für Software-Updates zurück.

Mobilitätsdienste „sehr wichtig für den Konzern“

Hunderte Millionen Euro flossen auch in die Neuausrichtung der Mobilitätsdienste, die Daimler zusammen mit BMW betreibt (Källenius nennt sie „sehr wichtig für den Konzern“), in Rückrufe für defekte Takata-Airbags und in die Abwicklung der X-Klasse. Das Pick-up-Modell war erst 2017 auf den Markt gekommen, blieb aber weit hinter den Erwartungen zurück und wird nun gleich wieder eingestellt, mit einem harten Schnitt, wie Källenius es formulierte.

Daimler: Kein Stellenabbau in der Produktion

Dass Daimler 2020 noch einmal vor derart hohen Kostenbergen steht wie 2019, erwarten Källenius und sein Finanzchef Harald Wilhelm nicht. Die Investitionen werden gedeckelt und stärker dort konzentriert, wo am ehesten rasche Gewinne zu erwarten sind. Zudem will Källenius die Materialkosten senken und die teure Modellplatte ausdünnen. „Die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, haben Wirkung gezeigt“, sagte er.

1,4 Milliarden Euro jährlich sollen zudem bis Ende 2022 allein beim Personal eingespart werden. „Und dabei bleibt es“, sagte Källenius mit Blick auf Spekulationen, das Sparprogramm könne noch deutlich ausgeweitet werden. Er wolle keinen „Personalabbau mit dem Rasenmäher“, in manchen Bereichen wie der Software will man in Stuttgart sogar kräftig aufstocken. Eine niedrige fünfstellige Zahl an Stellen, also mindestens 10.000, sollen gestrichen werden – vor allen in Management und Verwaltung, nicht in der Produktion. Betriebsbedingte Kündigungen sind bei Daimler ausgeschlossen.

Bevor der Jobabbau Einsparungen bringt, kostet er erst einmal noch Geld – etwa zwei Milliarden Euro insgesamt und davon rund 1,2 Milliarden in diesem Jahr. Vom schwachen Vorjahresergebnis soll der operative Gewinn 2020 bei leicht sinkenden Verkaufszahlen dennoch deutlich um mehr als 15 Prozent steigen.

Nicht alle Zulieferer erfüllen Erwartungen

Die nächsten drei Jahre werden „ein Sack voll Arbeit“, sagte Källenius launisch, man wolle den hohen Anspruch an die eigene Marke auch in Ergebnissen umsetzen. Neben dem Jobabbau setzt Källenius dafür den Rotstift vor allem bei den Produkten an. Materialkosten müssten dafür „aggressiv“ gesenkt, das Produktportfolio ausgedünnt werden. Für alle Architekturentscheidungen gelte ab 2024 das Credo „Electric first“; ob für Pkws, Vans oder Lkws. Hinzu kommen 48-Volt-Fahrzeuge, deren Zahl Daimler verdoppeln möchte. In allen Segmente wollen sich die Stuttgarter auf margenstarke Produkte fokussieren. Und auch das Lieferantenmanagement würde neu aufgestellt, man habe es nicht geschafft, alle Zulieferer im selben Tempo mitzunehmen.

Große Hoffnungen steckt Källenius in digitale Dienste. Das Infotainmentsystem MBUX war nur ein wichtiger Schritt Richtung Zukunft. Software würde künftig zum Geschäftsmodell, je mehr Domänen im Auto, desto mehr Geschäft könne man im Lebenszyklus eines Fahrzeugs machen. Auch Lizenzmodelle seien dabei denkbar. Und dann ist da noch das eigene Betriebssystem „MB.OS“, in das der Hersteller gerade kräftig investiert. Teildomänen sollen innerhalb der nächsten beiden Jahre realisiert werden, die vollumfängliche Umsetzung erwarte man in frühestens vier Jahren.

Källenius ist „zuversichtlich“ bei CO2-Vorgaben

Nun muss vor allem die Elektromobilität Fahrt aufnehmen. Kritiker werfen Daimler und vor allem auch Källenius' Vorgänger und möglichem nächsten Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Zetsche vor, den Einstieg verschlafen zu haben. Mercedes hatte 2019 das erste Modell seiner vollelektrischen EQ-Familie, den EQC, auf den Markt gebracht, hatte aber auch dabei mit Anlaufproblemen zu kämpfen. Gelingt der Hochlauf bei Elektroantrieben nicht, drohen hohe Strafzahlungen, wenn der CO2-Grenzwert für die Neuwagenflotte nicht eingehalten wird.

„Ich bin zuversichtlich“, sagte Källenius, aber garantieren könne er nicht, dass man die für Daimler voraussichtlich geltenden gut 100 Gramm CO2 pro Kilometer schaffe. Zuletzt lag die Daimler-Flotte bei etwa 137 Gramm. Eine wichtige Voraussetzung sei, nun schnell weitere Linien für die Batteriefertigung hochzufahren.

Daimler streicht die Dividende zusammen

Das Konzernergebnis beträgt 2,7 Milliarden Euro (Vorjahr: 7,6 Mrd. Euro), davon entfallen 2,4 Milliarden auf die Aktionäre. Das hat Folgen auch für Mitarbeiter und Aktionäre: Für die rund 130.000 Tarifbeschäftigten gibt es 2020 nur noch 597 Euro Ergebnisbeteiligung und eine einmalige Anerkennungsprämie von bis zu 500 Euro. Im Vorjahr hatte die Prämie noch bei 4.965 Euro gelegen.

Außerdem kürzte Daimler seine Dividende drastischer als von Analysten erwartet. Die Aktionäre sollen je Aktie für das abgelaufene Geschäftsjahr nur noch 90 Cent erhalten – nach 3,25 Euro das Jahr zuvor. Das sei zweifellos enttäuschend, sagte Finanzchef Harald Wilhelm. Aber auch deswegen nehme man nun so intensiv die Kostenseite in den Blick.

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