Fahrerassistenzsysteme Daimler stellt teilautomatisierten Lkw vor

Autor / Redakteur: Wolfgang Pester / Thomas Günnel

Mercedes-Benz hat in Stuttgart den ersten teilautomatisiert fahrenden Serien-Lkw vorgestellt. Er ist ab sofort auf deutschen Autobahnen unterwegs.

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Mercedes-Benz testet den ersten teilautomatisiert fahrenden Serien-Lkw auf der Autobahn bei Stuttgart.
Mercedes-Benz testet den ersten teilautomatisiert fahrenden Serien-Lkw auf der Autobahn bei Stuttgart.
(Foto: Daimler)

Bei der Jungfernfahrt auf der A8 Anfang Oktober überzeugte sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann als Beifahrer im Mercedes-Benz Actros vom einwandfreien Funktionieren des neuen Systems „Highway Pilot“. Trucker auf dem Bock war Wolfgang Bernhard, Konzernvorstand des Bereichs Trucks & Buses. Für Kretschmann ist die Jungfernfahrt „ein klares Signal für ein neues Verkehrszeitalter“. In der Premiere des teilautomatisierten Fahrens sieht Bernhard einen „weiteren wichtigen Schritt hin zur Marktreife von autonom fahrenden Lkw – und hin zu einem sicheren, nachhaltigen Straßengüterverkehr der Zukunft.“

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In Serie ab 2020?

Und die Zukunft des Lkw mit Highway Pilot könnte schon im Jahr 2020 beginnen, wie Sven Ennerst, Leiter Entwicklung Daimler Trucks, bemerkte. Er freut sich, dass der TÜV Rheinland die Sicherheit des Systems bestätigt hat, und daraufhin Baden-Württemberg die Tests per Ausnahmegenehmigung genehmigte. Mit dieser Genehmigung darf der Lkw bundesweit auf Autobahnen fahren. Für Kretschmann können autonom fahrende und vernetzte Fahrzeuge den Verkehrsfluss verbessern und entscheidend dazu beitragen, Staus zu vermeiden, Fahrer zu entlasten und zudem die Verkehrssicherheit erhöhen. „Deswegen plant die Landesregierung derzeit die Einrichtung eines technologieoffenen Testfelds für autonomes und teilautonomes Fahren“, erklärte der Ministerpräsident.

Die notwendige Technik erforschen

Dieses Projekt ermöglicht es, die hierfür notwendige Technik und Infrastruktur auf Autobahnen, Überlandstraßen und innerorts zu erproben und zu erforschen“, sagte der Kretschmann. Auch der rechtliche Rahmen für das autonome Fahren solle dabei weiter entwickelt werden. Für die Entwicklung dieser Technologie bis zur Marktreife ist die sichere Erprobung im echten Verkehrsgeschehen ganz entscheidend. „Das können wir jetzt angehen“, sagte Daimler-Vorstand Bernhard. Und wie ermöglicht der Highway Pilot das teilautomatisierte Fahren? Mit der Kombination der neuen Generation bewährter Assistenz- und Sicherheitssysteme und Sensoren kann das Highway-Pilot-System des Lkw den gesamten Bereich vor dem Fahrzeug ständig beobachten und in bestimmten Situationen selbst das Steuer übernehmen. Es hält den korrekten Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und bremst rechtzeitig, wenn ein anderes Fahrzeug vor ihm auf die Fahrbahn einschert.

Der Fahrer bleibt verantwortlich

Das System kann den Lkw auf Autobahnen zwar selbst steuern – der Fahrer bleibt aber voll verantwortlich, muss den Verkehr jederzeit überwachen und auch jederzeit eingreifen können. So wird der Fahrer unterstützt und entlastet, wenn der Highway Pilot auch das Nerven raubende Stop-and-go-Fahren im Stau übernimmt. Das ist vergleichbar mit einem Autopiloten, wie er in Flugzeugen üblich ist. Das reibungslose Zusammenspiel der Komponenten wurde bereits ausgiebig erprobt und hat rund 20.000 km auf Teststrecken in Deutschland und in den USA absolviert.

Notbremsassistent Pflicht ab Ende 2015

Der Mercedes-Benz Actros der Jungfernfahrt mit neuem 12,8-Liter-Dieselmotor (OM 471) hat alle bewährten Assistenz- und Sicherheitssysteme an Bord. Dazu gehören etwa Mercedes PowerShift 3, Predictive Powertrain Control und Abstandhalteassistent sowie Aufmerksamkeitsassistent und ein Fleetboard Fahrzeugrechner. Selbstverständlich auch Active Brake Assist 3, der mit seiner automatischen Notbremsfunktion Auffahrunfälle ausschließt. Dieses Fahrerassistenzsystem muss übrigens ab Ende des Jahres europaweit in allen neu zugelassene Lkw und Busse eingebaut sein. Diese Systeme sind verknüpft mit den Sensoren des Highway Pilot: dem Fernbereichsradar mit einer Reichweite von 250 Metern und einem Erfassungswinkel von 18 Grad, der Frontstereokamera mit 100 Meter Reichweite und 45 Grad Erfassungswinkel sowie dem Nahbereichsradar, das 70 Meter weit reicht und 130 Grad abdeckt.

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Notwendige Technik im Fahrzeug

Die gesamte Technik des Actros mit Highway Pilot befindet sich im Fahrzeug, der Lkw benötigt also für die teilautomatisierte Fahrfunktion keine Information von außen, etwa über Internet. Die Redundanz in der Sensorik und ausfallsichere Komponenten wie Lenkung und Bremsen garantieren einen extrem hohen Sicherheitsstandard. Sind die Mindestvoraussetzungen für das System aufgrund schlechten Wetters oder fehlender Fahrbahnmarkierung, zum Beispiel in Baustellen, nicht gegeben, fordert der Highway Pilot den Fahrer durch akustische und optische Signale zur manuellen Übernahme auf. Der Fahrer hat für die Übernahme der Fahraufgabe ausreichend Zeit. Erfolgt keine Reaktion des Fahrers, bringt sich der Lkw selbstständig und sicher zum Stillstand. Im Straßengüterverkehr eröffnet das automatisierte Fahren über die steigende Sicherheit hinaus erhebliche Vorteile. Wobei unterschieden wird in teilautomatisiertes Fahren, bei dem der Fahrer das System dauerhaft überwachen muss. Dagegen muss der Fahrer beim hoch automatisierten Fahren das System nicht mehr dauerhaft überwachen. Das voll automatisierte Fahren, auch autonomes Fahren genannt, erfordert in speziellen Anwendungsfall keinen Fahrereingriff mehr.

Ermüdung von Fahrern reduzieren

Eine Studie von Daimler Trucks über das Highway-Pilot-System ergab unter anderem, dass die Ermüdung von Fahrern um 25 Prozent sinkt, wenn sie vom monotonen Spurhalten entlastet werden und anderweitige Aufgaben übernehmen können. Dies wird in künftigen Entwicklungsstufen des automatisierten Fahrens möglich sein. Ebenfalls würde durch optimales Schalten, Beschleunigen und Bremsen weniger Diesel verbraucht werden und so auch die CO2–Emissionen sinken. Daimler Trucks erwartet hier Einsparungen von bis zu fünf Prozent. Diese Vorteile zahlten sich insbesondere aus, weil die Laufleistung von Lkw sehr hoch ist: Im Fernverkehr legen deutsche Trucks pro Jahr durchschnittlich 130.000 km zurück.

Gesetzlichen Rahmen schaffen

Bevor der Schritt zum sogenannten autonomen Fahren ausgeführt werden kann, müssen Gesetzgeber und Behörden jetzt die notwendigen regulatorischen Rahmen schaffen. Darauf hoben Ministerpräsident Kretschmann und Daimler-Vorstand Bernhard ab. Damit die Highway-Pilot-Technologie in den nächsten Jahren auf den Markt kommen kann, müsse erstens die neu gefasste Wiener Konvention in deutsches Recht übertragen werden, erklärte Bernhard. Hier müsse das Bundesverkehrsministerium tätig werden.

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Denn dies sei Voraussetzung dafür, dass der Fahrer das Steuern des Lkw dem Assistenzsystem Highway Pilot überlassen darf. Ebenso sein das Bundesverkehrsministerium und das Kraftfahrt-Bundesamt gehalten, schon jetzt den Zertifizierungsprozess für die Zulassung von automatisiert fahrenden Serien-Lkw anzustoßen, so Bernhard. Auch fordert er die EU-Kommission auf, die Richtlinie ECE R79 anzupassen. Diese Richtlinie erlaube automatisiertes Fahren derzeit nur bis zu einer Geschwindigkeit von 10 km/h.

Bereits zwei Konzept-Lkw unterwegs

Die von der Bundesregierung Mitte September vorgestellte Strategie „Automatisiertes und vernetztes Fahren“ sowie das von der Landesregierung Baden-Württemberg geplante Testfeld für autonomes Fahren begrüßte Bernhard ausdrücklich. Er stimmt mit Kretschmann im Ziel überein, dass in Deutschland, wo die ersten Lkw überhaupt fuhren, auch die Lkw der nächsten Generation zuerst fahren. Daimler Trucks fährt als Pionier voran, wie Konzeptfahrzeuge es belegen.

Im Juli 2014 stellte der Lkw-Weltmarktführer in Magdeburg den Mercedes-Benz Future Truck 2025 vor. Die Lkw-Studie zeigte, dass Daimler Trucks über die Technologien verfügt, die für das autonome Fahren notwendig sind. Im Mai dieses Jahres feierte der Freightliner Inspiration Truck seine Weltpremiere in den USA. Im Bundesstaat Nevada erhielt er die weltweit erste Straßenzulassung für einen autonomen Lkw. Den Serieneinsatz teilautomatisiertes Fahren im öffentlichen Straßenverkehr ab 2020 eröffnet jetzt der Mercedes-Benz Actros mit Highway Pilot.

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