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Autonomes Fahren Der American Way of Drive

Autor / Redakteur: sp-x / Christian Otto

Amerikaner haben es besonders gern, wenn sie im Auto wenig selbst tun müssen. Darum ist die Autoshow in Los Angeles ein Mekka für die Propheten des weitgehend autonomen Fahrens. Und auch auf Kaliforniens Straßen werden Fahrzeuge mit Autopiloten sich rasch vermehren.

So stellt sich Google das autonome Auto der Zukunft vor.
So stellt sich Google das autonome Auto der Zukunft vor.
(Foto: Google)

Eigentlich hat das Showcar, das Hakan Samuelsson da gerade präsentiert, eine völlig falschen Namen: „Drive Me“ hat der Chef von Volvo den aufgerüsteten V60 taufen lassen – „Fahre mich“. Dabei wäre eigentlich „Don‘t drive me“ treffender.

Denn der Schweden-Entwurf braucht gar keinen Fahrer. Die Volvo-Techniker haben ihn zum Autonomen Fahrzeug umfunktioniert – und präsentieren damit auf der „Connected Car Expo” der Los Angeles Auto Show ihre Vorstellung vom schönen neuen Autofahren. Die Spur halten, auf den Verkehr achten, bremsen und lenken kann der Mittelklasse-Volvo – und er analysiert dazu auch den Verkehr um sich herum. Alles im Dienst von Samuelssons Vision: “Bis 2020 soll kein Passagier in einem neuen Volvo mehr getötet oder auch nur ernstlich verletzt werden.” Volvo hat sogar schon einen Assistenten entwickelt, der beim drohenden Crash selbsttätig einen Ausweg ansteuert. Kollege Computer greift dazu ein, wenn der Fahrer versagt – und auch, wenn er einfach keine Lust aufs Auto-Selbstfahren hat.

Das ist im zermürbenden Verkehrsgetümmel der Metropole besonders oft der Fall. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass gerade hier in Kalifornien neben Volvo auch Audi, Daimler, Ford, GM, Jaguar, Land Rover, Hyundai sowie viele Zulieferer und Entwickler ihren Traum vom autonomen Fahren präsentieren. Denn vor allem in den USA liegt das Mekka für das nächste große Geschäft im Automobilsektor.

Drei besondere Vorteile kommen gerade hier zusammen, wie Experten auf der Messe erläutern – Vorteil eins: Oft stundenlange Fahrten mit maximal erlaubten 100 Stundenkilometern auf den Highways verlocken nicht gerade zur Freude am Fahren. Viele Städte bestehen anders als in Europa zudem aus breiten schachbrettmusterartigen Geflechten von Einbahnstraßen. Die Menschen zuckeln darauf etwa zur nächsten Mall mit riesigen Parkflächen. Monotonie trifft also auf leichte Planbarkeit der Fahrsituationen.

Neue Ära der Autoindustrie

Vorteil zwei: Die USA stehen neuer Technik aufgeschlossen, oft begeistert gegenüber. Und Kalifornien ist schließlich die Heimat der Software-Visionäre des Silicon Valley. Cisco, Apple, Nvidia oder Google mischen kräftig mit beim Entwickeln solcher Zukunftstechnologien. Und nicht umsonst hat Audi sein Electronics Research Laboratorium hier angesiedelt. Beinahe uneingeschränkt begrüßt wird diese Technologie-Führerschaft auch von der Politik. Senator Alex Padilla etwa jubelt, dass “Kalifornien oft genug bewiesen hat, dass wir Technologieführer sind – und das auch in dieser neuen Ära der Autoindustrie sein werden”.

Das führt zu Vorteil drei: Nicht zuletzt dank der Initiative Padillas haben die Kalifornier seit September eines der liberalsten Gesetze, um Fahren ohne menschlichen Lenker auf öffentlichen Straßen auszuprobieren. Fünf Millionen Dollar Versicherungsnachweis und ein geschulter Mensch im Auto, der zur Not eingreifen kann: Auf geht's mit dem test drive über die Golden Gate, den Highway 101 oder den Hollywood Boulevard.

Dort sind nicht nur während der Messetage einige Experimental-Autos unterwegs. Google etwa hat mit seiner Lexus-Flotte die eigene Technik zum autonomen Fahren schon einige 100.000 Kilometer in Kalifornien zurückgelegt. Und die erste Lizenz zum freihändigen Fahren nach dem neuen Gesetz hat Audi erhalten.

Schon in Nevada und Florida testen die Bayern – wie auch Conti, Mercedes, Ford, Google oder GM –, wie es sich ohne Fahrer durch den Verkehr kurven lässt. Teilweise sind die gesetzlichen Regeln sogar noch laxer als in Kalifornien. In Europa gibt es zwar auch ähnliche Versuchsfahrten, aber die Auflagen sind ungleich höher.

Das liegt vor allem an der Wiener Straßenverkehrskonvention von 1968. Sie schreibt vor, dass ein Fahrer sein Gefährt “oder seine Tiere” stets selbst und unmittelbar kontrollieren muss. Darum etwa wird der Lenker bei automatischen Spurhalte-Assistenten noch alle paar Sekunden ermahnt, die Hände ans Lenkrad zu legen. Sonst schaltet der Computer den Assistenten zwangsweise ab.

Das Abkommen wird zwar gerade überarbeitet, um autonomes Fahren auf öffentlichen Straßen auch in Deutschland möglich zu machen. Doch das kann Jahre dauern, denn mehr als 100 Länder haben sich auf diesen Vertrag geeinigt. Die USA allerdings sind nicht dabei. Kalifornien will sogar ab dem kommenden Jahr Tests mit autonom fahrenden Autos auf seinen Straßen erlauben, wenn diese weder Pedale noch eine Lenkung haben. Google hat gerade ein solches Fahrzeug vorgestellt – und sieht einen großen Bedarf dafür. Etwa behinderte oder sehr alte Menschen könnten mit solchen Autos wieder am individuellen Straßenverkehr teilnehmen, sagt Projektleiter Chris Urmson.

Es herrscht also wieder mal Goldgräberstimmung in Kalifornien – rund um das Auto mit dem Computer als Fahrer. Zu Recht: Eine neue Studie der Marktforscher von IHS rechnet mit einem Boom für autonomes Fahren in den USA. In der Mitte des kommenden Jahrzehnts wird es demnach dort schon 230.000 selbstfahrende Autos geben, die neu zugelassen werden – jährlich. Und ABI Research prophezeit schon acht Jahre darauf gar zehn Millionen solcher Autos in den USA. Darum rufen die Autohersteller der Welt schon jetzt auf der Messe: “Drive with me!”

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