VDA-Präsidentin Hildegard Müller „Deutschland muss voran gehen und die Standards setzen!“

Von Doris Pfaff

Der VDA fordert angesichts der Jahrhundertaufgabe der Transformation mehr Fortschritt und Geschwindigkeit sowie ein Ende der theoretischen Debatten um die Klimaziele. Jetzt sei die Zeit der Umsetzung!

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Die VDA-Präsidentin sieht noch keine Trendwende für die deutsche Autoindustrie. Fehlende Rahmenbedingungen gefährdeten zudem die Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt.
Die VDA-Präsidentin sieht noch keine Trendwende für die deutsche Autoindustrie. Fehlende Rahmenbedingungen gefährdeten zudem die Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Markt.
(Bild: Dominik Butzmann)

Für das laufende Jahr erwartet der Verband der Automobilindustrie (VDA) für den Pkw-Weltmarkt ein Plus von 4 Prozent auf 73,3 Millionen Einheiten und damit ein ähnliches Wachstum wie 2021. Die Zahlen gab der Verband heute (Mittwoch) auf seiner Online-Jahrespressekonferenz bekannt. Die weltweite Produktion liege damit noch 13 Prozent unter dem Rekordergebnis aus dem Jahr 2017.

Der deutsche Markt soll im Jahr um 7 Prozent auf 2,8 Millionen Neuzulassungen wachsen; 750.000 davon werden Elektroautos sein (50 Prozent BEVs und 50 Prozent PHEVs). Die Inlandsproduktion soll um 13 Prozent auf 3,5 Millionen Einheiten zulegen. Allerdings werde damit nur das Produktionsniveau des ohnehin schwachen Jahres 2020 erreicht. Die Auslandsproduktion dürfte in diesem Jahr um 5 Prozent auf 9,9 Millionen Einheiten wachsen.

Chipmangel wirkt bis ins Jahr 2023

Keine Entspannung sieht der VDA bei den Lieferengpässen durch die Halbleiterkrise. Der Chipmangel werde die Automobilindustrie noch bis ins Jahr 2023 belasten. Manuel Kallweit, Chefvolkswirt des VDA, rechnet nach dem Tiefpunkt im dritten Quartal 2021, im ersten Halbjahr 2022 mit einem gleichbleibenden Versorgungsniveau. Erst im zweiten Halbjahr dieses Jahres erwarte er eine leichte Entspannung.

Vor dem Hintergrund der Chipkrise sei es laut Müller richtig, dass die EU im Rahmen des sogenannten European Chips Act viele Milliarden-Euro an Fördergeldern bereitstellen will, um die Halbleiterproduktion in Deutschland und Europa voranzutreiben.

Insgesamt forderte Müller von der Politik erneut mehr Tempo beim Ausbau der Ladeinfrastruktur, um den Absatz von Elektroautos weiter zu steigern und letztlich die Klimaschutzziele zu erreichen. Der Reichweitenangst der Kunden könne man nur mit ausreichenden Ladeangeboten begegnen. „Wenn Deutschland sein aktuelles, bescheidenes Tempo beibehält, haben wir 2030 gerade einmal rund 160.000 Ladepunkte – nicht einmal ein Sechstel der angestrebten eine Million“, warnte Müller.

Die Politik müsse für die Rahmenbedingungen sorgen und schnellstens zu einem Ladegipfel einladen, an dem laut Müller neben den Behörden, Kommunen und Tankstellengesellschaften auch die Autoindustrie teilnehmen sollte.

Ab sofort muss jedes zweite verkaufte Fahrzeug ein E-Auto sein

Die Zeit dränge, denn um bis 2030 die von der Bundesregierung angestrebten 15 Millionen E-Autos auf der Straße zu haben, müsste ab sofort jedes zweite verkaufte Fahrzeug ein E-Auto sein, betonte Müller.

Weiterhin forderte Müller „ein Ende der theoretischen Debatten um die Klimaziele“. Ein Paradigmenwechsel sei angesagt. Klima- und Industriepolitik gehörten zusammengeführt, sonst werde die deutsche Automobilindustrie auf dem Weltmarkt abgehängt. „Wir sind der Wirtschaftsmotor, der jetzt auf Strom umgestellt werden muss“, so Müller.

Die Rahmenbedingungen müsse die Politik liefern. Die Automobilindustrie sorge dann dafür, dass sich die Elektromobilität weiterentwickele und E-Fahrzeuge zu einem Massenprodukt werden. Die Modellpalette werde weiter wachsen, die Batterien würden effizienter, sodass die Anschaffungskosten eines E-Autos langfristig gesenkt und somit günstiger werden können als die eines Verbrenners.

Prämie auch für Plug-in-Hybride weiter erforderlich

Um dieses Ziel zu erreichen, sei es weiterhin erforderlich, Elektromobilität durch die Innovationsprämie zu fördern. Die Prämie sollte auch künftig die Plug-in-Hybride umfassen, weil sie es den Kunden erleichterten, auf die Elektromobilität umzusteigen. Allerdings müsse man dafür sorgen, dass die Besitzer eines Plug-in-Hybrids den elektrischen Antrieb stärker nutzten, erklärte Müller.

Elektroautos auf die Straße zu bringen, um die Klimaziele zu erreichen, mache aber nur dann Sinn, wenn sie mit „100 Prozent Ökostrom“ betrieben würden. Deshalb sei der Netzausbau eine Grundvoraussetzung, um die Mobilität der Zukunft zu ermöglichen.

Erneuerbare Energien werden zudem für die Produktion von E-Fuels und Wasserstoff benötigt, deren Einsatz Müller auch für den Pkw für erforderlich hält. Schließlich würden im Jahr 2030 noch 30 Millionen Fahrzeuge mit einem Verbrennungsmotor unterwegs sein. Dieser Bestand müsse in der Klimarechnung berücksichtigt werden, ebenso wie Nutzfahrzeuge. Der Einsatz von E-Fuels und Wasserstoff sei deshalb unverzichtbar.

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E-Fuels sind unverzichtbar

Um für eine ausreichende Kapazität zu sorgen, müsse Deutschland Energie- und Rohstoffpartnerschaften eingehen und eine aktive Rohstoffaußenpolitik betreiben. „Die Märkte werden aktuell weitgehend ohne uns verteilt. Deutschland muss hier schneller werden und strategisch vorgehen“, sagte Müller.

Und auch bei der Digitalisierung fordert Müller mehr Tempo ein. Deutschland verfüge immer noch nicht über eine flächendeckende 5-G-Versorgung. Auch hier sei die Politik am Zug. Die Automobilindustrie leiste ihren Teil und sei mit Investitionen bis 2026 in Höhe von 220 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung der „Treiber der Transformation“.

Abschließend erinnerte Müller daran, dass jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland in Verbindung zur Automobilindustrie stehe. „Um unser Potenzial in Deutschland weiter voll zu entfalten und in allen Bereichen zu nutzen, sind Infrastruktur und Rahmenbedingungen das notwendige Gerüst – und dieses Gerüst ist noch nicht tragfähig“, resümierte Müller.

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