Brasilien Die dynamische Entwicklung setzt sich fort

Redakteur: Christoph Baeuchle

Unter den BRIC-Staaten gilt Brasilien als der reifste Markt. Dennoch bietet er große Chancen für Hersteller und Lieferanten. Welche erläutert Stephan Keese, Partner bei Roland Berger, im Gespräch mit »Automobil Industrie«.

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»Automobil Industrie«: Herr Keese, welche mittelfristige Entwicklung erwarten sie für den brasilianischen Automobilmarkt?

Stephan Keese: Der Markt knackt voraussichtlich 2013, spätestens jedoch 2014 die Vier-Millionen-Grenze. Auch dann setzt sich die Entwicklung dynamisch fort, bis er sich bei 4,5 bis 5 Millionen Light Vehicles einpendelt. Aus unserer Sicht dürfte dies im Zeitraum zwischen 2018 und 2020 stattfinden, allerdings gibt es auch diverse Unsicherheitsfaktoren wie die langfristige Entwicklung der brasilianischen Wirtschaft.

»AI«: Rechnen Sie mit einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung?

Keese: Rückschläge wird es keine geben, allenfalls Seitwärtsbewegungen, wie es zur Zeit der Fall ist. Seit September 2011 schwächelt der Privatmarkt, Wachstum fand in den vergangenen Monaten ausschließlich über Flottenverkäufe statt. Der Markt wird quasi mit Gebrauchtwagen überschwemmt, deshalb hat auch das private Interesse nachgelassen. Ich gehe davon aus, dass die Konsolidierungsphase im ersten Quartal 2012 endet und der Markt wieder wächst.

„Brasilien hat einen starken Inlandskonsum“

»AI«: Was treibt die positive Entwicklung?

Zwei Faktoren dominieren die brasilianische Wirtschaft wesentlich: Zum einen die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen jeglicher Art. Brasilien besitzt umfangreiche mineralische Rohstoffe sowie Öl und baut zudem viele Nahrungsmittel an. Zum anderen hat Brasilien einen starken Inlandskonsum: Das Land hat eine Bevölkerung von über 200 Millionen Einwohnern – geeint durch einen Kulturkreis, eine Sprache und einen großen Nachholbedarf an Konsum.

»AI«: Welche Modelle dominieren den brasilianischen Automarkt?

Mit einem Anteil von etwa 60 Prozent überwiegen die Einstiegsfahrzeuge. Allein Fiat und Volkswagen verkaufen jedes Jahr jeweils rund 300.000 bis 350.000 Einheiten vom Palio und vom Gol.

»AI«: Also das untere Preisniveau?

In der einfachsten Version kosten sie etwa 27.000 Real, also rund 11.500 Euro. Das ist sehr teuer. Generell kostet ein Fahrzeug etwa das Doppelte als in Deutschland, ein Luxusfahrzeug sogar das Drei- bis Vierfache. Brasilien hat ein sehr hohes Preisniveau.

»AI«: Woran liegt dies?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Generell wird das sehr hohe Preisniveau vom Markt akzeptiert, da sehr viel finanziert wird. Außerdem achtet der brasilianische Konsument viel mehr auf die monatlichen Kosten als auf den Gesamtpreis. Hinzu kommen hohe Herstellkosten sowie Steuern. Allein im Einstiegssegment betragen die Steuern 35 Prozent.

„Die Produktivität ist schlecht, die Lohnkosten sind hoch“

»AI«: Warum sind die Herstellkosten so hoch?

Auch das hat unterschiedliche Ursachen. Die Produktivität ist schlecht, die Lohnkosten sind hoch. Es fehlt an Automatisierung, viel wird noch von Hand gemacht. In den vergangenen zehn Jahren ist die Produktivität nur um 22 Prozent gestiegen. Ganz anders der Lohn: Er hat sich verdoppelt, Währungskurseffekte eingerechnet sogar versechsfacht. Hinzu kommen hohe Steuern.

»AI«: Mitte Dezember steigt die Industriesteuer für Importfahrzeuge um 30 Prozent. Wie wirkt sich dies aus?

Wir rechnen mit einem Rückgang des Importvolumens von rund 25 Prozent in diesem Jahr auf etwa 20 Prozent in 2012. Dies wird nicht zum Einbruch des Marktes führen.

»AI«: Wen trifft die Steuererhöhung?

Vor allem zwei Gruppen: Die kleineren Fahrzeuge der Premiumhersteller. In ihrer Basisversion kosten sie rund 100.000 Real, also etwa 42.000 Euro. Die Mittelschicht ist Stolz, wenn sie von einem Volumenmodell auf ein deutsches Luxusauto umsteigen kann. Ein Brasilianer, der sich einen voll ausgestattetes Oberklassefahrzeug für 250.000 Euro leisten kann, zahlt auch 300.000 Euro für ein Auto.

„Gegen die chinesischen Hersteller richttet sich eigentlich die Steuer“

»AI«: Und die zweite Gruppe?

Das sind die chinesischen Hersteller – gegen sie richtet sich eigentlich die Steuer. In den vergangenen Monaten sind sie massiv auf den Markt gekommen. Am unteren Ende hatten die Käufer die Wahl zwischen einem lokal produzierten Auto und einem voll ausgestatten Importfahrzeug aus China. Der Anteil chinesischer Pkw hat von etwa 0,5 Prozent in 2010 auf rund zwei Prozent in 2011 zugenommen.

»AI«: Kann die Steuer mit einer CKD-Fertigung umgangen werden?

Um die Vorteile der lokalen Produktion zu nutzen, muss der Local Content innerhalb von drei Jahren auf mindestens 65 Prozent steigen.

»AI«: Ist dies schwierig zu erreichen?

Alle großen Lieferanten sind schon vor Ort, aber sie sind zum Teil sehr teuer. Die Hersteller bekommen alle Teile, allerdings nicht in den notwendigen Mengen.

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»AI«: Zum Beispiel?

Die lokale Reifenproduktion deckt lediglich zwei Drittel des Marktes ab. Neue technische Voraussetzungen wie Airbag oder ABS werden ebenfalls noch importiert.

»AI«: Welche Chancen haben kleinere Lieferanten?

Der Markt ändert sich derzeit massiv: Früher wurden in Brasilien vor allem lokale Entwicklungen oder bereits „abgelegte“ Fahrzeuge produziert. Heute spielen zunehmend globale Plattformen eine wichtige Rolle. Dies eröffnet mittelständischen Lieferanten neue Möglichkeiten. Ein Lieferant, dessen Produktmix auch Volumenmodelle umfasst, hat meist genügend Technologie und Produkte, die auch in Brasilien hoch geschätzt werden.

„Man kann den Standort nicht von Europa steuern“

»AI«: Mit welchen Risiken ist der Markteintritt verbunden?

Brasilien ist verhältnismäßig europäisch: Dies gilt sowohl für die Sprache als auch für die Kultur. Das verleitet aber viele, den Markt zu unterschätzen. Die Unterschiede liegen im Detail, beispielsweise in der Komplexität des Steuer- oder Arbeitssystems, der hohen Bürokratie, aber auch im Kunden-/ Lieferantenverhältnis. Aber im Vergleich zu Asien ist der Markteintritt in Brasilien sicherlich leichter.

»AI«: Was ist entscheidend?

Man kann den Standort nicht von Europa oder den USA steuern. Das ist bislang bei allen Unternehmen schief gegangen. Wichtig ist, dass das Management vor Ort den Markt richtig versteht, portugiesisch spricht und entsprechend vernetzt ist.

»AI«: Was ist bei der Standortsuche zu beachten?

Viele mittelständische Unternehmen siedeln sich im Großraum Sao Paolo an. Allerdings ist dies teuer. Deshalb ziehen immer mehr Großunternehmen und Mittelständler aufs Land um.

Brasilien steht im Mittelpunkt des Titelthemas der Ausgabe 1/2 der »Automobil Industrie« (Erscheinungstermin: 1. Februar 2012).

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