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Autonomes Fahren Die Zukunft kommt aus Kalifornien

| Autor / Redakteur: Jens Meiners / Michael Ziegler

Autonomes Fahren ist – technisch gesehen – keine Zukunftsmusik mehr. »Automobil Industrie«-Reporter Jens Meiners testet im kalifornischen Silicon Valley ein Audi-Forschungsfahrzeug und erklärt die besondere Rolle der Region.

Autonomes Fahren soll zur Kernkompetenz von Audi werden. Die Ingolstädter erheben Anspruch auf eine Vorreiterrolle.
Autonomes Fahren soll zur Kernkompetenz von Audi werden. Die Ingolstädter erheben Anspruch auf eine Vorreiterrolle.
(Foto: Audi)

Liegt die automobile Zukunft im Nichtstun? Die Testfahrten mit dem jüngsten Prototypen der Ingolstädter Premium-Marke scheinen es nahezulegen. Wir biegen auf den Twin Dolphin Drive im Ort Belmont ein, der Bildschirm signalisiert Bereitschaft – und wir drücken zwei Knöpfe auf den unteren Lenkradspeichen. Jetzt übernimmt das Auto: Das Volant wird nach vorn weggezogen, der Dreiliter-Kompressor beschleunigt den A7 mit Nachdruck. Jetzt fährt die Fließheck-Limousine ohne Zutun des Fahrers. Dem wird nun Zerstreuung geboten: Der Zentralbildschirm offeriert Telefon-Funktionen und bietet das Versenden von Textnachrichten an. Auch im Internet darf gesurft werden. Willkommen in der Vision des Autonomen Fahrens, die in dem von uns im kalifornischen Silicon Valley bewegten Forschungsfahrzeug bereits zur Realität geworden ist.

Wir wollen mobil sein, gleichzeitig steigt die Verkehrsdichte an: Die Zeit, die wir im Auto verbringen, nimmt zu. Heerscharen von Entwicklern arbeiten daran, die aus anderen Lebensbereichen gewohnte Technik ins Auto zu holen: Internet, Musik auf Abruf, Telefonie, Videokonferenzen, Wellness-Funktionen. Doch wirklich sicher nutzbar sind sie nur, wenn das Auto selbsttätig fährt, lenkt und aufpasst. Und das kann unser A7, den die Entwickler liebevoll „Otto“ nennen. Er fährt zügig an, wenn die Ampel auf Grün springt; er folgt sauber der Straßenführung, und er hält ausreichend Abstand zu anderen Verkehrsteilnehmern.

Dabei wird das Autonome Fahren auch visuell sichtbar und damit für den Kunden verständlich gemacht. Sauber integrierte Informationsbildschirme und eine unter der Windschutzscheibe integrierte, horizontale LED-Leiste bieten eine anspruchsvolle Optik. Außen hingegen hält sich der selbstfahrende A7 – dessen Kofferraum in diesem frühen Stadium übrigens noch voller Rechner steckt – dezent zurück. Die Zusatzkameras, die Radar- und Ultraschallsensoren sowie die Laserscanner sind perfekt kaschiert, keine Spur von unästhetischen Kamerabrücken und -türmen auf dem Dach.

Sicherheit zuerst

Autonomes Fahren ist komfortabel, vor allem aber ist es sicher. Denn das Fahrzeugumfeld wird durch zahlreiche Sensoren und Kameras überwacht, denen praktisch keine relevante Information entgeht. Konzept und Software werden von Audi dabei selbst definiert und entwickelt. Der innovative Ansatz liegt darin, dass jede Funktion einen Sensor nutzt und die Daten in einem Prozessor zentral fusioniert werden. Software und Hardware bleiben voneinander getrennt – damit bleibt entscheidendes Wissen im Konzern. Bis alle Funktionen perfekt laufen, wird noch einige Zeit vergehen; eines der ambitionierte Ziele ist jedenfalls, dass jede Entscheidung ausschließlich aufgrund der Sensordaten getroffen werden kann, ohne dass man auf digitalisiertes Kartenwerk zurückgreifen müsste.

Audi-Entwicklungsvorstand Dr. Ulrich Hackenberg hat zwei sehr anspruchsvolle Szenarien definiert, mit denen das System klarkommen sollte: Einerseits muss für den Fall eines Herzanfalls oder einer ähnlichen akuten Erkrankung ein kontrollierter Stopp vorgelegt werden, und zwar von ganz links durch alle Fahrspuren hindurch bis zu einer für einen sicheren Halt geeigneten Ort. Und zweitens soll ein autonom gesteuertes Auto „schneller auf der Rennstrecke sein als ich.“ Hackenberg, das muss man wissen, ist Rennfahrer.

Welchen Vorsprung sich Audi bereits erarbeitet hat, wird nicht zuletzt daraus ersichtlich, dass man nicht mehr nur auf Autobahnen und freien Landstraßen, sondern auch im Stadtverkehr testet: „Die Umsetzung im urbanen Umfeld beinhaltet technisch die größten Herausforderungen“, so Jörg Schlinkheider, Leiter Fahrerassistenzsysteme im konzerneigenen Electronics Research Laboratory (ELR) in Kalifornien. Kooperationen mit anderen Autoherstellern genießen übrigens keine Priorität – ganz im Gegenteil. Denn autonomes Fahren soll zur Kernkompetenz von Audi werden, man erhebt Anspruch auf eine Vorreiterrolle.

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