Sound im Auto Dolby: „Wir können Signale an eine beliebige Stelle im Raum projizieren“

Autor: Thomas Günnel

Die Qualität des Entertainments hängt vom Soundsystem ab; und davon, wie die Signale aufbereitet werden. Andreas Ehret leitet das Automobilgeschäft von Dolby und erklärt, was Dolby Atmos besonders macht.

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Andreas Ehret leitet das Automotive-Geschäft bei Dolby.
Andreas Ehret leitet das Automotive-Geschäft bei Dolby.
(Bild: Verband der Automobilindustrie e. V.)

Herr Ehret, Dolby kennen die meisten wahrscheinlich nur aus dem Kino. Was tun Sie im Auto?

Das stimmt, Dolby und Dolby Atmos sind im Kino und Heimkino schon länger gesetzt. Mit Dolby Atmos Music haben wir Neuland betreten, indem wir das Format für Musik weiterentwickelt haben. Inzwischen ist es im Mainstream angekommen, Apple Music bietet es seit etwa drei Monaten an, bei Amazon Music und Tidal ist es schon länger verfügbar. Im Auto entwickelt sich der Streaming-Markt gerade. Die Fahrzeugkabine ist der perfekte Raum für Dolby Atmos, die Lautsprecher sind gut verteilt. Wir wollen der Industrie zeigen, dass sich das Format für Fahrzeuge bestens eignet. Lucid Motors hat sich bereits dafür entschieden und es gibt weitere Prototypen anderer Hersteller.

Die hochwertige Musikwiedergabe rückt in den Fokus.

Christopher Deylen, Musikprojekt Schiller

Dolby Atmos ist ein objektbasiertes Soundformat. Was bedeutet das und welchen Vorteil bringt es?

Ein Audioobjekt ist eine Schallquelle. Die Besonderheit ist, dass diese Quelle nicht mehr auf bestimmte Lautsprecher gemischt wird – sondern in den Raum hinein. Das heißt, das Signal hat nicht mehr das Merkmal „hinten links“, sondern kann an eine beliebige Stelle im Raum projiziert und bewegt werden. Der Dolby Atmos Master speichert dafür alle Objekte und räumlichen Koordinaten. Erst bei der Wiedergabe werden diese Signale entsprechend auf die Infrastruktur, also die Lautsprecher, verteilt. Die Aufnahmen erfolgen dabei ähnlich wie bei vorherigen Surround-Formaten mit Mikrofonen, die räumlich verteilt sind.

Wie wichtig ist Automobilnutzern das Thema Entertainment, vor allem die Qualität des Soundsystems?

Rund 15 bis 20 Prozent der Nutzer kaufen Audiopakete bekannter Marken, abhängig von Land und Automarke – mit steigender Tendenz. Aus unserer Sicht trägt der Aspekt `Audio´ zum Gesamteindruck eines Autos bei, bietet einen echten Mehrwert. Das kann aus Herstellersicht eine Aufwertung sein. Dass gute Audioqualität im Markt ankommt zeigt Apple Music: Mehr als die Hälfte der Top Ten Charts ist in Dolby Atmos erhältlich. Die Technik ist verfügbar.

Werden teil- oder vollständig automatisierte Fahrzeuge die Erwartungen an den Sound deutlich verändern? Wenn ja, was wird sich verändern?

Wenn Sie nicht mehr ständig selbst fahren müssen, bleibt noch mehr Zeit für Entertainment. Das bedeutet auch: Ich will `meine´ Künstler in guter Qualität hören. Hier tut sich etwas, in der Musikindustrie spüren wir Aufbruchstimmung. Wir arbeiten eng mit Künstlern zusammen. Christopher Deylen vom Musikprojekt Schiller zum Beispiel ist froh, dass hochwertige Musikwiedergabe in den Fokus rückt, und nicht nur die Aufnahme. Mit Stereo stoßen die Künstler derzeit an Grenzen; das können wir mit Dolby Atmos aufheben.

Soundsysteme für Fahrzeuge und für das Home Entertainment: Unterscheiden sich die Anforderungen stark?

Die Technik ist sehr ähnlich, das System muss aber auf die Fahrzeugkabine angepasst werden. Zu Hause sitzen Sie im sogenannten Sweet Spot, also dem Bereich, in dem die Wiedergabe optimal ist. Das wäre im Fahrzeug auf der Handbremse. Die Darstellung in der Kabine ist anders, das können wir aber mit unseren Algorithmen auffangen. Ein deutlicher Unterschied besteht in der Lieferkette, Automotive ist komplexer. Im Home Entertainment gibt es im Wesentlichen Chiphersteller und Endgerätehersteller. Im Auto geht es um System- und Softwareintegration, Service, und die Funktionen müssen in der Headunit und der Hardware integriert sein.

Haben Sie ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Interieurs?

Das hängt stark davon ab, um welche Autogeneration es geht. Meist sind aber andere Themen vordergründig: Sicherheit, Design, Kosten. Wir können uns hier aber gut anpassen; Atmos funktioniert auch mit bestehenden Lautsprecher-Settings sehr gut.

Lassen sich mit dem System auch Klangzonen umsetzen, in denen Passagiere unterschiedliche Inhalte hören können?

Das ist möglich, damit es perfekt wird ist aber spezifische Hardware notwendig; zum Beispiel Lautsprecher in den Kopfstützen. Es ist eine Frage der Abwägung zwischen Kosten und Nutzen; wieviel Aufwand will ich treiben?

Schwingende Flächen in Fahrzeugen könnten Lautsprecher ersetzen. Wie weit ist diese Entwicklung?

Das ist eine spannende Entwicklung. Ich habe zum Beispiel schon Demonstratoren von Sennheiser mit Dolby Atmos gehört, die hervorragend funktionieren.

Welche Entwicklungen bei Soundsystemen in Fahrzeugen werden wir generell erleben?

Heute sprechen wir über Musik, Dolby Atmos kann aber noch mehr. Es eignet sich auch für Podcasts und Hörbücher. Oder für Ihre Arbeit: Gerade die Sprachverständlichkeit gewinnt, mit Räumlichkeit steigern wir die Qualität stark. Es gibt zum Beispiel nicht mehr eine Audioquelle, sondern die virtuellen Teilnehmer eines Gesprächs sind beim Hören räumlich auseinandergezogen. Mit mehr Bildschirmen im Fahrzeug können wir zudem Audio und Video darstellen; die Ladezeit eines Elektroautos könnte dann für Entertainment genutzt werden; zum Beispiel für eine Folge einer Serie, die Sie gerade verfolgen. Für die häufig schwierigen Lichtverhältnisse im Fahrzeug könnte Dolby Vision interessant werden. Das ermöglicht stark vereinfacht gesagt mehr Farbtiefe und höhere Kontraste, und wir können die Möglichkeiten der Displays besser ausnutzen. Aber das wäre dann der nächste Schritt.

Welche Anwendungen über das Entertainment hinaus sind denkbar?

Das können zum Beispiel Systemsounds sein, beim Einsteigen oder für interaktive Fahrgeräusche. Außerdem sind Klangteppiche denkbar, die die Konzentration des Fahrzeugnutzers fördern, das sind aber künftige Entwicklungen.

Auf welches Projekt im Auto sind Sie besonders stolz?

Das ist eher die Gesamtheit, kein bestimmtes Fahrzeug. Vor zwei Jahren begann alles mit einer Idee. Heute sind wir auf der IAA und können etwas zeigen, haben mit Cinemo und Lucid die ersten öffentlichen Kunden. Wir sprechen außerdem mit vielen Automobilherstellern und der gesamten Lieferkette. Unser Ziel ist ein vollständiges System, in dem es auch um Content, Services, effiziente Übertragung und möglichst optimales Audio geht; und wir wollen das auf Autotypen skalieren können.

Wer ist Andreas Ehret?

Andreas Ehret ist seit über zwei Jahrzehnten als Technologieführer in der Audiobranche tätig. Er kam 2007 zu Dolby und war seither für das Unternehmen in verschiedenen technischen und technologischen Führungspositionen tätig, wo er die Teams leitete, Konzepte entwickelten, die in Verbrauchergeräten zum Einsatz kommen. In den letzten zwei Jahren leitete Ehret das Automobilgeschäft von Dolby und konzentrierte sich darauf, das immersive Dolby Atmos-Erlebnis in Fahrzeuge zu bringen.

Das Interview führte Thomas Günnel.

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Über den Autor

 Thomas Günnel

Thomas Günnel

Fachjournalist, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE