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Entwicklungsdienstleister EDL-Circle 2019: „Nicht Verbote retten die Welt, sondern Ingenieure“

| Autor: Christian Otto, Sven Prawitz

Mit einer kernigen Ansage startete Frank Janser, Co-CEO der E.Sat, seinen Vortrag. Der Satz beschreibt ebenso gut die Vorträge des EDL-Circles 2019, die zeigten, wie mit vorhandenem Know-how neue Geschäftsmodelle geschaffen werden.

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Appelierte an die Ingenieurskunst: Prof. Dr. Frank Janser, Co-CEO der E.Sat und Professor an der FH Aachen.
Appelierte an die Ingenieurskunst: Prof. Dr. Frank Janser, Co-CEO der E.Sat und Professor an der FH Aachen.
(Bild: Stefan Bausewein/»Automobil Industrie« )

„Nicht Verbote retten die Welt, sondern Ingenieure.“ So knackig fasste Prof. Dr. Frank Janser die Rolle der Entwickler in und über die Automobilbranche hinaus zusammen. Dabei nahm er als Co-CEO und Technischer Direktor Aerodynamik der E.Sat GmbH beim diesjährigen EDL-Circle eine Sonderrolle unter den Referenten ein. Denn die E.Sat macht sich gerade daran die regionale Luftmobilität mit einem eigenen elektrischen Kleinflugzeug, dem „Silent Air Taxi“ zu adressieren.

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Wobei auch bei diesem Blick über den vermeintlichen Tellerrand klar wurde, dass für den Antrieb eines solchen Fahrzeugs auch Automotive-Kompetenz gefragt sei. Und überhaupt sind ja einige der Engineering-Dienstleister in Richtung Aerospace diversifiziert und heben dort schon Synergien. Gerade aber die neuen Geschäftsmodelle im Bereich Mobilität sind für die bisher eher in der Fahrzeugentwicklung verorteten EDL-Firmen ein interessantes Feld.

Neue Geschäftsideen – auch über Automotive hinaus

Und so bot der Netzwerk-Event eben auch Einblicke in Mobilitätsprojekte wie das der FEV Group: Unter dem Namen „SVEN“ hat der EDL ein Fahrzeug speziell für den Carsharing-Markt entwickelt. Anbieter auf diesem Markt haben laut Michael Hog, Group Vice President Vehicle bei FEV, heute ein Kostenproblem, weil die eingesetzten Fahrzeuge für einen anderen Zweck entwickelt wurden: nämlich den Individualverkehr. „SVEN“ sei für Carsharing-Kunden ausgelegt. So hat das kubisch anmutende Fahrzeug nur eine Sitzreihe (3 Sitzplätze) und ein stark vereinfachtes Bedienkonzept. „Hochkomplexe HMIs überfordern viele Kunden“, sagte Hog. Außerdem habe Sven nur acht Schalter im Innenraum („Das gesetzliche Minimum.“), und ein Interieur, das je nach Abnutzung relativ einfach ausgetauscht werden kann. Prinzipiell „haben die verwendeten Komponenten die selbe Lebensdauer wie die für konventionelle Autos“, betont Hog. Das liege daran, dass FEV bei der Entwicklung auf Standard-Bauteile zurückgriff.

Für die FEV war die Entwicklung eines Elektroautos in großen Teilen Neuland – hat der Aachener EDL nicht nur eine große Historie in der Verbrennungsmotorentechnik sondern trägt den Begriff auch im Firmennamen. Auch Hans Peter Schlegelmilch, Geschäftsführer von Imat-Uve, forderte von seinen Mitarbeitern Ideen für ein neues Geschäftsfeld. Herausgekommen ist „brain of materials“ – eine Wissensdatenbank für Werkstoffe. Zu jedem eingetragenen Material sind nicht nur die üblichen Materialdatenblätter hinterlegt, sondern auch Zertifikate, Lieferanten, Anwendungen und Erfahrungswerte zur Verarbeitung der Werkstoffe.

Software zerlegt in Arbeitspakete

Für Schlegelmilch ist diese Datenbank eine konsequente Digitalisierung der bisherigen Geschäftsaktivitäten von Imat-Uve. Darüberhinaus ist es denkbar, dass Nutzer Zugang zu Engineering-Ressourcen erhalten. Über eine Neuverteilung von Arbeitsaufgaben macht sich Claas Blume Gedanken. Der Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik gründete einen Tag vor dem EDL-Circle das Unternehmen Clous. Das Start-up bietet eine Plattform, auf der Konstruktionsaufgaben von Unternehmen an freie Konstrukteure vermittelt werden. Der Clou an Clous: Die Software zerlegt die Komponenten in Teilaufgaben, die dann an einzelne Konstrukteure weitergegeben werden. Somit stellt Clous sicher, dass kein Know-how abfließt und Werkzeuge kopiert werden. Für den Konstrukteur ist das gesamte Bauteil nicht sichtbar.

Welche Wertschöpfung für einen Automobilzulieferer in digitalen Prozessketten stecken kann, zeigte sehr anschaulich Dr. Helmut Meitner, Head of Digital Transformation bei Dräxlmaier. Das Unternehmen erschließt sich gerade mit der Produktion von Batteriesystemen ein neues Geschäftsfeld.

Daten als business value

Beim Zulieferer sucht man aktiv nach Verwendungsmöglichkeiten für die in der Entwicklung und Produktion der Produkte gesammelten Daten. „Wie kann ein Fertigungsunternehmen aus Daten einen business value schaffen?“, lautet die zentrale Frage, so Meitner. Die Struktur dafür bilden bei Dräxlmaier ein digitaler Zwilling, ein Produktions-Zwilling und ein Performance-Zwilling.

Wie die Namen bereits nahe legen, sammeln der digitale und der Produktions-Zwilling sämtliche Informationen aus der Produktentwicklung bzw. der Fertigungsprozesse. Der Performance-Zwilling aggregiert Daten aus der Nutzung im Fahrzeug. Alles zusammen soll helfen, das Produkt permanent zu verbessern. Darüber hinaus kooperiert Dräxlmaier mit der TU München: Mit den gesammelten Daten soll ein Modell entwickelt werden, das die Alterung der Batteriezellen simulieren kann.

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So gaben die Vorträge des EDL-Circles eine gute Gesprächsgrundlage für die Herausforderungen mit denen sich die Branche momentan konfrontiert sieht. Die Beispiele zeigen, dass das in den Unternehmen vorhandene Know-how auf vielfältige Weise nützlich sein kann.

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 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist