PSA und FCA Ein Konzern, zwei Familien, 14 Marken: Stellantis startet

Autor / Redakteur: dpa / Svenja Gelowicz

Ab Samstag gibt es mit Stellantis einen neuen Autoriesen. Auf den als harten Sanierer bekannten Konzernchef Carlos Tavares warten große Aufgaben.

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Den Fusionsvertrag hatten PSA-Chef Carlos Tavares (li.) und sein FCA-Pendant Michael Manley vor gut einem Jahr unterzeichnet.
Den Fusionsvertrag hatten PSA-Chef Carlos Tavares (li.) und sein FCA-Pendant Michael Manley vor gut einem Jahr unterzeichnet.
(Bild: Fiat Chrysler)

Der Vorstandschef stammt aus Portugal, der Verwaltungsratsvorsitzende gehört zur italienischen Industriellendynastie Agnelli, die Firma ist in den Niederlanden angemeldet und zu den Automarken zählen US-Klassiker wie Chrysler oder Dodge: So sieht ein Weltkonzern europäischer Prägung heutzutage aus. Der französische Peugeot-Hersteller PSA und der italienisch-amerikanische Fiat-Chrysler-Konzern (FCA) schließen Samstag (16. Januar) nach langer Vorbereitung ihre Megafusion ab – die neue Gruppe heißt Stellantis. Der etwas schwerfällig anmutende Name ist vom lateinischen Wort für Stern („Stella“) abgeleitet. Größere Ereignisse zum Start des Autogiganten am Wochenende sind dem Vernehmen nach nicht geplant.

Der Zusammenschluss dürfte die Karriere von Vorstandschef Carlos Tavares krönen, der schon bei PSA an der Spitze stand. Der 62-Jährige führt künftig den viertgrößten Autohersteller der Welt – mit 14 Marken wie Opel, Peugeot, Citroën, Jeep, Maserati oder Alfa Romeo. Beschäftigt werden rund 400.000 Menschen.

Tavares: Mobilität muss „sicher, sauber und erschwinglich“ sein

„Vor uns liegen Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten“, sagt der knallharte Topmanager mit Wurzeln in Lissabon. Er sanierte in den vergangenen Jahren den deutschen Hersteller Opel mit eiserner Hand. Der neue Autoriese will für Mobilität sorgen, die „sicher, sauber und erschwinglich“ ist – so lautet das Credo von Tavares.

Die Fusion wurde schon vor der Corona-Pandemie eingefädelt, die der Autobranche einen dramatischen Absatzeinbruch bescherte. Da weniger Autos verkauft werden, dürfte der Druck auf Tavares steigen, den neuen Verbund umzubauen. „Da wird ein sehr dicker Rotstift kommen“, sagte der Duisburger Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer der Deutschen Presse-Agentur in Paris. „Opel ist die Blaupause. Kein Autokonzern braucht vier große Entwicklungszentren in USA, Turin, Paris und Rüsselsheim.“

Opel soll einzige deutsche Konzernmarke bleiben

Opel-Chef Michael Lohscheller hatte im Oktober der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) gesagt, dass er den Stammsitz Rüsselsheim in dem neu entstehenden Konzern als gut aufgestellt sieht. Opel bleibe die einzige deutsche Marke im Konzern.

Tavares versicherte schon vor der Coronakrise, der neue Verbund mit großen Standbeinen in Europa und Nordamerika wolle keine Werke schließen. Die Regierungen in Paris und Rom wiesen bereits deutlich darauf hin, dass sie auf die Beschäftigung sehr genau aufpassen werden. Frankreich und Italien sind die Heimatländer von Peugeot und Fiat („Fabbrica Italiana Automobili Torino“) – beide Unternehmen haben ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert.

Italien ist skeptisch

Gerade im Fiat-Land Italien gibt es Sorgen. So befürchtet der Gewerkschaftssekretär Edi Lazzi von der Metaller-Gewerkschaft Fiom, dass Entscheidungen künftig in Frankreich gefällt werden. Die Marke Fiat habe ihr Gleichgewicht verloren, meinte er: „Ich bin nicht optimistisch im Hinblick darauf, was passieren kann.“

Die Generalsekretärin der Gewerkschaft der Metallindustrie, Francesca Re David, sagte der Zeitung „Corriere della Sera“, Italien sei bei der Fusion mit den Franzosen in einer schwächeren Position. Der Zusammenschluss sei zwar nötig, doch die italienische Seite müsse auch bei der Zukunftsstrategie mitentscheiden können. FCA sei zudem verspätet beim Thema Elektro eingestiegen, resümierte sie.

Der Verwaltungsratsvorsitzende John Elkann (44) ist Enkel des legendären Fiat-Patriarchen Giovanni „Gianni“ Agnelli (1921 bis 2003). Die Familie Agnelli wird laut der Zeitung „Le Parisien“ mit gut 14 Prozent im neuen Konzern vertreten sein und damit eine starke Position haben. Weitere größere Aktienpakete werden von der Familie Peugeot und dem französischen Staat gehalten.

„Asien wird das Autogeschäft dominieren“

FCA und PSA setzten vor der Coronakrise zusammen mehr als acht Millionen Fahrzeuge ab und erzielten einen Jahresumsatz von knapp 170 Milliarden Euro. Nur noch Volkswagen, Toyota und der französisch-japanische Renault-Nissan-Verbund waren 2019 größer.

Stellantis kann hohe Stückzahlen und Marktanteile in Europa und USA vorweisen. Tavares will Synergien von fünf Milliarden Euro pro Jahr erzielen. Experte Dudenhöffer gibt aber zu bedenken, dass der neue Gigant in China und Asien bisher schwach aufgestellt sei – er könnte also das Autogeschäft der Zukunft verpassen. „Asien wird das Autogeschäft dominieren.“ Wachstumsraten in dieser Region seien immens.

Weil PSA und FCA hohe Marktanteile im Segment der leichten Nutzfahrzeuge haben, hat die EU-Komission das Fusionsvorhaben tiefgehend geprüft. Beide Autohersteller mussten einige Zugeständnisse machen: Unter anderem muss Peugeot in Europa Transporter für den Konkurrenten Toyota produzieren. Außerdem muss Stellantis den freien Werkstätten Zugang zu Werkzeugen und Diagnose-Systemen geben. Sebastian Jungermann, Rechtsanwalt für Kartellrecht, hält die Fusion gerade wegen letzterem für teuer erkauft. „Ich denke, die Kommission verfolgt ein wichtiges wettbewerbspolitisches Ziel: Die Märkte für Instandsetzung und Wartung von Fahrzeugen weiter zu öffnen, um Wettbewerbern den Zugang zu ermöglichen.“ Wie sehr sich das auf die Bilanz von Stellantis auswirken wird bleibt freilich abzuwarten.

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