Suchen

Mercedes-AMG SLS E-Cell Elektrisch auf die Überholspur

| Autor / Redakteur: Jens Meiners/SP-X / Bernd Otterbach

Der Mercedes-AMG SLS E-Cell stellt alle anderen Elektro-Sportwagen in den Schatten. Der Prototyp katapultiert den Fahrer in eine andere Dimension elektrischer Mobilität.

Firmen zum Thema

Fast wäre man geneigt, die deutschen Automobilhersteller als Ankündigungsweltmeister einzuordnen. Das Studium von Pressemitteilungen der vergangenen 15 Jahre wirft die Frage auf, warum wir nicht schon lange per Batteriekraft oder Brennstoffzelle elektrisch unterwegs sind. Inzwischen ist jedoch ein technisches Stadium erreicht, das weitaus näher an der Serie ist als alle Prototypen, die in der Vergangenheit zu testen waren.

Jetzt konnten wir in Norwegen ein Einzelstück von Mercedes-AMG fahren, das alles bisher gewesene in den Schatten stellt. Basierend auf dem SLS mit seinem heißblütigen 6,2-Liter-V8-Motor haben die Affalterbacher Ingenieure einen vollelektrisch angetriebenen Sportwagen auf die Räder gestellt, dessen Leistung von 392 kW/533 PS wohl keine Wünsche mehr offenlässt. Das maximale Drehmoment von 880 Nm wird vom Start weg abgegeben.

Vier Fahrprogramme

Bevor es losgeht, kann das Fahrprogramm vorgewählt werden. In der Stellung „Comfort“ reagiert der SLS sanft auf Fahrpedalbewegungen und gibt maximal 40 Prozent seiner Leistung ab. Im Sportprogramm steigt die abgegebene Leistung auf 60 Prozent des Potentials, und der Wagen spricht bissiger an. Die Sport-Plus-Einstellung ist nochmals aggressiver, jetzt stehen die ganzen 392 kW/533 PS zur Verfügung. Und schließlich gibt es noch den „Manual“-Modus, in dem das regenerative Bremsen abgeschaltet ist und der ansonsten dem Sport-Plus-Programm entspricht.

Wer mit Elektroautos bisher langsame, laut summende Zweckmobile assoziiert hat, sollte sich gut anschnallen: Dieser Prototyp katapultiert den Fahrer in eine andere Dimension elektrischer Mobilität. Von 0 auf 100 km/h geht es in lautlosen vier Sekunden, auf der Landstraße sind 170 km/h und mehr blitzschnell erreicht; die 200 km/h-Marke, so ein AMG-Entwickler, ist nach insgesamt elf Sekunden passiert. Das liegt knapp auf dem Niveau des V8-Motors im regulären SLS. Erst bei 250 km/h regelt der SLS E-Cell ab; ohne Abregelung wären wohl noch 15 km/h mehr drin. Das ist unter den Elektroautos einsame Spitze - und deklassiert nicht nur den Tesla Roadster, sondern auch den Audi e-tron auf R8-Basis, der nach aktuellem Entwicklungsstand 230 kW/313 PS leistet und bereits bei 200 km/h abregelt.

Das regenerative Bremsen lässt sich in vier Stufen regulieren oder komplett abschalten. Reizvoll ist sowohl das „Segeln“ mit abgeschalteter Rekuperation als auch die maximale Motorbremse, die einem rennmäßigen Fahrstil, bei dem man ja stets auf einem der beiden Pedale steht, entgegenkommt. Hier ist die Verzögerung so stark, dass die AMG-Ingenieure erwogen haben, beim Gaswegnehmen die Bremsleuchten aufflammen zu lassen.

Neu entwickelte Vorderachse

Die Vorderachse wurde für diesen nunmehr allradgetriebenen SLS - die Leistung kommt aus vier radnah installierten Motoren - neu entwickelt, die Servolenkung ist elektrohydraulisch ausgeführt. Sie könnte sicher noch etwas präzisere Rückmeldung geben, wie auch das gesamte Auto mit seiner rund zwei Meter langen Motorhaube kein Ausbund an Übersichtlichkeit ist und sich damit auf ganz engen Landstraßen nicht so wohlfühlt wie auf der freien Strecke. Aber schließlich ist dieser SLS ein Prototyp, und dafür sind Fit und Finish erstklassig.

Das gilt auch für die E-Cell-spezifische Instrumentierung und die futuristische Mittelkonsole, die sich per Touch-Screen bedienen lässt und damit hoffentlich über den SLS hinaus eine Kehrtwende bei der Bedienphilosophie einläutet. Schließlich würde man auch sein iPhone nur ungern mit einem Dreh-Drücksteller bedienen.

Die Achillesferse aller Elektroautos, die Reichweite, existiert weiterhin; immerhin schafft der Prototyp fast 100 scharf gefahrene Kilometer und liegt dann noch immer bei rund 30 Prozent Ladekapazität. In rund einer Stunde ist die Batterie - sofern eine Schnell-Ladevorrichtung zur Verfügung steht - wieder bei fast 100 Prozent angelangt. Bis zur Kleinserie soll die Reichweite nochmals deutlich zulegen.

Das Rennen um den faszinierendsten Elektro-Sportwagen ist eröffnet: Audi bringt den e-tron schon Mitte bis Ende 2011, Mercedes-AMG will sich nach Aussage des neuen Markenchefs Ola Källenius mit der Klein-Serienproduktion ein Jahr länger Zeit lassen - bis Ende 2012 oder Anfang 2013.

Ob das Elektroauto sich nun tatsächlich durchsetzt, ist zwar noch lange nicht ausgemacht. Aber wenn es tatsächlich dazu kommt, finden wir es eigentlich gar nicht mehr so schlimm.

(ID:351443)