Roadmap 2030 Euro NCAP entwickelt neue Kriterien für Crashtests

Ein Gastbeitrag von Ralf Reuter

Euro NCAP ist das wichtigste Verbraucherschutz-Organ der Automobilindustrie. Jetzt passt die Organisation ihre Bewertungskriterien an die veränderten Mobilitätsanforderungen an.

Anbieter zum Thema

Der Verbraucherschutz Euro NCAP will die Kriterien für seine Crashtests überarbeiten.
Der Verbraucherschutz Euro NCAP will die Kriterien für seine Crashtests überarbeiten.
(Bild: Euro NCAP)

Das European New Car Assessment Programme (kurz Euro NCAP) kann in diesem Jahr auf eine 25-jährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Sie nimmt das Jubiläum zum Anlass, sich neu auszurichten: Die weltweit führende Verbraucherschutzorganisation hat begonnen, einen Plan zu entwickeln, der das Rating fit für die Zukunft machen soll.

Das neue Strategie-Papier unter der Überschrift „Roadmap 2030“ soll den aktuellen Herausforderungen Rechnung tragen. Dazu gehören die immer komplexer werdenden Sicherheitssysteme, die Autokäufer nicht immer verstehen und teilweise nicht wertschätzen, Stichwort: „intelligente Geschwindigkeitsbegrenzer“. Die Funktionen können jedoch einen wichtigen Beitrag zu einer höheren Verkehrssicherheit leisten.

Neue Test- und Bewertungsverfahren im Euro NCAP

Angesichts einer zunehmend überfordernden Medienlandschaft wird es immer schwieriger, die Aufmerksamkeit der Verbraucher zu bekommen und auf das Thema Fahrzeugsicherheit zu lenken. Konkret: Es wird schwieriger, ihr Kaufverhalten zu beeinflussen.

Eine weitere neue Herausforderung stellen die automatisierten Fahrfunktionen dar, die in den kommenden Jahren auf den Markt kommen werden. Für sie müssen gänzlich neue Test- und Bewertungsverfahren entwickelt werden, damit die sichere Markteinführung solcher Systeme gewährleistet ist.

An der neuen Roadmap wird seit vergangenem Sommer gearbeitet – die ersten Ideen der Euro-NCAP-Mitglieder wurden im Winter erstmals der Industrie vorgestellt. Aktuell laufen Gespräche zwischen Euro NCAP, Automobilherstellern und deren Zulieferern.

Bis Ende des Jahres soll die neue Strategie fertig und veröffentlicht sein. In den Folgejahren müssen die Test- und Bewertungsprotokolle für die neuen Komponenten erarbeitet und nach und nach ins Rating integriert werden.

Kategorien an Praxis anpassen

Eine grundlegende Änderung, die Euro NCAP plant, ist der Wechsel vom bisherigen System mit den vier Bewertungskategorien „Erwachsenen-Insassenschutz“, „Kinder-Insassenschutz“, „Fußgängerschutz“ und „Sicherheitsassistenz“ – zu einem neuen System, das sich an den sicherheitsbezogenen Phasen des Fahrens orientiert: sicheres Fahren, Unfallvermeidung, Unfallfolgenmilderung und Post-Crash. Dies soll insbesondere die Bewertung assistierter Fahrfunktionen im Rahmen des Gesamtratings ermöglichen.

Beibehalten will Euro NCAP den Zwei-Jahres-Zyklus, in dem die Bewertungsverfahren aktualisiert werden. Ebenso wird weiterhin ein duales Rating angeboten. Das heißt: Neben dem Rating, basierend auf der Serienausstattung, kann Euro NCAP auf Wunsch des Herstellers zusätzlich ein Rating mit einem optionalen Sicherheitspaket vornehmen.

Die bisherigen Testverfahren sollen im Hinblick auf ihre Robustheit und ihre Aussagekraft für das reale Unfallgeschehen weiterentwickelt werden. Unter anderem sollen weibliche und ältere Insassen in den Crashtests stärker berücksichtigt werden. Zudem werden weniger stark idealisierte Testszenarien in der Bewertung von aktiven Sicherheitssystemen überprüft. Dazu soll der verstärkte Einsatz virtueller Testverfahren beitragen, die das Testen einer viel größeren Anzahl von Szenarien und Konfigurationen ermöglichen.

Kategorie „Sicheres Fahren“

In der ersten der neuen Bewertungskategorien soll das Monitoring der Insassen bewertet werden. Hier geht es zum einen um die Beobachtung des Fahrers, um zu erkennen: Ist er beispielsweise abgelenkt, alkoholisiert, müde oder wegen eines plötzlichen medizinischen Vorfalls fahrunfähig? Zum anderen soll mit der sogenannten Child Presence Detection (CPD) sichergestellt werden, dass weder absichtlich noch unabsichtlich Kinder in einem abgestellten Fahrzeug zurückgelassen werden. Auch die Tempoassistenz findet ihren Platz in der Kategorie sicheres Fahren und wird über die kommenden gesetzlichen Anforderungen hinausgehen.

Ergänzendes zum Thema
Konferenz Safety Week 2022

Auf der im Mai in Würzburg stattfindenden Safety Week widmen sich mehrere Vorträge den aktuellen und künftigen Euro-NCAP-Anforderungen. Andre Seeck von der Bundesanstalt für Straßenwesen stellt unter anderem den aktuellen Stand der Roadmap 2030 vor. »Automobil Industrie« ist auch dieses Mal Medienpartner der Safety Week.

Safety Week: 17. bis 19. Mai 2022 in Würzburg www.safetyweek.de

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Neu ins Gesamtrating aufgenommen werden Fahrerassistenzsysteme der Level 2 und 3. Hier wird insbesondere Wert darauf gelegt, dass es eine ausgewogene Balance zwischen dem Grad der Assistenz und der Einbindung des Fahrers gibt sowie eine sichere Rückfallebene für kritische Situationen.

Kategorie „Unfallvermeidung“

Die bereits seit einigen Jahren durchgeführten und immer wieder erweiterten Tests von Notbrems-Systemen sollen auf weitere Szenarien ausgeweitet werden, zum Beispiel auf E-Scooter, die immer häufiger an Unfällen beteiligt sind. Darüber hinaus sollen die Testbedingungen vermehrt schlechte Sichtbedingungen etwa durch Regen oder Dunkelheit einbeziehen. Gänzlich neu soll bei Euro NCAP ein Testverfahren sein, das sich dem Verwechseln von Gas- und Bremspedal widmet. Ein solches Verfahren ist bereits im Japan NCAP etabliert.

Kategorie „Unfallfolgenmilderung“

Um den Schutz weiblicher Fahrzeuginsassen zu verbessern, will Euro NCAP künftig die neue Dummy Generation „THOR 5F“ einsetzen. In einer späteren Phase soll durch den Einsatz digitaler Menschmodelle das Spektrum der bewerteten Fahrzeuginsassen vergrößert werden. Darüber hinaus erwägt Euro NCAP, die Schwere der Crashtests gegebenenfalls an das reale Unfallgeschehen anzupassen. Künftig sollen ergänzende Schlittentests und virtuelle Test überprüfen, wie robust Rückhaltesysteme hinsichtlich der Varianz bei Unfallschwere und Insassen sind.

Kategorie „Post-Crash“

Wie gut Insassen aus verunfallten Fahrzeugen gerettet werden können, wird bereits seit 2020 bewertet und soll künftig Teil dieser neue Kategorie sein. Die Kriterien sollen außerdem erweitert werden, etwa im Hinblick auf die besonderen Risiken, die in Elektrofahrzeugen von der Batterie ausgehen, beispielsweise thermisches Durchgehen. Auch der bereits etablierte E-Call (Emergency Call) soll zu einem sogenannten D-Call (Doctor Call) erweitert werden: Bei diesem ergänzt das Fahrzeug den Notruf bereits mit Informationen zu möglichen Verletzungen der Insassen.

Weitere Euro-NCAP-Initiativen

Neben dem klassischen Fahrzeug-Rating wird Euro NCAP künftig Initiativen starten, um die Fahrzeugsicherheit in weiteren Bereichen zu entwickeln. Dies umfasst zum Beispiel die Bewertung von Nutzfahrzeugen, Motorrädern oder neuen Fahrzeugkategorien wie autonomen Shuttles.

Insgesamt verdeutlicht Euro NCAP mit der aktuell entstehenden Roadmap 2030 den Anspruch, das weltweit führende Verbraucherschutztestverfahren zu sein. Neue Kategorien schaffen die Basis, um den Trend zur weitergehenden Automatisierung des Fahrens im Rating abbilden zu können.

Die Pläne sind ein Ausdruck, Sicherheitssysteme künftig auf einer breiteren Basis zu bewerten. Der Anspruch ist, die Entwicklung von Sicherheitssystemen zu fördern, die in einem weiten Anwendungsbereich und für verschiedene Nutzergruppen zuverlässig funktionieren.

* Ralf Reuter Director Marketing & Operations Carhs.training GmbH

(ID:48096356)