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Wirtschaft Gerüchte über Werksschließungen: Frankreich zittert um Renault

| Autor / Redakteur: dpa / Svenja Gelowicz

Renault gehört zu Frankreich wie Baguette und Camembert. Doch die Corona-Pandemie verschlimmert eine seit längerem schwelende Krise. Und auch die abenteuerliche Flucht von Ex-Autoboss Ghosn aus Japan sorgt weiter für Schlagzeilen.

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Renault war nach dem Rücktritt von Carlos Ghosn 2019 erstmals seit zehn Jahren in die roten Zahlen gerutscht.
Renault war nach dem Rücktritt von Carlos Ghosn 2019 erstmals seit zehn Jahren in die roten Zahlen gerutscht.
(Bild: Renault)

Bisher sind es nur Gerüchte über mögliche Werkschließungen beim Autohersteller Renault – doch die französische Mitte-Regierung reagierte sofort und heftig. Premierminister Édouard Philippe kündigte an, man werde sich unbeugsam beim Bewahren von Standorten im Land zeigen. „Wir sind äußerst wachsam“, lautet das Credo Philippes, der in der Corona-Krise erheblich an Statur gewann.

Philippe und seine Minister erwarten von dem Traditionshersteller einen milliardenschweren Sparplan, der dem Vernehmen nach Ende nächster Woche vorgelegt werden soll. Neu sind die Probleme am Konzernsitz in Boulogne-Billancourt überhaupt nicht. Aber die Corona-Pandemie und der damit verbundene Absatzeinbruch führen zu einer offenen Krise. Renault - das ist in Frankreich ein sehr emotionales Thema: Zahlreiche Bürger haben Oldtimer der Marke in der Garage stehen. 1968, im Jahr des Studentenaufstands, war Renault eines der Epizentren des Protests.

Das Enthüllungsblatt „Le Canard Enchaîné“ löste mit einem unscheinbar auf Seite Drei platzierten Bericht Unruhe, Wut und Kritik aus. Demnach sind vier Standorte im Heimatland gefährdet, dazu gehöre auf längere Sicht auch die große Fabrik Flins im Pariser Großraum. Renault ließ die Informationen unkommentiert. Die Tageszeitung „Le Figaro“ berichtete am Donnerstag, Flins mit bisher rund 2.400 Stammbeschäftigten könnte möglicherweise weiterarbeiten, aber beispielsweise als Recylingzentrum, nicht als Autofabrik.

Renault: Die Regierung hängt mit drin

Die Covid-19-Pandemie forderte in Frankreich über 28.000 Todesopfer, und sie ist noch längst nicht vorbei. Renault wird nach Ansicht von Kommentatoren so etwas wie ein Testfall, wie die Wirtschaft und der Staat den beispiellosen Einbruch überwinden. Und Renault ist ein besonders heikler Fall. Der Staatsanteil schrumpfte im Laufe der Zeit zwar auf 15 Prozent, doch Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire hat bei dem Traditionshersteller immer noch viel zu sagen. Falls Renault ins Straucheln gerät, ist die Regierung mit im Boot – die parlamentarische Opposition bringt deswegen ihre Geschütze schon mal in Stellung.

Le Maire will in der kommenden Woche seinen Plan für die gesamte Autobranche vorlegen. „Renault braucht öffentliche Unterstützung“, kündigte der mächtige Ressortchef bereits in einem Interview an. Die EU-Wettbewerbshüter erlaubten der Regierung, den Hersteller mit einer Garantie für Kredite bis fünf Milliarden Euro zu unterstützen.

„Renault kämpft um sein Überleben“, sagte Le Maire wiederum der Zeitung „Le Figaro“ am Freitag (22. Mai). Der Konzern habe ein staatlich garantiertes Darlehen von fünf Milliarden Euro beantragt, so der Minister. „Ich habe dieses Darlehen noch nicht unterzeichnet.“ Die Regierung fordere von Renault, „Verpflichtungen in drei Bereichen einzugehen: beim Elektrofahrzeug, beim Respekt gegenüber ihren Zulieferern und bei der Lokalisierung ihrer technologisch fortschrittlichsten Aktivitäten in Frankreich.“

Le Maire: Fabrik Flins muss weiter bestehen

Le Maire betonte außerdem, dass Renaults große Fabrik Flins im Pariser Großraum nicht geschlossen werden dürfe. „Dies ist die Position der Regierung und des Staates als Aktionär“, sagte Le Maire am Freitagmorgen dem Sender Europe 1. Man warte nun auf die Vorschläge des Renault-Vorsitzenden. „Es besteht dringender Handlungsbedarf“, warnte er. „Renault kann verschwinden, die großen Industriehersteller können verschwinden.“ Er habe den Ernst der Krise nie verheimlicht und verheimliche den Ernst der Situation von Renault nicht, so der Minister.

Allerdings wisse er auch, dass Renault über außergewöhnliche Ressourcen, außergewöhnliche Technologien, motivierte Mitarbeiter und kompetente Arbeitskräfte verfüge. Seiner Meinung nach kann und wird das Unternehmen wieder auf die Beine kommen, wenn es eine Strategie definiere. Le Maire sieht dabei als richtige Strategie, das Unternehmen zu einem der technologisch fortschrittlichsten Hersteller der Welt zu machen, der bei Elektrofahrzeugen an der Spitze steht.

Schon nach dem Skandal um den früheren Konzernchef Carlos Ghosn war der Hersteller in Turbulenzen geraten. Ghosn war Ende 2018 wegen Vorwürfen in Japan festgenommen worden, er flüchtete am vergangenen Jahreswechsel in den Libanon. Der einst schillernde Architekt des Autobündnisses mit Nissan und Mitsubishi rühmt weiter seine Qualitäten: „Heute sind vier Menschen nötig, um mich zu ersetzen“ sagte er einmal einer französischen Zeitschrift: „Addieren Sie ihre Gehälter, die ihrer Mitarbeiter, ihre Reisen, ihre Kosten: Sie werden sehen, dass ich in Wirklichkeit ein Low-Cost-Chef war!“

Mutmaßliche Ghosn-Helfer gestellt

Ob das stimmt oder nicht – die Ära Ghosn und ihre Folgen beschäftigen auf jeden Fall Behörden auf der ganzen Welt. Fahnder stellten in den USA zwei Männer, die Ghosn zu seiner spektakulären Flucht verholfen haben sollen. Die 27 und 59 Jahre alten Männer wurden am Mittwoch in Harvard im US-Bundesstaat Massachusetts wegen Fluchtgefahr zum Zwecke der Auslieferung nach Japan vorläufig festgenommen, wie Justizministeriums-Sprecherin Nicole Navas auf Anfrage bestätigte.

Michael und Peter T. – es handelt sich um Vater und Sohn – sind in Japan angeklagt. Sie sollen der einstigen Manager-Ikone geholfen haben, Ende Dezember 2019 Japan unter abenteuerlichen Umständen und unter Verstoß gegen die Kautionsauflagen verlassen zu haben. Ghosn soll in einer Kiste versteckt gewesen sein, die am Flughafen als Gepäck für Musikinstrumente deklariert und nicht durchleuchtet wurde.

Renault war nach dem Rücktritt Ghosns 2019 erstmals seit zehn Jahren in die roten Zahlen gerutscht. Es muss richtig gespart werden. Die Kosten sollen um mehr als zwei Milliarden Euro sinken. Interimschefin Clotilde Delbos hatte schon im Februar deutlich gemacht, dass Fabriken in Frankreich und in der ganzen Welt auf dem Prüfstand stehen. „Wir haben kein Tabu, wir schließen nichts aus“, so lautet die Devise der knallharten Generaldirektorin.

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