Autoindustrie Ifo-Institut warnt: 220.000 Jobs stehen im Feuer

Autor / Redakteur: dpa/Svenja Gelowicz / Svenja Gelowicz

Parallele Strukturen für Verbrenner- und Elektroautos stützen die Beschäftigung in der deutschen Autoindustrie. Am Ende dieser Phase stünden hunderttausende Jobs auf der Kippe, warnt das Ifo-Institut – und kritisiert die jüngst verschärften Klimaziele.

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Das Ifo-Institut warnt vor einem drastischen Jobverlust in der Automobilindustrie.
Das Ifo-Institut warnt vor einem drastischen Jobverlust in der Automobilindustrie.
(Bild: VW)

Über 610.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen nach einer Studie des Ifo-Instituts am Bau von Benzin- und Dieselautos. Mit dem Hochlauf der Elektromobilität stünden 2025 „zwischen 29 Prozent und 36 Prozent der betroffenen Beschäftigten zur Disposition“, also bis zu 220.000 Beschäftigte, heißt es in einer am Donnerstag (6. Mai) veröffentlichten Ifo-Studie im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Auch wenn etwa über 80.000 von ihnen bis dahin in Rente gehen könnten, bleibe eine große Lücke.

Mit Umschulung und Fortbildung schon heute sollten die Unternehmen den Rückgang abfedern, sagte Studienleiter Professor Oliver Falck. Bei den Zulieferer sei vermehrt die Sorge zu spüren, dass Autobauer die Wertschöpfung verstärkt zurück in die eigenen Werke holten. Das betreffe auch die Unternehmen, die nicht unter dem Antriebswandel leiden. Grundsätzlich sei die Zulieferlandschaft sehr unterschiedlich von der Transformation betroffen, doch gerade kleinere und sehr spezialisierte Unternehmen beispielsweise im Bereich Abgastechnologie stelle der Strukturwandel vor Herausforderungen.

Zulieferer-KMUs sind besonders gefordert

Außerdem würden vermehrt Vorprodukte aus dem Ausland zugekauft. „Vor allem für die mittelständisch geprägte Zuliefererbranche ist der Übergang zur Elektromobilität eine große Herausforderung“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. 2019 lag der Produktionswert aller direkt vom Verbrenner abhängigen Produkte bei 150 Milliarden Euro.

Forschung, Entwicklung und der Aufbau neuer Kapazitäten für E-Autos und Digitalisierung haben die Beschäftigung in der Autobranche bislang gestützt. Aber jetzt haben die Autobauer und Zulieferer begonnen, Stellen abzubauen. „Eine zentrale Frage in den kommenden Jahren“ ist für die Ifo-Forscher, ob der Abbau paralleler Strukturen für Verbrenner- und Elektro-Autos und eine geringere Wertschöpfung weitere Stellen kostet. Diese Strukturen erfordern noch viel Personal, daher sei bislang die Transformation noch nicht im gleichen Umfang bei der Beschäftigung angekommen.

Kritik an den Klimazielen

Die Wirtschaftsforscher und der VDA haben außerdem die überraschende Verschärfung der deutschen Klimaziele scharf kritisiert. Ifo-Präsident Clemens Fuest spricht von einem „Überbietungswettbewerb“ im nationalen Alleingang und sagte: „Ich kann mir das nur mit dem Wahlkampf erklären.“ Die Bundesregierung hat am Mittwoch angekündigt, Deutschland werde seinen CO2-Ausstoß bis 2030 um 65 Prozent senken und bis 2045 klimaneutral werden. „Wie soll das funktionieren?“, sagte Fuest. Statt für stabile Rahmenbedingungen sorge die Politik für neue Verunsicherung. Klimapolitik müsste zumindest europäisch abgestimmt werden, aber das sei nicht erfolgt.

Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, sagte, dass Klimavorgaben über Nacht im nationalen Alleingang verändert werden, sei unverständlich. Auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts habe keine Verschärfung bis 2030 verlangt. „Die Gesetzesfolgenabschätzung ist in keiner Weise erfolgt.“

Die Unternehmen bräuchten für die Transformation und die Umschulung von Beschäftigten Planungssicherheit, so Müller weiter. Die Politik tue sich leicht, der Wirtschaft immer höhere Ziele zu setzen, „hält aber eigene Versprechen nicht ein“, etwa beim Aufbau der Ladeinfrastruktur für Elektroautos.

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