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Studie Jeder fünfte Zulieferer in Europa bedroht

| Redakteur: Bernd Otterbach

Der Anteil der europäischen Automobilzulieferer, die in akuten finanziellen Schwierigkeiten stecken, hat sich innerhalb des letzten Jahres nahezu verdoppelt.

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Auch für renommierte europäische OEM hat sich die Gesamtlage deutlich verschlechtert. Betroffen sind unter anderem BMW, Renault und PSA Peugeot Citroën. Das ergab eine aktuelle Studie von AlixPartners.Deutsche und europäische Unternehmen der Automobilindustrie sind im Vergleich zu ihren Wettbewerbern aus den USA oder Asien weiterhin erfolgreich, stellt die Studie unter dem Titel AlixPartners Automotive Outlook 2008 fest. Aber das gilt längst nicht mehr für alle: Der Anteil der europäischen Zuliefererbetriebe, die in finanziellen Nöten stecken, hat sich der Studie zufolge innerhalb eines Jahres fast verdoppelt. Lagen letztes Jahr noch lediglich rund 11 Prozent der Unternehmen im finanziellen Risikobereich, ist heute bereits jeder fünfte Zuliefererbetrieb in Europa gefährdet. „Damit besteht die Gefahr, dass sich die Situation der deutschen Zuliefererbetriebe schrittweise auf das US-Niveau zubewegt“, kommentiert Vinzenz Schwegmann, Managing Director bei AlixPartners, die Entwicklung.

Dort befinden sich rund 30 Prozent der Zulieferer im finanziellen Risikobereich. Schon in den letzten Jahren stellte AlixPartners fest, dass sich die Schere zwischen gefährdeten Zulieferern und gesunden Betrieben stark öffnet. „Dieser Trend setzt sich weiter fort“, sagt Vinzenz Schwegmann über die Ergebnisse der Studie.

Finanzkraft von Zulieferern und Herstellern lässt nach

„Beunruhigend ist, dass auch bei einigen europäischen Herstellern die guten Zeiten vorbei sind“, erläutert Thomas Sedran, Managing Director bei AlixPartners. Unter Risikoaspekten schneiden BMW, Renault und PSA Peugeot Citroën derzeit am schlechtesten ab. Bei diesen drei Herstellern hat sich die Finanzkraft der Studie von AlixPartners zufolge in den letzten Jahren deutlich vermindert.

„Die Ursachen sind zum Teil marktbedingt, zum Teil aber auch hausgemacht. Marktseitig wirken sich der anhaltende Preisdruck, die teuren Rohstoffe und steigende Personalkosten in bisherigen Niedriglohnländern, aber auch technische Anpassungen aus. Hausgemachte Gründe sind vor allem überbordende Investitionstätigkeiten und eine fehlende Optimierung des Working Capitals“, so Sedran weiter. Die Ursachen für den massiven Investitionsbedarf sind dabei vielfältig: Dazu gehört die Erschließung der Wachstumsmärkte in Asien, aber auch die erheblichen Anstrengungen bei der Entwicklung neuer Antriebe. „Die Antwort auf die CO2-Diskussion verschlingt Milliarden“, so Thomas Sedran. Insbesondere BMW und Daimler investieren deutlich über dem Branchendurchschnitt.

Insgesamt ist der Studie von AlixPartners zufolge mit weiteren Überkapazitäten zu rechnen. Die könnten insbesondere angesichts wachsender Herstellungskosten zu einem schwerwiegenden Problem werden.

Rohstoffpreise bergen großes Risiko

„Die steigenden Rohstoffpreise sind ein hohes Risiko für die Ertragskraft der Automobilindustrie“, sagt Thomas Sedran. Der Experte von AlixPartners rechnet aufgrund der hohen Stahlpreise mit Mehrkosten von durchschnittlich mehreren hundert Euro pro Fahrzeug. „Es ist höchst ungewiss, wie viel die Hersteller davon über Preiserhöhungen an den Verbraucher weiterleiten können“, beschreibt Thomas Sedran die Schwierigkeiten der Automobilhersteller.

„Die Rezessionsgefahr für die Automobilindustrie in Europa ist im Vergleich zum Vorjahr dramatisch gestiegen. Vor allem bei den Zulieferern sind einige Unternehmen schon jetzt stark insolvenzgefährdet“, fasst AlixPartners-Experte Vinzenz Schwegmann die Lage der Automobilbranche zusammen.

Vor diesem Hintergrund gilt es für die Automobilunternehmen, Prioritäten neu zu setzen. „Angesichts der finanziellen Situation müssen viele Hersteller einen stärkeren Fokus auf das Cash-Management setzen. Investitionen, Working Capital, Verschuldung: Das ist es, was zählt. Es reicht nicht, nur auf die Marge zu sehen“, sagt Vinzenz Schwegmann.

Weniger Verlagerung in Niedriglohnländer

Für Entwicklung, Einkauf und Produktion rechnen die AlixPartners-Experten mit verschiedenen neuen Kooperationsformen der etablierten Player. „Angesichts freier Kapazitäten und des niedrigen Dollarkurses können wir uns gut vorstellen, dass amerikanische Hersteller wie General Motors, Ford oder Chrysler ihr Geld zukünftig mit Auftragsfertigung für europäische Volumenhersteller verdienen“, schlägt Thomas Sedran vor. Die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer sei angesichts hoher Steigerungsraten bei den Personalkosten dagegen schwieriger geworden. „Damit sich eine Verlagerung lohnt, müssen die Lieferketten deutlich besser organisiert werden“, sagt Thomas Sedran.

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