Suchen

Leichtbau-Gipfel 2014 „Konstruktive Streitkultur ist wichtig“

| Redakteur: Christian Otto

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion näherten sich Kenner des Leichtbaus nochmals intensiver dem Thema. Aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten sie dabei Chancen und Risiken sowie die Grundlage für eine gute Vermittlung der Ansätze vom Zulieferer hin zum OEM.

Firmen zum Thema

In der Podiumsdiskussion wurden auch die Chancen und Risiken des Leichtbaus betrachtet.
In der Podiumsdiskussion wurden auch die Chancen und Risiken des Leichtbaus betrachtet.
(Foto: Automobil Industrie/ Stefan Bausewein)

Als Moderatoren der Podiumsrunde traten Herr Claus-Peter Köth, Chefredakteur der »Automobil Industrie« und Ralf Anderseck von Prospecting Partners auf. Die erste Frage richtete sich an Franz Storkenmaier von der BMW Group. Er wurde gebeten am Beispiel von BMW zu erklären, inwieweit der Einkauf des OEMs in den Gesamtfahrzeugprozess integriert wird, um Einsparpotenziale zu heben. Storkenmaier stellte dabei die frühe Einbindung heraus: „Wichtig ist es, zeitig eine Transparenz zu erzeugen, damit die Systemgrenzen sinnvoll gebildet werden können.“

Ralf Anderseck fragte nach den größten Fehlern die Zulieferer machen, wenn sie Leichtbau verkaufen wollen. Dr. Jürgen Wesemann von Ford sieht Fehler auf beiden Seiten. Er ergänzte aber auch, dass es Fälle gebe, bei denen es sehr gut laufe: „Das Erfolgsrezept ist, dass man extrem früh aufeinander zugeht und letztlich extrem transparent und offen ist. Der Zulieferer sollte schon vor dem eigentlichen Programmstart auf den OEM zukommen. Die Technologien die früh im Raum stehen, haben das Potenzial wirklich umgesetzt zu werden“

Und Heinrich Timm, stellvertretender Vorsitzender des Carbon Composites e.V., ergänzte: „Wichtig ist es den wirklichen Bedarf zusammen zu analysieren. Damit kommt auch erst die konkrete Projektdefinition. ‚Same minded‘ ist eine wichtige Voraussetzung.“

Sichere Lieferantenkette

Claus-Peter Köth fragte dann nach den Kriterien, die nötig seien, um beispielsweise die Verfügbarkeit der Materialien abzusichern. Darauf ging Dr. Andreas Rennet von PA Consulting ein: „Bei Innovationen ist die Lieferantenkette anfangs immer noch sehr dünn. Also ist es die Aufgabe des Einkaufs, diese Lieferantenkette auf eine sichere Basis zu stellen und womöglich dort zwei Zulieferer ins Boot zu holen.“

Auch die Rolle des Open Source wurde thematisiert. Dr. Martin Hillebrecht von der EDAG ordnete dies aus Sicht eines Entwicklungsdienstleisters ein: „Open Source ist ein Thema, bei dem es auch um Technologie Scouting geht. Das heißt man kann kooperieren, Themen identifizieren und sich hierzu positionieren und das in einem gemeinsamen Kontext. Ab dem Zeitpunkt wo das Geschäftsmodell erkennbar wird, ist diese Phase des Scoutings aber schon wieder abgeschlossen.“

Funktion und Nutzen bewerten

Wie das von den OEMs für den Leichtbau bereit gestellte Geld auch dort ankommen, wo der Leichtbau entwickelt und erzeugt wird, war eine weitere Frage an die Diskutanten. Heinrich Timm merkte an, dass der Leichtbau eines Bauteils auf das Gesamtfahrzeug umgerechnet werden müsse: „Wir sollten mehr die Funktion bewerten.“

Dr. Wesemann allerdings sah die Diskussion zu nah am Produkt: „Schaue ich auf Ford, geht es um Firmenziele. Eines davon lautet Stabilisierung von CO2-Emissionen. Dann folgt die globale Flottenbetrachtung. Welche Technologien stehen dafür zur Verfügung, das heißt welche Leichtbau-Lösungen und mit welchen Kosten sind sie verbunden. Und dann blicken wir auch auf andere Technologieoptionen. Nach der Flottenbetrachtung folgt die Plattformbetrachtung und dann geht es zum Produkt. Die Informationen um die richtigen Weichen zu stellen, brauchen wir also früher als beim Produktherstellungsprozess.“

Mehrwert muss deutlich werden

Ralf Anderseck fragte auch nach den Ansätzen, mit denen der Einkauf bei den OEMs beim Thema Leichtbau abgeholt wird. Heinrich Timm blickte dafür auf seine Zeit bei Audi zurück: „Der Slogan ‚Leichtbau ist eine Geisteshaltung‘ wurde zu einem Prozess bei Audi. Jeder liefert seinen Beitrag aus gewachsener Überzeugung. In diesen Prozess haben wir den Einkauf früh eingebunden.“ Und er ermutigte die Ingenieure: „Ich kann nicht warten bis der Einkäufer kommt. Wenn ich als Entwickler meine Innovationen ins Produkt bringen will, dann muss ich auch mal mit dem Einkauf und Controlling streiten. Konstruktive Streitkultur ist wichtig.“

Abschließend wurden die Chancen und Risiken des Leichtbaus betrachtet. PA-Consulting-Mann Dr. Rennet sah vor allem die positiven Aspekte: „Wir stehen vor einer großen Bandbreite neuer Konzepte, die wir uns derzeit noch nicht vorstellen können. Das betrifft Materialen, Zusammensetzungen und Produktionsverfahren. Die Geschwindigkeit nimmt dabei weiter zu.“ Aber er warnte auch: „Die Risiken liegen darin, dass viele in dem Thema unterwegs sind, ohne klar zu machen welchen Mehrwert sie eigentlich bieten.“

Franz Storkenmaier von BMW bewertete den Leichtbau als Technologie, mit der man den Kunden begeistern kann und die dieser will. Und er resümierte: „Die Anforderung Fahrzeuge leichter zu machen ist kein Trend sondern eine klare Strategie.“ Es bleibe aber eine Herausforderung, „Konzeptideen in eine attraktive Industrialisierung zu überführen.“

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 42600439)