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Stahl Kurze Verträge und schwankende Preise

| Redakteur: Bernd Otterbach

Der Stahlmarkt tritt in eine neue Phase ein: Künftig müssen alle Beteiligten auf kurzfristigere Lieferverträge und stärkere Preisschwankungen einstellen. Für die metallverarbeitenden Unternehmen bedeutet das höhere Risiken, die nicht komplett an die Kunden weitergegeben werden können. Mit fünf Maßnahmen können die Unternehmen aber gegensteuern.

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Metallverarbeitende Unternehmen müssten künftig ihre Preisrisiken enger managen, Absicherungsgeschäfte beherrschen sowie Vertrieb und Einkauf besser miteinander verzahnen, wie die Unternehmensberatung Bain & Company ermittelt hat. Der Grund: Bisher wurde Eisenerz zwischen Minen und Stahlproduzenten auf Basis jährlich neu verhandelter Lieferverträge gehandelt, wobei der erste große Kontrakt des Jahres als Benchmark für alle anderen galt.

Spotmarkt für Eisenerz kommt

Einen Spotmarkt wie bei Erdöl und den meisten anderen Industriemetallen gibt es für Eisenerz zwar schon lange, doch wurden hier in den vergangenen Jahrzehnten nur vergleichsweise geringe Mengen gehandelt. Die größten Volumina wurden über stabile Jahresverträge und lediglich der Spitzenbedarf durch Einkauf auf dem Spotmarkt gedeckt.

Ende März setzten die drei marktbeherrschenden Bergbaukonzerne, die australisch-britische BHP Billiton, die britische Rio Tinto und die brasilianische Vale, neben Preisaufschlägen auch erstmals Dreimonatsverträge für Eisenerz durch, die sich am Spotmarkt orientieren. Unabhängig von aktuellen Vorwürfen gegen die Eisenerzförderer, sie würden die Preise in die Höhe treiben und ihre Oligopolstellung am Markt ausnutzen, habe diese verkürzte Vertragslaufzeit große Auswirkungen auf den gesamten weltweiten Stahlmarkt.

Einen solchen Umbruch des Markts hin zu kurzfristigeren Preisanpassungen habe es auch in anderen Rohstoffmärkten wie Aluminium, Zink oder Kupfer in den letzten Jahrzehnten bereits gegeben. Die Gründe hierfür waren wie jetzt auch beim Eisenerz die marktgerechtere Preisbildung.

Absicherung treibt die Kosten nach oben

Die Entwicklung in diesen Märkten zeige, dass das mittlere Preisniveau beim Übergang von der langfristigen zur kurzfristigen Preisbildung ansteigt: Neben Finanzinvestoren würden auch die klassischen Finanzinstitute an kurzfristiger gehandelten Rohstoffen verdienen, vor allem durch notwendig gewordene Absicherungsgeschäfte der Marktteilnehmer, das so genannte Hedging. Nach Schätzungen der Unternehmensberatung verteuern sich am Spotmarkt gehandelte Rohstoffe durch Hedging um rund 2 bis 5 Prozent.

Viel härter als die Steigerung des mittleren Preisniveaus werden sowohl die Stahlhersteller als auch die metallverarbeitende Industrie von der größeren Volatilität der Preise getroffen, heißt es weiter, der Markt erhalte spekulative Hoch- und Tiefphasen. Der Stahlpreis lag 2009 bei rund 110 Euro/t und ist in diesem Jahr bereits auf mehr als 200 Euro/t geklettert.

„Die derzeit stattfindende Rohstoffpreisrallye ist einerseits die Reaktion auf den Rückgang der Preise im letzten Jahr und damit eine notwendige Marktkorrektur. Andererseits ist sie aber auch das Ergebnis spekulativer Aufkäufe einiger Handelshäuser und Finanzinstitute“, sagt Dr. Armin Schmiedeberg, Partner bei Bain & Company und Leiter der europäischen Praxisgruppe Industriegüter und -dienstleistungen.

Mittelklassefahrzeuge werden 100 Euro teurer

Die Stahlproduzenten würden versuchen, die höheren Preisschwankungen der verarbeiteten Rohstoffe an ihre Kunden weiterzugeben, meint Schmiedeberg weiter. Dadurch würden auch die Stahlkontrakte kurzfristiger und die Preise volatiler. Für die metallverarbeitende Industrie bedeute das letztlich, einen Risikofaktor mehr beherrschen zu müssen.

Die derzeitige Preissteigerung bei Eisenerz werde zusammen mit dem bereits stark gestiegenen Preis für Kokskohle nach Aussagen der deutschen Stahlindustrie für einen weiteren Stahlpreisanstieg von rund 30 Prozent sorgen. Was das für die Metallindustrie gerade in Deutschland bedeutet, zeigt ein Rechenbeispiel der Unternehmensberatung: Stahl macht 5 Prozent bis 10 Prozent der Herstellkosten eines Mittelklassefahrzeugs aus. Damit würde ein solches Auto würde um mehr als hundert Euro teurer. Bei jährlich über 5 Millionen produzierten Einheiten in Deutschland entstehe für die Automobilhersteller eine Kostenbelastung im hohen einstelligen Milliarden-Euro-Bereich, die sie nicht auf ihre Kunden umlegen könnten.

Maßnahmen bei schwankenden Einkaufspreisen

Wenn die Stahlpreise in Anlehnung an die Verträge mit den Eisenerzlieferanten künftig nur noch für maximal drei Monate stabil bleiben, habe das für die metallverarbeitende Industrie weitreichende Konsequenzen. Sie müsse lernen, mit dauerhaft stärker schwankenden Stahlpreisen umzugehen. „Künftig müssen metallverarbeitende Betriebe die Kosten für Risikomanagement und Hedging einpreisen oder die Stahlpreisschwankungen über Preisgleitklauseln in den Verträge weitergeben“, sagt Schmiedeberg. Für die Umstellung auf volatilere Stahlpreise empfiehlt die Unternehmensberatung der Metallindustrie fünf Maßnahmen, um die neuen Risiken besser beherrschen zu können:

- Eine enge Verzahnung von Vertrieb, Einkauf und Risikomanagement muss dafür sorgen, dass die Laufzeiten der Verträge mit Kunden und Stahllieferanten synchronisiert sind, um das Risiko durch Stahlpreisschwankungen zu begrenzen.

- Das verbleibende Risiko muss auf dem Finanzmarkt durch Hedging abgesichert werden und die Kosten dafür in die Preisgestaltung einfließen.

- Für das Hedging benötigen vor allem Mittelständler völlig neues Know-how, das weit entfernt ist von ihrem Kerngeschäft und das sie erst aufbauen müssen.

- Ein zentrales Risikomanagement muss dafür sorgen, dass die eingegangenen Risiken für das Gesamtunternehmen in vertretbaren Grenzen bleiben. Zudem müssen Vorstände und Geschäftsführer jederzeit vollständige Transparenz über die Risikosituation haben, um bei Bedarf schnell gegensteuern zu können.

- Den durch diese Maßnahmen entstehenden Mehrkosten muss frühzeitig mit Einsparungsprogrammen begegnet werden.

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