Fahrbericht Lexus NX 300h: Der Charaktertyp

Redakteur: Wolfgang Sievernich

Lexus hat mit dem NX 300h einen kantigen SUV auf den Markt gebracht, der vor allem mit seiner äußeren Erscheinung polarisiert. Wir testeten den Hybrid-Benziner mit 197 PS.

Firmen zum Thema

Der Lexus NX300h besitzt 197 PS Systemleistung und zeigte sich als souveräner Gleiter, doch die Autobahn ist nicht sein Revier.
Der Lexus NX300h besitzt 197 PS Systemleistung und zeigte sich als souveräner Gleiter, doch die Autobahn ist nicht sein Revier.
(Foto: Wolfgang Sievernich)

Der Lexus NX300h ist ein zweifellos ein Charaktertyp. Schon bei seiner ersten Vorstellung noch als Studie im Jahr 2013 auf der IAA sorgte sein kantiges und futuristisch anmutendes Design für hohe Meinungswogen. Noch dazu von dem eher für biedere Fahrzeuge bekannten japanischen Automobilherstellers Toyota. Nun ist der Mittelklasse-SUV von Tochter Lexus in der Realität angekommen und dennoch fühlt man sich beim Anblick des 4,63 Meter langen Fahrzeugs an die Zeiten von Captain Future zurückerinnert, der in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf den Fernsehbildschirmen unserer Jugend für Abenteuer sorgte. Wohin man schaut ist dieser NX300h vor allem eins: anders.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

Aggressiv wirkende Formen

Scharfkantige Linien an der Front, aggressiv dreinblickende LED-Frontscheinwerfer, ein gewaltiger Kühlergrill, ausgestellte Radhäuser, Sicken und Kanten an der Seite, prägnant vorstehende Rückleuchten und das ganze gepaart mit recht kleinen Scheiben rundum. Ein Anblick der den Betrachter gefangen nimmt und das auf der Testfahrt durch die ländliche Gegend von durchaus gemischten Gefühlen und Reaktionen begleitet war. Obwohl als SUV entworfen, wird man den Eindruck nicht los, dass dieser Geländewagen in der Großstadt besser aufgehoben wäre.

Futuristischer Innenraum

Beim Blick in den Innenraum erleben wir bekannte Lexus-Formen und Farben. Ganz im Stile der Marke will der Innenraum mit echtem Leder auf Sitzen, Lenkrad und sogar dem Cockpit überzeugen. Dazu wird die Mittelkonsole von einem eingerahmten Aluminiumrahmen im Design des sogenannten Diabolo-Kühlergrills eingeschlossen. Der Fußraum fällt durch sportlich gelochte Alu-Pedale auf, die aber in dem ansonsten auf Eleganz getrimmten Innenraum etwas unpassend wirken. Während die elektrische Sitzverstellung normal gewachsenen Personen genügend Raum gibt sich bequem hinzusetzen, müssen großgewachsene Fahrer Kompromisse hinnehmen.

Das Lederlenkrad liegt gut in der Hand, der Wählhebel der Automatik in der Mittelkonsole, oder auch die Schalter für die Fahrwerkseinstellung und auch das Infotainment liegen in Griffweite. In der zerklüfteten Mittelkonsole fällt eine runde Analoguhr ins Auge, wie sie insbesondere bei Luxuslimousinen von Jaguar oder Bentley häufiger in Erscheinung tritt, aber doch nicht so recht zum futuristischen restlichen Innenraum zu passen mag. Unterschiedlich geformte Schalter, Drehrädchen, Hebel, Taster, eine Touchpadoberfläche für die Bedienung des Infotainmentsystems und eine lederbezogene versprühen den Charme japanischer Kreativität.

Lexus spricht elektrisch

Ebenfalls auffällig ist beim neuen NX300h ein Hang zur Elektrizität. Ob die elektrisch einstellbaren Front- oder Rücksitze oder die von Warntönen begleitete elektrisch öffnende und schließende Heckklappe. Die kabellose Ladeschale für Smartphones oder der elektrische Allradantrieb namens E-FOUR, die elektrische Dämpferverstellung oder natürlich der Elektromotor für den Hybridantrieb – Lexus nutzt die Elektrizität an allen Orten.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

Souveräner Gleiter

Kommen wir zum Fahrgefühl. Bevor wir den Startknopf betätigen, sollte man sich bewusst werden für welche Märkte das Fahrzeug geschaffen wurde: Asien und die USA. Sicherlich spiel Europa und speziell Deutschland in der Zulassungsstatistik des Modells eine untergeordnete Rolle und genau das darf man beim weiteren Fahrverlauf nicht vergessen. Elektrotypisch überspielt der Lexus den typischen Kaltstart des Benzinmotors mit einer rein elektrischen Anfahrt, das 155 PS starke Benzinaggregat des 2,5 Liter Motors schaltet erst später hinzu, je nach Energiedichte im Akku früher oder später. Wer Dieselmotoren mit Drehmoment und niedrigen Drehzahlen gewöhnt ist, muss sich beim zuschalten des Atkinson-Benziners erst an eine neue Geräuschkulisse gewöhnen. Der Saugmotor stößt mittels Wandlerautomatik in Drehzahlhöhen vor, die man einem kalten Aggregat sonst vielleicht nicht zumuten würde. Dabei stehen Geräuschpegel und Beschleunigung leider nicht im gleichen Verhältnis zueinander.

Sportlichkeit ist nicht sein Metier

Anders verhält es sich, wenn der Wagen souverän über Landstraßen säuselt. Dann befindet sich der Motor in einem Wechselspiel zwischen Elektroantrieb und herkömmlichen Aggregat, dass eindeutig auf Komfort und Laufkultur ausgerichtet wurde. Hier zeigen sich die Stärken von Antrieb und Fahrzeug gleichermaßen. Der Lexus offenbart sich als Gleiter und Segler, der den Hybridantrieb ohne Avancen bis zur nahezu totalen Stille aufleben lässt. Auch in Asien und den USA sind Geschwindigkeiten bis zu 120 Kilometer pro Stunde die Regel, abrupte Lastwechsel die Ausnahme und hohe Geschwindigkeit geradezu Mangelware. Auf deutschen Autobahnen dagegen fühlt sich der NX300h überhaupt nicht wohl. Bereits leichte Gasstöße quittiert der Motor mit quälendem Aufheulen, Lastwechsel und Beschleunigungsvorgänge lassen das souveräne Dahingleiten der Landstraßenstille vermissen. Auch wenn die Systemleistung 197 PS (145 kW) beträgt muss der Vollhybrid des 1,8 Tonnen schweren SUV auf der linken Spur Federn lassen.

Während der Automobilhersteller einen Verbrauch von 5,0 Liter auf 100 Kilometer angibt, kommen wir im Testverbrauch auf sieben bis acht.

Fazit

Es ist nicht leicht den Lexus zu beschreiben, da er sowohl äusserlich als auch unter dem Blech einen völlig konträren Weg zum Mainstream eingeschlagen hat. Das Fahrzeug ist etwas für Charaktertypen, für Menschen die schon immer etwas anderes als alle anderen haben wollten. Aber auch für Menschen, denen pure Beschleunigungswerte und sportliche Ambitionen fremd sind. Der Lexus ist ein Gleiter, aber trotz Allradantrieb kein Naturbursche. Sein Revier ist die Stadt und die langen Highways weit entfernter Kulturen. Wer ihn in Deutschland sein Eigen nennen möchte, müsste dafür ab 41.500 Euro für die Allradvariante und 39.800 Euro für die Version mit Frontantrieb ausgeben.

Interessenten die den NX mit Dieselantrieb suchen, werden enttäuscht. Toyota hat die Entwicklung von eigenen Dieselmotoren aufgegeben und sieht im Benzin-Hybridantrieb die Zukunft. Wettbewerber finden sich beim Audi Q5 oder Peugeot 3008 Hybrid4.

(ID:43658818)