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BCG-Studie Mittelklasse erobert Nutzfahrzeugmarkt

| Autor / Redakteur: Christoph Baeuchle / Bernd Otterbach

Die Zweitteilung des Nutzfahrzeugmarkts in Premium-Trucks und Low-Cost-Lkws geht zurück. Künftig dominiert die neue Mittelklasse: Preis und Nutzen sind bei den Modellen entscheidend. BCG-Partner Nikolaus Lang erläutert im Interview mit »Automobil Industrie« die Entwicklung und deren Folgen.

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Ein neues Segment mischt den Nutzfahrzeugmarkt kräftig durcheinander: der Mid Market. Er umfasst Produkte, die sich nicht über die Größe, sondern über Aspekte wie Ausstattung und Verbrauch definieren. Preis und Nutzen sind der Modelle sind entscheidend.

Das Mittelklassesegment wird bis zum Jahr 2020 rund die Hälfte des gesamten Lkw-Geschäfts ausmachen, in den BRIC-Staaten sind es sogar 70 Prozent, prognostiziert Nikolaus Lang, Partner bei der Boston Consulting Group (BCG), in seiner neuen Studie „Winning the BRIC Truck Battle: How Global and Local Players Can Tap the Full Potential of BRIC Truck Markets“. Etablierte Hersteller und Zulieferer stellt dies vor neue Herausforderungen, wie Lang im Gespräch mit »Automobil Industrie« erläutert.

»Automobil Industrie«: Herr Lang, in ihrer neuesten Studie erwarten sie großes Wachstum der Nutzfahrzeugmärkte in den Schwellenländern. Was bedeutet dies konkret?

Nikolaus Lang: Wir haben in den BRIC-Staaten ein Jahrzehnt mit enormem Wachstum hinter uns: von 900.000 Nutzfahrzeuge im Jahr 2000 auf 3,6 Millionen Einheiten im Jahr 2010. Bis 2020 steigt nach unserer Einschätzung die Zahl auf 4,3 Millionen Fahrzeuge. Aus unserer Sicht sind allerdings nicht die absoluten Wachstumszahlen entscheidend, sondern die Entwicklung der Segmente.

»AI«: Was heißt dies?

Lang: Wir rechnen mit dem Entstehen eines komplett neuen Marktsegments: dem Mid-Market. Dieses neue Mittelklassesegment wird den globalen Lkw-Markt dominieren. Die Zweiteilung mit einfachen Lkws der lokalen Herstellern auf der einen und Premium-Trucks der etablierten OEM Hersteller auf der anderen Seite wird also künftig mehr und mehr zurückgehen. Bei der neuen Mittelklasse liegt der Fokus auf einem hohen Nutzen einhergehend mit einem geringeren Preis.

»AI«: Wie groß ist der Mid Market?

Lang: Vor zehn Jahren hat das Segment quasi noch nicht existiert. Nun zeigt es enorme Wachstumsraten: Bis 2020 dürfte es einen Anteil von 44 Prozent am Gesamtmarkt ausmachen, in den BRIC-Märkten rechnen wir mit 70 Prozent. Wer hier richtig aufgestellt ist, wird die Nase vorn haben.

»AI«: Welche OEMs haben sich dafür richtig positioniert?

Lang: Die europäischen Hersteller bringen in den nächsten beiden Jahren diverse Modelle auf den Markt, zum Teil in Kooperation mit lokalen OEM. Eines der wenigen bereits heute vorhandenen Modelle in diesem Segment, welches aus westlicher Hand stammt, ist der VW Constellation von MAN. Dieser ist bereits seit sechs Jahren im Markt und verfügbar ist typisch für den Mid-Market: Er bietet mehr Komfort als die Billig-Lkws, hat stärkere Motoren, folgt den neuen Emissionsstandards und ist sparsamer. Zudem ist er preislich attraktiv.

»AI«: Und die lokalen Hersteller?

Lang: Diese haben bereits einige Mid-Market-Modelle auf den Markt gebracht, zum Beispiel den Dongfeng Kinland oder den Tata Prima, und verfügen zudem über ein bestehendes Service- und Vertriebsnetz. Sie sind den westlichen Truck-OEMs in dieser Hinsicht um etwa drei bis fünf Jahre voraus.

»AI«: Ist das Rennen also schon gelaufen?

Lang: Nein. Wer das Rennen gewinnen wird, lässt sich jetzt noch gar nicht absehen. Sowohl die westlichen als auch die lokalen Hersteller stehen vor Herausforderungen. So nutzen viele regionale Hersteller wie Dongfeng oder Tata westliche Zulieferer, um ihre Mid-Market-Modelle zu entwickeln. Bei dem Modell Tata Prima beispielsweise kommt der Motor vom amerikanischen Zulieferer Cummins, und das Getriebe von ZF Friedrichshafen. Die Kabine wurde von Pininfarina entworfen. Das geht mitunter schnell in die Kosten und die gesamte Fahrzeugabstimmung ist nicht einfach.

»AI«: Allerdings müssen sich die westlichen Hersteller dann auch an niedrigere Gewinnmargen gewöhnen.

Lang: Entscheidend ist, wie sie die Kosten managen. Auch mit kleineren Nutzfahrzeugen kann man Gewinne einfahren. Die globalen OEMs sind mit stagnierenden Triade-Märkten konfrontiert, daher sind die Wachstumschancen des Mid Markets für sie sehr interessant. Hier verdienen sie zwar weniger, können aber auf lange Sicht größere Volumen erzielen.

»AI«: Und für die Zulieferer?

Lang: Sie zu den Gewinnern dieser Entwicklung zählen, denn sie sind beim Thema Globalisierung sowohl den Pkw- als auch den Truck-OEMs voraus. Zwischen ihnen liegen etwa zehn bis 20 Jahre. Westliche Hersteller müssen ihre Position in den lokalen Märkten noch festigen und weiter ausbauen. Bisher gibt es keinen Hersteller, der in allen BRIC-Staaten eine starke Präsenz hat.

»AI«: Könnten die lokalen Hersteller die Vorteile nutzen, um den westlichen Herstellern in ihren Heimatregionen Konkurrenz zu machen?

Lang: In den nächsten Jahren rechnen wir nicht damit. Die lokalen OEM positionieren sich in erster Linie auf Wachstumsmärkten wie Südostasien, Afrika und im Nahen Osten.

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