60 Jahre Automobil Industrie Preh: 100 Jahre Bediensysteme

Redakteur: Wolfgang Sievernich

60 Jahre »Automobil Industrie« und fast 100 Jahre Preh: Das im Jahr 1919 gegründete Unternehmen ist einer der erfolgreichsten deutschen Automobilzulieferer von Bediensystemen für das Interieur. Über die Gründerjahre, heutige Entwicklungen und die Zukunft.

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Seit fast 100 Jahren liefert Preh Bediensysteme für das Interieur. Begonnen hat alles mit Komponenten für Radios.
Seit fast 100 Jahren liefert Preh Bediensysteme für das Interieur. Begonnen hat alles mit Komponenten für Radios.
(Bild: Preh)

Vor 96 Jahren legte Jakob Preh im nordbayerischen Bad Neustadt den Grundstein für ein Unternehmen, das heute als global aufgestellter Automobilzulieferer mit sechs Standorten weltweit agiert: die Preh GmbH. Alles begann im Jahr 1919 in den Räumlichkeiten einer ehemaligen Gastwirtschaft mit der Jakob Preh jun. Dort fertigte der Geschäftsmann neben Elektroinstallationsmaterialien und Komponenten für Radios bald auch die ersten automobilen Ersatzteile. Dabei handelte es sich um Winker, Blinker und Rückleuchten. Der Firmengründer konnte noch nicht ahnen, zu welch großem Industrieunternehmen sich sein kleines Produktportfolio einmal ausweiten würde.

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Rasanter Start

Schon in den Anfangsjahren entwickelte sich das findige Unternehmen rasant. 1924 stellte die Firma das erste selbst entwickelte Rundfunkempfangsgerät vor – den „Preh-Funk“. 1936 beschäftigte Jakob Preh bereits 700 Mitarbeiter, die Präzisionsteile für Rundfunkempfänger fertigten, und unternahm mit einem zweiten Standort in Großbritannien den ersten Vorstoß in Sachen Internationalisierung. 1938 wurde das Unternehmen in Elektrofeinmechanische Werke Jakob Preh Nachf. umbenannt. Nach dem tragischen Tod des Firmengründers in den letzten Kriegstagen 1945 übernahm sein Sohn Walter die Geschicke des Unternehmens und baute es in den Jahren des deutschen Wirtschaftswunders wieder auf – zunächst mit Spielwaren, ferngesteuerten Modellautos und Puppen aus Polystyrol. Preh war zeitweise der drittgrößte Puppenhersteller in Deutschland.

Als 1959 der Fernseher in die deutschen Haushalte einzog, fertigten die Mitarbeiter Elektronikkomponenten für den neuen boomenden Markt. Preh investierte in einen neuen Fertigungsstandort in Portugal und setzte mit Potentiometern, Abstimmspeichern und Steckverbindern einen neuen weltweiten Standard für Qualität und Zuverlässigkeit. 1969, in seinem 50. Jubiläumsjahr, erwirtschaftete das Unternehmen einen Rekordumsatz von 92 Millionen Mark. Zu dieser Zeit zählte es bereits 3.900 Mitarbeiter.

Einschnitte in den 70ern und 80ern

Trotz guter Geschäfte musste Preh in den siebziger und achtziger Jahren weitere Einschnitte ertragen. Walter Preh verstarb 1971, seine Frau Rosemarie übernahm die Geschäfte und führte sie im Sinne ihres Mannes weiter. In den achtziger Jahren verlor Preh zunehmend Marktanteile bei TV-Komponenten an den japanischen Wettbewerb. Die Preh-Führung erarbeitete deshalb eine neue strategische Zukunft und kehrte in einen bereits bekannten Markt zurück: die Automobilindustrie. Mit dem Einstieg in die Automobilelektronik und Rückzug aus der Unterhaltungselektronik begann Preh, sich im Geschäftsfeld Automobiltechnik intensiver denn je zu engagieren. Für europäische Hersteller und Zulieferer fertigte das Unternehmen potentiometrische Sensoren, Drosselklappensensoren und die ersten Klimabediensysteme.

1987 machte es sich mit dem Heizungsbediensystem im Passat nicht nur bei Volkswagen einen Namen; auch die europäische Automobilindustrie profitierte von der Fertigungskunst aus Nordbayern.

Neue Ära mit Rheinmetall

Im Jahr 1993 übernahm der börsennotierte Technologiekonzern Rheinmetall AG die Kapitalmehrheit an dem expandierenden Zulieferer. Mit der fortgesetzten Konzentration auf Bediensysteme für das Interieur sicherte sich Preh imageträchtige Aufträge für den BMW 5er und 7er, die Luxuslimousine Maybach, die Mercedes-Benz E-Klasse und den Mittelmotor-Sportwagen Porsche Boxster. Jetzt war Preh wirklich im automobilen Olymp der Top-Zulieferer angekommen und etablierte sich unter dem neuen Investor mit festem Marktanteil. Im Jahr 1999 übernahm Michael Roesnick den Vorsitz der Geschäftsführung. Der gebürtige Hamburger kam über den Elektronikspezialisten RMP Elektroniksysteme nach Bad Neustadt. Er zeichnete seit 1997 als Geschäftsführer für RMP verantwortlich und unterstützte die Übernahme des Unternehmens aus Willich in die Preh-Gruppe im Jahr 2000 federführend mit. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten 1.970 Mitarbeiter im In- und Ausland für den Elektronikzulieferer.

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Verkauf an Investor

2003 folgte mit dem US-amerikanischen Automotive-Standort Novi/Detroit ein weiterer strategisch wichtiger Auslandsstützpunkt, von dem aus der nordamerikanische Markt bearbeitet werden sollte. Eine Grundsatzentscheidung veranlasste Rheinmetall im Jahr 2003 jedoch, die Preh GmbH an einen Investor zu verkaufen, obwohl die Zahlen des Zulieferers für einen Verbleib im Konzern gesprochen hätten. Roesnick erinnert sich: „Rheinmetall verkaufte zu dieser Zeit eine Reihe an jüngst zugekauften Geschäftsbereichen und wollte sich wieder auf das Rüstungsgeschäft und das Automotive-Segment von Kolbenschmidt-Pierburg konzentrieren. Wir wurden veräußert, haben aber bei der Deutsche Beteiligungs AG eine neue Heimat gefunden. Mit ihr hatten wir glücklicherweise einen weitsichtigen Finanzinvestor, der dem Management im späteren Verkaufsprozess weitreichende Mitgestaltungsmöglichkeiten einräumte.“

Fortlaufend steigende Umsätze

Nach dem Vertriebsbüro in Detroit gründete Preh 2005 eine eigene Fertigung im mexikanischen Monterrey und beliefert von dort den gesamten US-Markt. Hauptkunden werden BMW und Volkswagen Nordamerika sowie Ford und General Motors. Der damalige President & CEO der US-Gesellschaft Christoph Hummel war für den Aufbau der beiden Standorte und den Vertrieb maßgeblich verantwortlich. Preh gelang es, mit wachsendem Erfolg, Bekanntheit und neuen Standorten fortlaufend steigende Umsätze zu erzielen. Konnte das Unternehmen im Jahr 2003 noch 223 Millionen Euro erwirtschaften, so waren es 2005 bereits 248 Millionen. Seinen vorläufigen Höhepunkt erlebte es im Jahr 2007: Mit 321 Millionen Euro Jahresumsatz überbot das Unternehmen deutlich das Vorjahr um satte 43 Millionen Euro.

Frühe Bediensystem-Trends

Der Innovationswille spiegelte sich auch in herausragenden Produkten wider. So entwickelte Preh im Jahr 2007 ein „Center Console Concept“, das diverse Bediensystemtrends zeigte, die sich heute in Serienprodukten finden. Unter anderem auch ein Touchpad mit haptischem Feedback. Im Jahr 2015 ging die von Preh weiterentwickelte Aktuator-Technik für Touchpad-Anwendungen im MMI „all-in-touch“-Bediensystem des Audi Q7 in Serie. Wegen der steigenden Zahl an Schaltern im Cockpit suchten die Automobilhersteller neue Lösungen für die Bedienführung, und die Preh-Ingenieure schafften Raum mit Drehstellern, Touchpads und den ersten Entwicklungen für die heute bekannte Black-Panel-Technik. Der Effekt einer homogenen schwarzen Bedienoberfläche bei ausgeschalteter Zündung wurde schrittweise perfektioniert. In Kombination mit Echtglas entwickelte Preh hier eine sogenannte optical bonding-Technologie. Sie sorgt heute für die optimale Black-Panel-Anmutung in der Mittelkonsole des Porsche 918 Spyder.

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Auch mit weiteren sportlichen Highlights kann das Unternehmen auf den internationalen Automobilmessen werben. In der Mittelkonsole des Lamborghini Aventador prangt das HMI von Preh, bei der viele Funktionen intuitiv bedienen werden können. Um den Zwölfzylinder zum Leben zu erwecken, versteckt sich der Startknopf hinter einer roten Abdeckung, deren Design der Luftfahrt entnommen wurde.

Neues Zeitalter China

Im Jahr 2009 brach für Preh nochmals ein neues Zeitalter an. Das Unternehmen eröffnete sein erstes Vertriebsbüro in Shanghai. Das Joint Venture mit dem chinesischen Automobilzulieferer Joyson Electronics aus Ningbo im Jahr 2010 legte den Grundstein für eine neue Partnerschaft. Die Stadt mit rund sechs Millionen Einwohnern liegt rund 250 Kilometer südlich von Shanghai und sollte 2011 die Basis für den nächsten wegweisenden Schritt darstellen: Joyson Electronics mit seinem chinesischen Inhaber Jeff Wang übernahm die Kapitalmehrheit der Preh GmbH. Genau genommen waren es 98,06 Prozent der Anteile. Ungeachtet eines inzwischen durchgeführten Börsengangs verblieb die Mehrheit bei Jeff Wang, während das Preh-Management weiter rund zwei Prozent der Anteile hält. Das soll nicht nur eine langfristige Bindung der erfahrenen Führungsmannschaft garantieren, sondern auch die strategische Zukunft des Unternehmens sicherstellen.

Zusammenarbeit von Preh und Joyson

Jeff Wang ist ein Privatunternehmer, der im Jahr 2004 sein Automotive-Geschäft startete. Am Standort Ningbo fertigt das Unternehmen Kunststoffkomponenten für Motorräume, Wisch-/Waschsysteme, Luftausströmer und Außenspiegel. „Preh unterstützt Joyson Automotive beim Zugang zum europäischen und nordamerikanischen Markt. Es handelt sich um eine klassische Win-Win-Situation“, sagt der Konzernchef. Auch wenn die Branche anfangs skeptisch reagierte, hat sich die Zusammenarbeit für Preh und Joyson in den ersten vier Jahren äußerst positiv entwickelt. Joyson unterstützt die Innovationskraft von Preh durch Investitionen in Standorte, die Entwicklung, Infrastruktur und Mitarbeiter und hat sich zusammen mit dem deutschen Automobilzulieferer einen festen Platz an der Börse gesichert.

Weitreichendes Themenspektrum

Heute arbeiten für die Joyson Electronics in ihren Geschäftsbereichen Automotive Electronics (Preh), Automotive Components (Joysen Automotive, Quin) und Automation (PIA) rund 7.000 Mitarbeiter weltweit. Insgesamt erwirtschaftet der Konzern rund eine Milliarde Euro Umsatz, wobei auf Preh alleine im Jahr 2014 der Hauptteil mit 612 Millionen Euro entfiel. Das Themenspektrum umfasst Car-HMI-Komponenten für Interieurbedienflächen, Mittelkonsolen, Klimabediensysteme, Lenkrad-Multifunktionsschalter sowie Batteriemanagement-Technologien für die Elektromobilität. Hinzu kommen Kombiinstrumente für Nutzfahrzeuge und über das Tochterunternehmen PIA der Produktbereich der Automation.

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Entwicklung bleibt vor Ort

Preh besitzt weltweit Fertigungsstandorte in Portugal, USA, Mexiko, Rumänien, China und Deutschland. Das Entwicklungszentrum ist weiterhin im Hauptquartier in Bad Neustadt beheimatet und konnte im Oktober dieses Jahres den Ausbau neuer Räumlichkeiten und einen Zuwachs an Mitarbeitern vermelden. Jeff Wang ist nicht daran gelegen, Kapazitäten, Know-how oder Infrastruktur aus Europa nach China abzuziehen. Der Privatunternehmer weiß um den Ingenieursstandort Deutschland und konzentriert seine Investitionen zusammen mit dem Preh-Management in die Forschung und Entwicklung neuer Techniken und Produkte.

Auf der diesjährigen chinesischen Automobilfachmesse „Auto Shanghai“ stellte Preh erstmals eine Serienentwicklung für Audi vor, mit der man die Bediengewohnheiten von Smartphones auf die Interieurbediensysteme im Fahrzeug übertragen hat: Das komplett neu entwickelte Multi-Media-Interface (MMI) „all-in-touch“ für den Q7 ist das neueste Highlight aus dem Hause Preh.

Schwerpunkt auf haptischem Feedback

Der Schwerpunkt der Entwicklung liegt auf dem aktiven haptischen Feedback, das es dem Fahrer ermöglicht, die richtigen Menüpunkte leicht zu ertasten, statt dafür den Blick von der Straße zu wenden. Die skalierbare Aktuatorentechnik ermöglicht zudem, auch Touchscreens mit einem haptischen Feedback auszustatten. Damit soll der Fahrer eine gefühlt ähnliche Rückmeldung erhalten wie bei der Betätigung einer herkömmlichen Taste. Zur IAA in Frankfurt zeigte Preh in diesem Jahr außerdem Multifunktionsschalter, deren Oberfläche ohne Fugen gestaltet werden können, um eine Anwendung in Lenkrädern zu ermöglichen.

Die Zukunft ist elektrisch

Auch in einem weiteren Geschäftsfeld sieht Preh große Potenziale: in der Elektromobilität. Das Unternehmen entwickelte für BMW bereits Batteriemanagement-Steuergeräte für die beiden E-Fahrzeuge BMW i3 und i8. Mit einer neuen Generation des Batteriemanagements für 48-Volt-Batteriesysteme sieht Preh angesichts der aktuellen Entwicklung der Verbrauchssenkung und CO2-Reduktion großes Potenzial als Serienlieferant. „Anfangs haben die Automobilhersteller die Elektromobilität von kleinen Zulieferern nebenbei entwickeln lassen und stellen heute fest, dass diese für die Großserie nicht mehr die idealen Partner darstellen“, erläutert Christoph Hummel.

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E-Mobility soll wachsen

Der Geschäftsführer wird ab 2016 neuer Vorsitzender der Geschäftsführung, nachdem Dr. Roesnick in den Aufsichtsrat wechselt. Noch macht der Bereich E-Mobility bei Preh nur rund fünf Prozent Umsatz am Gesamtergebnis aus. Hummel erwartet aber für die kommenden Jahre eine deutliche Zunahme an Absatz und Ertrag. Bis zum 100. Jubiläum im Jahr 2019 will das Management die Umsatz-Milliarde erreichen. Wenn man sich die Innovationsfreude der letzten 96 Jahre anschaut, dürfte das ein realistisches Ziel sein.

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