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Innovationsstrategie Querdenken

| Redakteur: Thomas Weber

„Die Grenzen des technisch Machbaren stets aufs Neue auszureizen“, lautet das Credo des Garnspezialisten Zimmermann. Gedacht wird dabei branchenübergreifend.

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Die Idee überzeugt: Wärme an den Stellen zu garantieren, wo sie der Fahrzeuginsasse benötigt und direkt bemerkt. Beispielsweise mit einer textilen Flächenheizung im Fußraum, in den Türverkleidungen oder in den Sitzen. Denn überall dort kann die Wärme direkt abstrahlen und für Komfort sorgen.

„Eine Radikal-Innovation“, ist sich Rainer Kurek, Geschäftsführer der Automotive Management Consulting GmbH (AMC), sicher. Er hatte die beiden Unternehmen W. Zimmermann und Strähle + Hess zusammengeführt. Zusammen haben sie das elektrisch leitfähige Garn „Novonic“ entwickelt, um neue Wege im Textilbereich zu beschreiten.

Zimmermann ist der Erfinder des Garns, verfügte aber über keine Erfahrung in der Automobilbranche. Das 1953 gegründete Unternehmen mit Sitz in Simmerberg im Westallgäu produziert traditionell elastische Umwinde- und Umwirbelungsgarne sowie technische Fäden. Zum Einsatz kommen sie beispielsweise in Stützstrümpfen und Feinstrumpfhosen.

Jahr für Jahr produziert Zimmermann mehrere hundert Garnkombinationen für den unterschiedlichsten Einsatz. Strähle + Hess, Innenraumspezialist aus Althengstett am Rande des Nordschwarzwalds, beliefert Automobilhersteller mit textilen Geweben. Was lag da näher, als die beiden Mittelständler zusammenzubringen, um dann zum großen Wurf in der Automobilindustrie auszuholen?

Grenzen des technisch Machbaren ausreizen

Die Chancen dafür sind nicht schlecht. Moderne Diesel- und selbst Ottomotoren stellen nämlich bei niedrigen Außentemperaturen zu wenig Motorabwärme zur Verfügung. Ähnliches gilt für Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Schon heute benötigen rund 70 Prozent aller Selbstzünder in Deutschland einen Zusatzheizer, um den Fahrzeuginnenraum zu erwärmen.

Zimmermann hat sich auf die Fahnen geschrieben, „die Grenzen des technisch Machbaren stets aufs Neue auszureizen“. Aus diesem Leitsatz entstand unter anderem auch „Novonic“. Von der Idee über die Konzeptphase und Machbarkeitsanalyse bis hin zur Entwicklungsplanung und Projektdurchführung – die Wertschöpfungsstrategie entlang des Innovationsprozesses ist erfolgreich. Grenzen sind dabei keine gesetzt. Im Visier hat man Kunden sämtlicher Größe und aus allen Branchen.

Kernkompetenzen verwerten und für sein Know-how neue Märkte suchen – so lautet die Strategie. Denn Innovation bedeutet nicht zwingend, etwas Neues zu erfinden. Es kann auch heißen, Bestehendes in ein anderes Umfeld zu übertragen und durch konsequente Orientierung an den Kundenbedürfnissen einen höheren Produktnutzen zu generieren.

Zimmermann hat diese Innovationsstrategie jetzt aus dem Automotivegeschäft wieder zurück zu den Wurzeln geführt: in die Textilindustrie. Der Ansatz klingt simpel. Wenn draußen die Temperaturen sinken, können sich Menschen mit einer körperlichen Behinderung meist nicht ausreichend selbst aufwärmen – insbesondere dann, wenn sie an einen Rollstuhl gebunden sind. „In unseren Breitengraden benötigen diese Menschen etwa neun Monate im Jahr eine externe Wärmezufuhr. Durch den ständigen Wärmemangel sind sie bezüglich Krankheiten, welche aus Unterkühlung resultieren, besonders gefährdet“, erklärt AMC-Chef Kurek, der das Projekt von Anfang an begleitet hat.

Stärke durch Kooperationen

Um vom Markt weg eine kundenorientierte Produktentwicklung sicherzustellen, haben AMC und Zimmermann die Zusammenarbeit mit der „Pfennigparade“ gesucht. Die Münchner Rehabilitationsklinik konnte denn auch mit dem Ergebnis ihrer Marktanalyse die erste Arbeitshypothese bestätigen: Alle Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, benötigen eine zusätzliche Wärmezufuhr. Daraus haben die drei Partner abgeleitet, dass es ein relativ großes Marktpotenzial geben muss. Zumal laut Kurek aktuell kein relevanter Mitbewerber existiert.

Entwickelt wurde daraufhin „Novosan“, ein Akku-gestütztes textiles Heizsystem. Ein Fußsack und ein Sitz- sowie ein Rückenkissen sorgen für aktive Wärme auf Knopfdruck. Die drei Elemente sind aus Komplexitätsgründen aus dem selben Spezialtextil gefertigt. Der Verarbeitungsprozess ist ebenfalls identisch – günstig für die Kosten.

Das Innenleben des Produkts besteht aus einem Vlies mit dem elektrisch beheizbaren Spezialgarn „Novonic“. Das neuartige Material in Verbindung mit einem Lithium-Ionen-Akku bietet für knapp drei Stunden bei Dauerbelastung wohlige Wärme. Gleichzeitig ist der Fußsack wasserabweisend. Damit steht Outdoor-Aktivitäten auch im Winter nichts mehr im Wege.

Im Rahmen der Produktentwicklung und Fertigung haben sich nach Aussage von AMC-Chef Kurek aus dem Umfeld der Beteiligten viele Anregungen ergeben. „Diese Ideen gilt es sorgfältig zu analysieren, gegebenenfalls Anpassungen und Korrekturen vorzunehmen und daraus resultierend Entwicklungs- und Produktionsoptimierungen durchzuführen“, sagt er. Ganz nach dem Zimmermannschen Credo ist eine zweite Produktgeneration bereits für 2009/2010 geplant.

„Mittlerweile zeigen auch andere Nutzer aus dem Bereich des Sports und anderen angrenzenden gesellschaftlichen Segmenten Interesse an der Technologie“, sagt Kurek.

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