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Autonomes Fahren Goggo Network-CEO: „Rate dringend zu lizenzbasierten Regeln für Mobilitätsdienste“

| Autor / Redakteur: Sven Prawitz / Lena Bromberger

Martín Varsavsky, Gründer und CEO von Goggo Network, glaubt an den Vorteil eines regulierten Markts für Mobilitätsdienste. Gemeinsam mit Philipp Raidt, Aufsichtsrat des Start-ups und COO von Axel Springer Digital Ventures, spricht er im Doppelinterview über ein Lizenzmodell wie bei den Mobilfunkfrequenzen.

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Martín Varsavsky, gründete nach eigenen Angaben sieben Unternehmen.
Martín Varsavsky, gründete nach eigenen Angaben sieben Unternehmen.
(Bild: José Rojo/Goggo Network)

Das erst 2018 gegründete Unternehmen Goggo Network verfolgt ein für die Mobilitätsbranche ungewöhnliches Geschäftsmodell: Ähnlich wie im Mobilfunksektor sollen Mobilitätsanbieter für ihre Angebote Lizenzen vom Staat erwerben. Goggo Network arbeitet an einem Regelwerk für dieses Lizenzmodell, will selbst künftig ebenfalls als Flottenbetreiber aktiv werden.

Mit dieser Idee sicherte sich Goggo Network im Dezember 2019 insgesamt 44 Millionen Euro von den Investoren Axel Springer Digital Ventures und Softbank. Gründer und CEO Martín Varsavsky denkt bei Mobilitätsdiensten vor allem an automatisiert fahrende Wagen. Im Aufsichtsrat des Start-ups ist Springer durch Philipp Raidt, COO von Axel Springer Digital Ventures, vertreten.

Goggo möchte keinesfalls etwas ‚diktieren‘

Zuletzt entstanden mehrere Kooperationen und Joint Ventures, die Plattformen für Robotaxis entwickeln wollen. Das dürfte Sie als künftigen Flottenbetreiber freuen?

Martín Varsavsky: Wir sehen das natürlich als eine positive Entwicklung, da Kooperationen innerhalb der Industrie sehr wahrscheinlich die Entwicklung autonomer Fahrzeuge beschleunigen werden. Um einen Einsatz autonomer Fahrzeuge im großen Maßstab zu gewährleisten, ist es allerdings wichtig, dass die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen nicht hinterherhinken. Denn beim Einsatz autonomer Mobilitätsangebote müssen europäische Kernwerte wie etwa die Sicherheit der Verbraucher und der Datenschutz gewährleistet sein. Zum anderen muss ein möglichst flächendeckendes Angebot ermöglicht und ein insgesamt positiver wirtschaftlicher Effekt ausgelöst werden.

Philipp Raidt: Die Herausforderung, Lösungen für das autonome Fahren zu entwickeln und entsprechende Mobilitätsangebote aufzubauen, ist gewaltig. Daher wird es wichtig sein, dass sich starke Partnerschaften und Joint Ventures bilden, die diesen Kraftakt gemeinsam angehen können. Gut vorstellbar sind hier aus unserer Sicht gerade auch branchenübergreifende Konsortien, in denen Unternehmen etwa aus den Bereichen Automotive, Tech, Logistik oder Telekommunikation ihre Kräfte bündeln.

Goggo erarbeitet einen Vorschlag für eine Regulierung automatisierter Fahrzeuge. Worum geht es da genau?

Varsavsky: Wir hoffen und raten dringend dazu, dass europäische Länder lizenzbasierte regulatorische Rahmenbedingungen für den Aufbau von sogenannten „Autonomen Mobilitätsnetzwerken“ schaffen. Eine ähnliche Regulierung war bereits im Telekommunikationssektor erfolgreich und hat es europäischen Firmen ermöglicht eine kompetitive und erfolgreiche Industrie aufzubauen. Die Regulierung für diese autonomen Mobilitätsnetzwerke sollte insbesondere die Aspekte Sicherheit, fairen Zugang, Gewährleistung eines fairen Wettbewerbs, effiziente Allokation von öffentlichen Ressourcen und Kollaboration zwischen unterschiedlichen Stakeholdern in der Wertschöpfungskette adressieren.

Klingt, als wollen Sie die Regulierung diktieren und danach mit Ihrem Vorsprung möglichst schnell eine kritische Masse erreichen.

Varsavsky: Goggo möchte keinesfalls etwas „diktieren“. Wir sind aber davon überzeugt, dass eine intelligente Regulierung wichtig ist, damit Europa in dieser neuen Technologie führend sein kann und dass damit mögliche Mobilitätsangebot im Interesse der Verbraucher sicher, möglichst flächendeckend und zudem schnell etabliert wird. Wir hoffen, dass die dafür erforderlichen Standards in Europa entwickelt werden, große europäische Marktteilnehmer entstehen und ein Winner-takes-it-all-Szenario vermieden wird. Ein Ergebnis, welches wir schon in anderen Industrien wie E-Commerce, Internetsuche oder soziale Netzwerke erlebt haben.

Haben Sie bereits mit möglichen Investoren aus der Autoindustrie gesprochen oder ist die Zurückhaltung da noch sehr groß?

Varsavsky: Um den Aufbau regulatorischer Rahmenbedingungen für ein autonomes Mobilitätsnetzwerk zu starten, kooperieren wir natürlich mit Branchengrößen und führenden Unternehmen. Wichtig ist uns, ein offener Dialog, der es allen Beteiligten ermöglicht, ihre Gedanken und Vorschläge einzubringen.

Sind die großen OEMs überzeugt, dass die Zukunft in der Flotte liegt?

Varsavsky: Wir können deutlich sehen, dass die Industrie begonnen hat, sich in diese Richtung zu entwickeln und sich mehr auf Flotten oder Transport as a Service konzentriert – vor allem während der Pendlerzeiten. Europa ist seit Jahrzehnten führend in der Automobilindustrie und befindet sich seit sehr langer Zeit in einer komfortablen Position, doch angesichts der jüngsten Entwicklungen werden sich die großen OEMs schnell anpassen müssen, um bei diesem technologischen Wettlauf nicht ins Hintertreffen zu geraten. Aber das bedeutet nicht, dass die Menschen nicht die Möglichkeit hätten, ihr eigenes Auto für Wochenendfahrten zu genießen, denn Autofahren kann tatsächlich ein großartiges Erlebnis sein!

Denken Sie, künftig werden wir uns per Dienstleister zum Arbeitsplatz bringen lassen?

Varsavsky: Auf jeden Fall! Natürlich wird es immer Leute geben, die es vorziehen, in ihrem eigenen Auto zu fahren. Aber wer bleibt schon gerne im Stau stecken, wenn er zur Arbeit pendelt? Mobilitätsanbieter werden künftig einen Service anbieten können, der für den Verbraucher günstiger sein wird als ein eigenes Auto zu besitzen.

Raidt: Für manche mag das nach Science Fiction klingen. Aber der technologische Wandel ist rasant und die Menschen verändern ihre Gewohnheiten meist schneller als wir glauben. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die Idee von Zalando, Schuhe über das Internet zu vertreiben, als unrealistische, ja unsinnige Idee abgetan wurde. Ähnlich kritisch betrachtet wurden das Thema Elektroautos. Und viele von uns hätten vor einigen Jahren sicher nicht geglaubt, dass ein mobiles Endgerät, das Smartphone, eine so zentrale Rolle in ihrem Alltag spielen würde: Bei der Kommunikation, bei Unterhaltungsangeboten und beim Shopping – und, ja, immer mehr auch im Bereich der Mobilität.

Wie steht es um die Hygiene in Robotaxis auch mit Blick auf Virus-Epidemien?

Varsavsky: Es wird jetzt wichtiger denn je sein, über ein neues Design in den Fahrzeugen selbst nachzudenken, zum Beispiel über Trennwände zwischen den Sitzen und andere Instrumente wie Luftfilter und smarte Lösungen zur Desinfektion, um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten.

Da hat jeder Kunde sicher eine individuelle Hemmschwelle und ganz eigene Bedürfnisse.

Varsavsky: Hygiene und ein sauberer Service an sich sind für uns von höchster Bedeutung. Das Erreichen der Hemmschwelle einer Person sollte nie zur Debatte stehen.

Raidt: Gerade im Bereich User Experience bestehen zahlreiche Möglichkeiten, sich zu profilieren und durch Differenzierung einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Man muss sich nur vor Augen führen, dass für Passagiere in selbstfahrenden Fahrzeugen bislang so zentrale Dinge, wie das Fahrerlebnis hinter dem Steuer sowie bestimmte Fahreigenschaften, nicht mehr relevant sein oder jedenfalls massiv an Bedeutung verlieren werden. Umso wichtiger ist es dann, auf andere Weise ein besonderes Fahrerlebnis zu bieten, etwa mit einem individualisierten Entertainment-Angebot.

Kann die kommerzielle Roboterwagenflotte zu den Gewinnern der Krise gehören?

Varsavsky: Es wird noch eine Weile dauern, bis wir klar sagen können, wie die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus genau aussehen werden. Autonome Fahrzeuge könnten definitiv zu den Gewinnern der Krise zählen. Diese Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig es ist, die Entwicklung regulatorischer Rahmenbedingungen für autonome Fahrzeuge zu beschleunigen, da wir so eine funktionierende Mobilität sicherstellen können, ohne die Menschen und die europäische Autonomie in Krisenzeiten zu gefährden.

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Über den Autor

 Sven Prawitz

Sven Prawitz

Technikjournalist