China Market Insider Serienfertigung von Lidar – Drastischer Preissturz der Systeme?

Autor / Redakteur: Henrik Bork* / Lena Straßberger

Lidar ist zu teuer – hieß es bislang. Jetzt will ein chinesisches Unternehmen mit der Serienfertigung der Systeme beginnen; das könnte ihre Preise drastisch drücken.

Firmen zum Thema

Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet »Automobil Industrie« regelmäßig über den chinesischen Automobilmarkt.
Mit dem Format „China Market Insider“ berichtet »Automobil Industrie« regelmäßig über den chinesischen Automobilmarkt.
(Bild: Jan Becke/stock.adobe.com)

In China steht die Lidar-Technik Medienberichten zufolge kurz vor der Serienreife. Die Massenfertigung der ersten Laser-ähnlichen Messgeräte in der chinesischen Autoindustrie werde im zweiten Halbjahr dieses Jahres beginnen, berichtete die chinesische Autozeitung Zhongguo Qichebao.

Zuvor hatte der chinesische Produzent Robosense Lidar angekündigt, seine erste Lidar-Fertigungslinie sei fertiggestellt. Es handele sich dabei um ein Festkörper-Lidar und die Massenfertigung bei Robosense könne bereits im zweiten Halbjahr 2021 beginnen, heißt es in dem Bericht der Autozeitung. Es gäbe bereits Verträge mit Abnehmern für die ersten Lieferungen.

Hohe Kosten sollen schnell fallen

Die Nachricht von der bevorstehenden Serienreife eines chinesischen Lidar-Produktes wird in der chinesischen Autoindustrie als wichtiger Meilenstein gewertet. Die Technologie war noch bis vor kurzem umstritten, vor allem wegen ihrer relativ hohen Kosten. Genau die dürften jedoch schnell fallen, schrieben Analysten nun, wenn die Serienproduktion chinesischer Produzenten beginne.

Bislang hatten ausländische Firmen diesen Markt dominiert, deren Produkte galten aber in China oft als zu teuer. So habe sich die Firma Velodyne Lidar, ein Pionier der Branche aus Kalifornien, aus diesem Grund wieder aus dem chinesischen Markt zurückgezogen, berichteten chinesische Medien.

Für Lidar könnte 2021 das erste Jahr explosiven Wachstums werden.

Deng Xiaoping

Nun aber kommen die Chinesen mit eigenen Lösungen. Ihre Produkte könnten schon bald nur noch um die 200 US-Dollar kosten – nicht mehr 80.000, was einige der technisch ausgereifteren Lidar-Systeme westlicher Anbieter noch vor kurzem gekostet hatten. „Für Lidar könnte 2021 das erste Jahr explosiven Wachstums werden“, schreibt das chinesische Online-Portal Sina.

China: Durchbruch könnte autonomes Fahren beschleunigen

Sollte sich der Optimismus bewahrheiten, hätte dies sicherlich auch Auswirkungen auf die Entwicklung anderer Schlüsselkomponenten der Autoelektronik. So könne ein Durchbruch im Bereich Lidar den Einsatz des autonomen Fahrens in China beschleunigen, denken Experten.

Werde Lidar gemeinsam mit anderen Komponenten eingesetzt, etwa mit Millimeterwellen-Radar und Kameralösungen, könne es die Sicherheit von Fahrerassistenz-Systemen erhöhen, sagte Bao Junwei, CEO von Innovusion gegenüber der Autozeitung. Seine Firma liefert Lidar-Komponenten an das chinesische E-Auto-Startup Nio.

In Zukunft Massenproduktion geplant

Darüber habe sich nun in der chinesischen Autoindustrie ein Konsens herausgebildet, so Bao. „Viele Unternehmen sind zu dem konsistenten Urteil gelangt, dass Lidar in der Zukunft in die Massenproduktion gehen sollte“, sagte der CEO, dessen Aussagen dazu natürlich mit Vorsicht genossen werden müssen, denn er wäre einer der Ersten, der davon profitieren dürfte.

Das Wort Lidar ist eine Abkürzung für „light detection and ranging“. Laserstrahlen werden eingesetzt, um eine dem Radar vergleichbare Abstands- und Geschwindigkeitsmessung zu erzielen.

Schlagabtausch zwischen Musk und Xpeng

Nicht alle Hersteller sind davon überzeugt, dass Lidar der technologisch korrekte Weg für das autonome Fahren ist. Der Einsatz von rein optischen Sensoren und das Errechnen von Abstand und Geschwindigkeit durch leistungsstarke Halbleiter und Algorithmen gilt als Alternative.

Noch im Dezember hatte es einen öffentlichen Schlagabtausch zwischen dem Tesla-Gründer Elon Musk und dem Gründer des chinesischen E-Auto-Herstellers Xpeng, He Xiaopeng, gegeben, in dessen Zentrum die Lidar-Technologie stand. Elon Musk hatte die Technologie in der Vergangenheit als „vergebliche Liebesmühe“ (a fool´s errand) bezeichnet, weil sie zu teuer sei.

He Xiaopeng hatte damals gerade angekündigt, noch im Jahr 2021 ein serienmäßig mit Lidar ausgerüstetes Auto auf den Markt zu bringen. Elon Musk machte sich auf Twitter darüber lustig. Der Chinese schoss zurück. „Beginnend im nächsten Jahr, beim autonomen Fahren in China, musst du darauf vorbereitet sein, von uns geschlagen zu werden“, hatte He auf dem Twitter-ähnlichen Dienst Weibo geantwortet.

Chinesische Hersteller setzen auf Lidar-Technik

Der chinesische Autohersteller Nio hat seither auch angekündigt, sein Luxus-E-Auto ET7, das im ersten Quartal 2022 ausgeliefert werden soll, werde serienmäßig mit einem „Hochpräzisions-Lidar“ ausgerüstet sein. Und der chinesische Telekomausrüster Huawei hat ebenfalls ein „96-Line-Lidar“ entwickelt. Der chinesische Autohersteller BAIC New Energy ließ wissen, dieses Huawei-Lidar schon bald in seinen E-Autos verbauen zu wollen.

Gleichzeitig haben chinesische Automobilhersteller in diesem Jahr damit begonnen, Modelle mit Autopiloten der Stufe L3 anzukündigen. Dabei treffen die Fahrerassistenz-Systeme erstmals autonome Entscheidungen im Straßenverkehr, auch wenn noch immer die Anwesenheit eines Fahrers verlangt wird – der die künstliche Intelligenz im Notfall „überstimmen“ und schnell am Steuer eingreifen kann.

Kein autonomes Fahren mit nur einem System

Weder Lidar noch andere Systeme gelten momentan als völlig ausgereift, um für sich allein ein sicheres, weitgehend fahrerloses Fahren der Stufen L3 oder höher zu ermöglichen. In China zumindest scheint sich aber nun ein Konsens in der Frage herauszubilden, ob „autonomes Fahren höherer Stufen Lidar brauche oder nicht – und die Antwort ist affirmativ“, zitiert die Autozeitung den Innovusion-CEO Bao Junwei. Die Installation der Lidar-Technologie stehe in China gerade vor einem großen Durchbruch, schreibt das Blatt.

Über den Autor

*Henrik Bork, langjähriger China-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau, ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

(ID:47342022)