Elektromobilität Stuttgart testet Elektro-Lkw

Autor / Redakteur: Wolfgang Pester / Jens Scheiner

Stuttgart und das Logistikunternehmen Hermes erproben in einem Flottentest den Einsatz von batteriebetriebenen Sechstonner-Lkw im Betriebsalltag.

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In Stuttgart fahren in den nächsten zwölf Monaten vier Fuso Sechstonner-Lkw mit rein elektrischem Antrieb. Zwei der Canter E-Cell mit Kipperaufbau und einer Nutzlast von 2,5 Tonnen werden im städtischen Landschaftsbaubetrieb eingesetzt
In Stuttgart fahren in den nächsten zwölf Monaten vier Fuso Sechstonner-Lkw mit rein elektrischem Antrieb. Zwei der Canter E-Cell mit Kipperaufbau und einer Nutzlast von 2,5 Tonnen werden im städtischen Landschaftsbaubetrieb eingesetzt
(Foto: Daimler)

Die Daimler-Trucks-Marke Fuso überließ der baden-württembergischen Landeshauptstadt vier Canter E-Cell und Hermes einen E-Lkw. Stuttgart erhielt zwei Fahrzeuge mit Kipperaufbau, die im Landschaftsbau eingesetzt werden und zwei mit Kofferaufbau, die für städtische Möbeltransporte und die Abfallbeseitigung vorgesehen sind. Den Canter E-Cell mit Kofferaufbau setzt Hermes für die Paketlieferung im städtischen Verkehr ein. Der Flottentest erstreckt sich über zwölf Monate, wobei die Autos kostenlos den Testpartnern überlassen werden und das Daimler-Fuso-Projektteam die ermittelten Daten und die gewonnenen Erkenntnisse erhält.

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Marktstart der Elektro-Lkw in einigen wenigen Jahren

„Die Zukunft des urbanen Transports ist die Elektromobilität“, so Dr. Wolfgang Bernhard, Vorstandsmitglied der Daimler AG, verantwortlich für Daimler Trucks & Daimler Buses. Mit ihrem CO2-freien und geräuschlosen Fahren bringt sie auch mehr Lebensqualität. „Heute legen die Lkw im städtischen Einsatz weniger als 100 km zurück, das ist mit einem reinen Batterie-Lkw machbar“, so Bernhard. Zwar gehe bei den Batterien der Energieinhalt nach oben und die Kosten nach unten - in fünf Jahren sank der Preis um Dreiviertel, doch insgesamt ist der E-Lkw für den Stadtverkehr noch zu teuer. Bernhard rechnet „in einigen wenigen Jahren“ mit dem Marktstart, „wenn wir absehen können, wo ein kommerzieller Einsatz im Verteilerverkehr möglich und bezahlbar ist“. „Der E-Lkw wird natürlich nicht den Preis eines Diesel-Fahrzeugs erreichen, jedoch über die geringeren Betriebskosten die Differenz bei der Anschaffung amortisieren“, so der Daimler-Vorstand.

Erster erfolgreicher Flottentest in Portugal

Im Flottentest mit rein elektrischen Canter sammelte Fuso 2014/2015 erste Erfahrungen in Portugal, wo die Canter im Werk Tramagal produziert werden. Bei diesem Flotteneinsatz mit acht Fahrzeugen schnitt der Canter E-Cell laut Hersteller sehr erfolgreich ab. Das Laden der Batterien dauerte am 230-Volt-Anschluss mit 32 Ampere rund sieben Stunden und am Schnellladesystem mit 390 Volt Wechselstrom und 100 Ampere sank die Zeit auf eine Stunde. Die Ergebnisse dieses einjährigen Praxistests zeigen laut Fuso, dass sich die Fahrzeuge für den täglichen Einsatz im Kurzstrecken-Lieferverkehr und innerstädtischen Transport bewährt haben. Mit Reichweiten von mehr als 100 km übertrafen die Canter E-Cell die durchschnittliche Distanz, die viele für den leichten Verteilerverkehr eingesetzte Lkw pro Tag zurücklegen. Auf Basis der aktuellen Kosten für Diesel und Strom in Portugal ergaben sich außerdem Einsparungen bei den Betriebskosten bis zu 64 Prozent im Vergleich zu einem konventionellen Diesel-Lkw.

Canter E-Cell sparte 1.000 Euro auf 10.000 Kilometer

„Der Canter E-Cell wird im deutschen Flottentest die Ergebnisse von Portugal bestätigen“, erklärt Marc Llistosella, Präsident und CEO der Mitsubishi Fuso Truck and Bus Corporation (MFTBC) und Leiter von Daimler Trucks Asia. „Auch wenn wir in Deutschland auf andere klimatische Verhältnisse treffen und die Stadt Stuttgart durch ihre Kessellage eine topografische Herausforderung darstellt.“ Im Portugal-Test erzielte er im Vergleich zum Diesel-Lkw auf 10.000 km Einsparungen von rund 1.000 Euro.

Elektro-Sechstonner mit fast drei Tonnen Tragfähigkeit

Der Fuso Canter E-Cell unterscheidet sich äußerlich von seinen diesel- oder dieselelektrisch-betriebenen Brüdern nur durch die Batteriepakete, die an beiden Rahmenseiten montiert sind. Die vier Lithium-Ionen-Akkus mit zusammen 48 kWh Energieinhalt wiegen insgesamt 600 kg. Anstelle des 3,0-Liter-Dieselmotor arbeitet hinter der unveränderten Canter-Kabine ein Elektroantriebsstrang. Sein Permanent-Magnet-Motor treibt direkt die Hinterachse an. Der Fahrgestellrahmen für normal 7,5 Tonnen Gesamtgewicht wurde abgelastet und auf sechs Tonnen zugelassen. Der Canter E-Cell hat einen Radstand 3,4 Meter und bietet Platz für Aufbauten bis fünf Meter Länge. Die Tragfähigkeit des Fahrgestells ohne Aufbauten beträgt gut drei Tonnen. Die Stuttgarter Fahrzeuge mit Kipper- und Kofferaufbau haben eine Nutzlast 2,5 Tonnen bzw. 2,8 Tonnen, der Nutzfahrzeug-Stromer im Paketdienst bei Hermes kann 2,4 Tonnen zuladen.

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E-Lkw beim Start fast so flott wie ein Pkw

Der 110 kW/150 PS leistende Elektromotor des amerikanischen Herstellers UQM Technologies hat maximalem Drehmoment von 650 Nm, die vom Start an zur Verfügung stehen und den Sechstonner fast wie einen Pkw beschleunigen lassen. Während der Fahrt wird das Drehmoment auf 400 Nm begrenzt, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Die Höchstgeschwindigkeit des Canter E-Cell ist gleich allen Fahrzeugen dieser Gewichtsklasse auf 90 km/h limitiert. Der Fahrer startet den Canter E-Cell durch einen Dreh mit dem „Zündschlüssel“. Wie bei einem Wandler-Automatikgetriebe wählt der Fahrer die Fahrstufe Drive, Rückwärts, Neutral, oder Parken. Geht er vom Gaspedal, schaltet die Elektronik auf Rekuperation, deren Stärke sich in zwei Stufen am rechten Lenkstockhebel wählen lässt. Dann wird der E-Motor zum Generator und speist die beim Rollen erzeugte Motorbremsenergie zurück in die Batterien. Nutzt der Fahrer die Rekuperation regelmäßig, schafft er mit dem Canter E-Cell mehr als 100 km Reichweite mit einer „Tankfüllung“.

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Bündnis 90/Die Grünen) gab sich anlässlich der Schlüsselübergabe gespannt auf den Einsatz der vier E-Lkw im städtischen Fuhrpark, ob das Zwischenladen in der Mittagspause klappt und die nötige tägliche Reichweite erzielt wird. „Wir haben eine Änderung bei unserem Fuhrpark beschlossen. Jedes neue Auto, das die Stadt anschafft, wird ein E-Mobil sein. Das halte ich für ein sehr starkes Signal“, so der Oberbürgermeister. Und da der Erzeugermix von Strom noch stark CO2-belastet sei, werde Stuttgart für die elektrifizierten Fahrzeuge ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien einsetzen. Kuhn: „Wir werden die Fahrzeuge im Flottentest intensiv nutzen und freuen uns, wenn wir eines Tages die Elektroautos kaufen können.“

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