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4. Kompetenztreffen Elektromobilität Total normal

| Autor / Redakteur: Axel de Schmidt / Bernd Otterbach

Das erste Stimmungshoch um die Zukunft der Elektromobilität ist verflogen. Auf der Kölner „Elektromobilia“ machte die Euphorie einem pragmatischen Realismus Platz.

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Erstmals unter negativen Vorzeichen stand die diesjährige Kongressmesse „Elektromobilia“, die vom 22.- 23. Februar auf dem Kölner Messegelände stattfand. Kurzfristig drückten Pressemeldungen auf die Stimmung der 800 Teilnehmer, wonach die vorgesehene Förderung der Elektromobilität aus öffentlichen Mitteln erheblich geringer ausfallen könnte, als bisher vorgesehen. Danach sollen von der im „Regierungsprogramm Elektromobilität“ für die Jahre 2012 und 2013 vorgesehenen einen Milliarde Euro bis zu 400 Mio. Euro fehlen. Ob auf dieser Grundlage die Förderung von drei bis fünf „Schaufenstern Elektromobilität“ im geplanten Rahmen von 180 Mio. Euro stattfinden kann, steht zumindest infrage.

Für die Veranstalter der „Elektromobilia“, den Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) und die Koelnmesse GmbH, geriet damit zumindest der strukturpolitische Ansatz, die Region Rhein-Ruhr als eine der führenden Modellregionen für eines der förderungswürdigen Schaufenster für Elektromobilität zu empfehlen, in ein neues Licht. Allerdings bekräftigte Harry K. Voigtsberger, Minister für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, das ambitionierte Ziel, bis zum Jahr 2020 über 250.000 Elektrofahrzeuge allein in NRW auf die Straße zu bringen. Darüber hinaus sollen Kompetenzzentren für die Bereiche Speichertechnologie, Infrastruktur und Fahrzeugbau entstehen.

Friedhelm Loh, Präsident des ZVEI und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group, forderte die Bundesregierung auf, die Unterstützung in der geplanten Größenordnung „jetzt auch faktisch bereitzustellen“. Grundsätzlich stand die langfristige Förderungswürdigkeit der Elektromobilität bei den Teilnehmern und Referenten der zweitägigen Veranstaltung nicht ernsthaft infrage. Schließlich seien gerade die Schaufenster „ein Riesenerfolg“, sagte Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung des ZVEI, im Rahmen einer Podiumsrunde. Prof. Dr. Herbert Kohler, Leiter e-drive & Future Mobility, Daimler AG, lobte die „sehr ausgewogene Förderlandschaft“. Auch die Normungs-Roadmap, die Deutschland „sehr dringend“ brauche, komme derzeit gut voran.

Noch in der Explorationsphase

Zahlreiche Referenten dämpften die hohen Erwartungen in schnelle technologische Fortschritte und verwiesen auf die ebenfalls lange Historie der thermischen Antriebe. Die Elektromobilität sei „immer noch nicht voll verstanden“, betonte Enno Fuchs, Direktor Elektromobilität bei Opel. Alle Hersteller steckten in dem Dilemma, umso innovativer die Fahrzeugtechnologien seien, desto kostenintensiver würden diese. Dieses Dilemma sei zu lösen, „sonst werden wir Elektromobilität als Massenphänomen nicht sehen“, so Fuchs.

„In einer sehr explorativen Phase“, sieht Dr. Stefan Kampmann, Mitglied des Bereichsvorstands Gasoline Systems, Elektrofahrzeug- und Hybridsysteme, Robert Bosch GmbH, die Elektromobilität. In mittelfristiger Perspektive solle der Fokus nicht auf der Zahl der Elektrofahrzeuge liegen, sondern darauf, wie viele Kilometer tatsächlich elektrisch gefahren werden. Für diesen Zeitraum sei der PHEV (Plug-in Hybrid) die richtige Lösung, der auf einer vorhandenen Fahrzeugarchitektur basiere. Der eigentliche ökonomische Schlüssel für die Einführung der Elektromobilität liege allerdings in der Batterie, so Kampmann. Bis zum Jahr 2020 erwartet Bosch eine Reduktion der Batteriekosten auf die Hälfte des heutigen Niveaus. Das Batteriegewicht soll sich von heute durchschnittlich 300 kg auf 120 kg verringern.

Batterietechnik im Fokus

Das Thema Batterietechnik und Ladeinfrastruktur nahm einen breiten Raum der Veranstaltung ein. Grundsätzlich sei der „direkte Weg in die Batterietechnologie ohne Zwischenlösung mit Wasserstoff der Richtige“, sagte Prof. Dr. Burkhard Göschel, CTO Magna International. Der frühere BMW-Vorstand betonte allerdings den Erfolgsfaktor Emotionalität: „Wenn wir durch die Einbindung der Elektrofahrzeuge in die Infrastruktursysteme die Bewegungsfreiheit einschränken, werden wir keine Kaufanreize haben“.

Stefan Suckow, Managing Director Johnson Controls (JC), sieht die Lithium-Ionen-Technologie als „Enabler“ und verwies auf die bereits erkennbaren Grenzen. Die heute übliche Energiedichte von 120 Wh/kg lasse sich maximal auf 240 Wh/kg erhöhen. Potential sieht er in offenen Batteriesystemen, die beispielsweise Sauerstoff aus der Luft erst während der Fahrt aufnehmen.

Induktives Laden

Auch Daimler-Manager Kohler äußerte Zweifel, „ob wir jemals Energiedichten über 200 Watt realisieren können“. Grundsätzlich sei in der Batterietechnik alles „willkommen, was kundenfreundlich wirkt“. Daher sei das induktive Laden zwar noch „Zukunftsmusik“, habe aber „eine tolle Perspektive“. Der Stuttgarter Konzern kümmere sich daher „intensive darum“.

Die Netzbetreiber bevorzugen allerdings das Normalladen gegenüber dem Schnellladen. Dr. Norbert Verweyen, Geschäftsführer RWE Effizienz GmbH, räumte in Köln zudem mit der „Mär“ auf, dass die Technik zum induktiven Laden praktisch „in der Erde verschwindet“. Viel wichtiger sei die grenzüberschreitende Interoperabilität, die „weltweit einheitliche Standards für die Ladeinfrastruktur mit eindeutigen Schnittstellendefinitionen“ erfordert.

Keine Angst vor China

Keine Sorgen macht den Experten der Wettbewerb aus Fernost. Nach einem „Hype um das Thema E-Mobility vor etwa drei Jahren“ sei es auch in China „ruhiger geworden“, stellte Andreas Matthé fest, nach eigener sechsjähriger Praxiserfahrung in China heute CEO der BU Low Voltage der Siemens Division Low and Medium Voltage. Inzwischen hätten die „Chinesen auch erkannt, wo sie wirklich stehen“. Stefan Suckow, JC, zeigte sich ebenfalls wenig besorgt. China habe auch im Batteriebereich „keinen Riesenvorsprung“. Allerdings verfüge China beim Aufbau der Ladeinfrastruktur über den strukturellen Vorteil, zumindest in den noch geringer entwickelten Regionen ohne aufwendige Umbauten direkt das nötige Equipment für Elektrofahrzeuge implementieren zu können, sagte Peter Gresch, Geschäftsführer Entwicklung der Brose Fahrzeugteile GmbH & Co. KG.

Dr. Ulrich Eichhorn, Geschäftsführer Technik und Umwelt des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), empfahl die Übertragung bewährter Erfolgsrezepte der deutschen Automobilindustrie: „Wir sind auch deshalb so erfolgreich, weil wir alles in der Tiefe durchdringen. Das wollen wir in der Elektromobilität genauso machen.“ Ob dabei allerdings die Strategie des „First Mover“ oder „Fast Follower“ den größeren Erfolg verspricht, blieb offen: „Da muss jeder seine eigene Strategie entwickeln. In unserer Industrie ist das total normal“.

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