60 Jahre Automobil Industrie Über 100 Jahre Hella: Einleuchtende Innovationen

Redakteur: Thomas Günnel

Kaum einem anderen Automobilzulieferer gelang es in den letzten 116 Jahren, so markant die Technik, das Fahrzeuggesicht und die Sicherheit gleichermaßen zu prägen wie Hella. Von der Laterne bis zum hochentwickelten LED-Scheinwerfer – eine Zeitreise durch die Geschichte.

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Kaum ein anderer Automobilzulieferer hat so markant die Technik, das Fahrzeuggesicht und die Sicherheit geprägt wie Hella. Von der Laterne bis zum hochentwickelten LED-Scheinwerfer – eine Zeitreise durch 116 Jahre Unternehmensgeschichte.
Kaum ein anderer Automobilzulieferer hat so markant die Technik, das Fahrzeuggesicht und die Sicherheit geprägt wie Hella. Von der Laterne bis zum hochentwickelten LED-Scheinwerfer – eine Zeitreise durch 116 Jahre Unternehmensgeschichte.
(Bild: Hella)

Kreative Menschen werfen ihre Schatten in aufstrebenden Unternehmen weit voraus. So auch bei dem heute global aufgestellten Automobilzulieferer Hella, dessen Gründung auf das Jahr 1895 zurückgeht. Der deutsche Unternehmer Sally Windmüller übernahm damals die Laternenfabrik Cöppius-Schulte-Röttger und gründete damit sein eigenes Unternehmen: die H. Windmüller Wwe am Standort Lippstadt. Offiziell beginnt jedoch die langjährige Geschichte des Familienunternehmens erst vier Jahre später, als Windmüller die Westfälische-Metall-Industrie Aktiengesellschaft (WMI) am 11. Juni 1899 in das Geschäftsregister der Stadt Lippstadt eintragen ließ. Zu den ersten Produkten gehörten Kerzenlaternen sowie Petroleum- und Acetylengas-Seitenlaternen für Autos.

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Der Acetylenscheinwerfer „System Hella“

Die erste Produktinnovation des jungen Unternehmens war der Acetylenscheinwerfer „System Hella“ – erst viele Jahre danach sollte Hella auch als Unternehmensname verwendet werden, doch dazu später. Im Jahr 1908 vorgestellt, besaß der „System Hella“-Scheinwerfer eine plankonvexe Linse, die sich hinter dem Brenner befand. Ihre konvexe Fläche war mit Silbermetall hinterlegt, sodass sie das auftreffende Licht reflektierte. Gegenüber Metallreflektoren konnte die Linse durch den notwendigen Schleifvorgang wesentlich präziser angelegt werden. Im Vergleich zu herkömmlichen Kerzen oder Petroleumlaternen war die Leuchtkraft um das Fünfzigfache heller.

Neben der Lichtausstattung lieferte die WMI auch Ballhupen, Sirenen, Beschläge, Schlösser, Peitschenhalter, Griffe und weitere Accessoires. Zusätzlich zum Standort Deutschland besaß die WMI in dieser Zeit bereits Filialen in London, Paris, Wien, Barcelona, Mailand und New York. Die Expansion schlug sich markant in den Geschäftszahlen nieder. Während der Umsatz im Jahr 1911/12 ganze 1,8 Millionen Mark betrug, konnte die WMI zwei Jahre später schon 2,5 Millionen Mark umsetzen.

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Das Unternehmen

Gegründet im Jahr 1899 als H. Windmüller Wwe (WMI) wurde der Automobilzulieferer 1986 zur Hella KG Hueck & Co. umfirmiert.

Das Portfolio ist in drei Geschäftssegmente unterteilt: Automotive (Licht und Elektronik), Aftermarket sowie Special Applications (Spezielle Erstausrüstung und Industrieanwendungen).

Der Hella-Konzern besitzt heute über 100 Standorte in mehr als 35 Ländern. Im Geschäftsjahr 2014/15 betrug der Konzernumsatz 5,8 Milliarden Euro. Weltweit beschäftigt das Familienunternehmen heute rund 32.000 Mitarbeiter; 6.000 davon arbeiten in der Forschung & Entwicklung.

Entwicklung der Biluxlampe

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte die WMI im Jahr 1924 den ersten Scheinwerfer mit Biluxlampen. Die Zweifadenlampen ermöglichten es den Entwicklern, erstmalig Abblend- und Fernlicht aus einer Lampe zu erzeugen. Für das Fernlicht nutzt der Reflektor das Licht der einen Glühwendel; das Licht der zweiten wurde durch eine Kappe teilweise abgeschirmt und vom oberen Teil des Reflektors auf die Straße gelenkt: Entgegenkommende Fahrer wurden nicht geblendet – ein Prinzip, das bis heute bei modernen Halogen-Zweifadenlampen verwendet wird.

Exklusivvertrag mit Ford Köln

Den wohl wichtigsten Grundstein für die heutige Hella KGaA Hueck & Co. legten ab 1923 und 1926 die beiden Unternehmer Oskar Eduard Hueck und Dr. Wilhelm Röpke. Mit der Übernahme der WMI im Jahr 1923 sorgte Hueck für geordnete Managementverhältnisse in einer wirtschaftlich unruhigen Zeit. Die massive Geldentwertung der Nachkriegsjahre führte zu Absatz- und Umsatzeinbrüchen, zwischenzeitlichen Werkschließungen und Entlassungen. Erst nach staatlichen Eingriffen 1933 und einer neuen Straßenverkehrsordnung besserte sich auch für die WMI die wirtschaftliche Lage.

Mit dem Vorläufer des VW Käfers im Jahr 1935 kam Schwung in die automobile Produktion in Lippstadt. Das Unternehmen lieferte Scheinwerfer, Leuchten, Signalhörner und Winker. Damit platzierte es sich als wichtiger langfristiger Partner des späteren Volkswagen-Konzerns. Ein Exklusivvertrag mit Ford Köln sicherte ab 1936 zudem die Produktion von Scheinwerfern, Hörnern und Zubehörteilen und beförderte den US-Automobilhersteller mit deutscher Produktion innerhalb kürzester Zeit auf Platz eins der WMI-Umsatzstatistik. Die damaligen Automobilhersteller Noris und Auto Union (heute Audi) folgten auf den Plätzen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1938 fertigte der Zulieferer neben zivilen auch militärische Ausrüstungsgegenstände.

Vom Käfer gerettet

Wie schon ihre Väter standen auch die Söhne Dr. Arnold Hueck und Reinhard Röpke mit ihren Einstiegen Anfang der fünfziger Jahre in das Unternehmen für den Neuanfang der WMI. Mit den Scheinwerfern und Rückleuchten des VW Käfers konnte sich das Unternehmen wieder in die Gewinnzone manövrieren. So entfielen bereits 1950 nahezu 55 Prozent des Umsatzes auf automobile Produkte – Tendenz weiter steigend. Die Wirtschaftswunderjahre der frühen fünfziger und sechziger Jahre standen bei dem Leuchtenspezialisten für eine Reihe an Neuentwicklungen.

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Kunststoffe verdrängen Glas

Thermoplastische Kunststoffe zogen ab 1950 in die Großserienproduktion ein. Die WMI richtete einen eigenen Produktionsbereich für die Kunststoffverarbeitung ein, in dem die Abdeckscheiben der Zusatz- und Kleinleuchten mit präzisen, optisch wirksamen Profilen versehen wurden. Ab 1956 wurde Glas auch bei den Rückstrahlern abgeschafft, was den Automobildesignern bessere Gestaltungsmöglichkeiten lieferte. Bis heute ist die eigene Kunststoffverarbeitung für Hella ein bedeutender Eckpfeiler des Unternehmens. Neben technischen Revolutionen wie der Entwicklung des asymmetrischen Abblendlichts, das für eine bessere Ausleuchtung der eigenen Fahrbahnhälfte sorgte, konnte die WMI auch die Designer begeistern. Die Kunststoffstreuscheiben ermöglichten plötzlich eckige Scheinwerfer wie beim Ford Taunus. Darüber hinaus bauten die Lippstädter auch Lenkstockschalter und Knickspannungsgeber zur Steuerung des Scheibenwischers.

Übernahmen und neue Werke

Während schon in den zwanziger Jahren das Fließband in die Produktion eingezogen war, sollte die Großserienproduktion vor allem in der Nachkriegszeit den Hunger nach neuen Produkten in Rekordzeit stillen. Der Fortschritt und die aufstrebende Wirtschaft führten neben Werkserweiterungen in Lippstadt auch zu Übernahmen und neuen Werken. So folgten Fabriken in Todtnau/Schwarzwald, Paderborn und Hamm-Bockum-Hövel. Im Jahr 1961 baute die WMI ihren ersten Auslandsstandort neben dem neuen Volkswagenwerk in Australien auf.

Mit der Entwicklung des Halogenlichts und Zulassung des ersten H4-Scheinwerfers im Jahr 1971 für den VW Käfer gelang dem Automobilzulieferer ein bedeutender Schritt zum heutigen Weltkonzern. Je mehr Lichtleistung gefragt war, desto größer mussten die Scheinwerfer in der Regel werden – bis die Automobildesigner wieder kleinere forderten. So gelang 1983 mit der Entwicklung des DE-Scheinwerfers eine Technik nach dem Prinzip eines Diaprojektors und mit doppelter Lichtausbeute. 1988 folgte mit der FF-Technik ein weiterer Entwicklungsschritt der Halogentechnik. Eine optimierte Reflektorauslegung ermöglichte kleinere Scheinwerfer mit nochmals erhöhter Lichtleistung. Opel nutzte diese Technik im Coupé Calibra.

Aus WMI wird Hella

Unternehmerisch machte der Automobilzulieferer am 1. Juni 1986 von sich reden: Mit der Umfirmierung zur Hella KG Hueck & Co. wurde aus der langjährigen Produktmarke Hella auch der neue Unternehmensname. Doch noch davor wurde das Halogenlicht überholt: 1992 führte Hella in der BMW-Oberklasse die Gasentladungslampe – bekannter als Xenonlampe – ein. Im Vergleich zur bislang verwendeten Halogentechnik überzeugte Xenon mit weißerem Licht und einer deutlich besser ausgeleuchteten Fahrbahn. Nebenbei waren die Xenon-Glaskolben kleiner als die H4-Halogenlampen und benötigten weniger Bauraum.

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„Mit der Xenon-Technologie erfolgte der Einzug der Elektronik in die Scheinwerfer bei Hella. Heute sprechen wir über einen hohen Anteil elektronischer Komponenten – das war damals der Anfang“, erklärt Michael Kleinkes, Leiter der Entwicklung Lichttechnik bei Hella. Neben der Lichtstärke stellte der Leuchtenspezialist eine dynamische Leuchtweitenregulierung vor – die unabhängig von der Beladung blendfreies Licht möglich machen sollte. Um dem Fahrer eine noch bessere und weitreichendere Sicht zu bieten, führte Hella 2003 das dynamische Kurvenlicht ein, bei dem die Lichtmodule je nach Lenkwinkel in die Kurven schwenken. 2006 folgte das Adaptive Frontlighting System (AFS): Das VarioX-Modul machte es möglich, die Lichtverteilung der Scheinwerfer der gefahrenen Geschwindigkeit und dem Lenkeinschlag anzupassen – ein Novum auf dem Markt.

Scheinwerfersystem mit Kamerasensor

Die Motivation zum nochmals perfektionierten Scheinwerfer wird besonders bei einer Entwicklung im Jahr 2009 deutlich: Für eine blendfreie Lichtverteilung wurde erstmals ein Scheinwerfersystem mit einer Kamera als Sensor entwickelt. Bei der so erzeugten adaptiven Hell-Dunkel-Grenze (aHDG) kann der Lichtkegel der eigenen Scheinwerfer so gesteuert werden, dass er jeweils vor den vorausfahrenden und entgegenkommenden Fahrzeugen endet. Noch einen Schritt weiter geht dabei nur noch das blendfreie Fernlicht. Hierbei werden aus der Fernlichtverteilung automatisch diejenigen Bereiche des Verkehrsraums ausgeblendet, die andere Verkehrsteilnehmer blenden könnten.

Fast 20 Jahre lang gehörte Xenon in der Lichttechnik zum Nonplusultra. Umweltaspekte, eine begrenzte Lichtausbeute und Grenzen bei Design und Bauraum schafften Platz für eine weitere Neuentwicklung: LED. Die Light Emitting Diode oder zu deutsch Leuchtdiode gab es schon früher. In den neunziger Jahren etablierten sich hochgesetzte Bremsleuchten in Pkw mit den sparsamen und schnell schaltenden LEDs.

LED startet in der Oberklasse

Bis zum Durchbruch der Technik für Frontscheinwerfer sollte es aber noch bis zum Jahr 2004 dauern. Der Automobilhersteller Audi stellte das LED-Tagfahrlicht erstmals in der Oberklasselimousine A8 vor. Nochmals vier Jahre dauerte es, bis Hella im Cadillac Escalade einen der ersten Voll-LED-Scheinwerfer präsentierte, der sowohl beim Abblend- als auch Fernlicht komplett auf Leuchtdioden setzte. Wie in der Automobilindustrie üblich, finden sich bahnbrechende Neuentwicklungen zuerst in der automobilen Oberklasse wieder. Kosten und Stückzahlen lassen anfangs zumeist keine Großserienproduktion zu. Doch die Entwicklung der LED verläuft schneller als Xenon oder Halogen in den Jahrzehnten zuvor. 2013 stattete Mercedes die E-Klasse serienmäßig schon ab dem Basismodell mit LED-Scheinwerfern von Hella aus – eine Neuheit auf dem Markt.

Nahe am Tageslicht

Im Vergleich zu Halogen (2.800) und Xenon (4.200) besitzt die LED mit 5.500 Kelvin die höchste aktuell verfügbare Farbtemperatur. Die Einheit Kelvin, tatsächlich eine Temperatureinheit, beschreibt die Lichtfarbe. Zum Verständnis: Die Sonne leuchtet mit 6.000 Kelvin; die LED ist also nahezu identisch zum Tageslicht. Zudem spricht der geringe Strombedarf für die Leuchtdiode: Während Halogen noch rund 55 Watt pro Glühlampe benötigte, waren es bei Xenon nur noch 35 Watt. Bei den heutigen LEDs ist der Verbrauch auf nur noch 20 Watt gefallen – bei vergleichbarer Lichtausbeute. Für die Spezialisten aus Lippstadt eine gute Gelegenheit, den gestiegenen Energieanforderungen der Automobilindustrie Rechnung zu tragen und gleichzeitig die Ansprüche nach Komfort und Sicherheit zu erfüllen.

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Dynamisch anpassbares Licht

Neben der Verbesserung der Lichtqualität durch neu entwickelte Lichtquellen ist auch der Funktionsumfang in Scheinwerfern kontinuierlich gestiegen. Wurde die Fahrbahn früher nur statisch ausgeleuchtet, setzen neue Systeme auf dynamisches, jetzt an unterschiedliche Situationen anpassbares Licht. „Im Stand erfolgt eine breite Ausleuchtung zu beiden Seiten hin, ohne dass die Reichweite von Belang wäre. Ebenso wird beim Stadtlicht eine sehr breite Lichtverteilung realisiert. Außerorts auf der Landstraße ist dagegen eine hohe Reichweite gefordert, zusätzlich werden aber auch die Bereiche links und rechts neben der Fahrbahn stärker ausgeleuchtet, um Fußgänger, Radfahrer oder Wild schneller erkennen zu können. Bei der Fahrt auf der Autobahn besitzen wir eine erhöhte Lichtreichweite auf beiden Fahrspuren“, erklärt Kleinkes.

Blendfreies Fernlicht

Einen wesentlichen Schritt in Richtung des automatisierten Fahrens stellt das blendfreie Fernlicht von Hella dar, welches das Unternehmen erstmalig 2010 in Serie brachte. Dabei ist der Fahrer mit permanent eingeschaltetem Fernlicht unterwegs. Erkennt das System, bestehend aus einer Frontkamera, Software und Scheinwerfern, andere Verkehrsteilnehmer, dunkelt es diese Bereiche der Lichtverteilung innerhalb von Sekundenbruchteilen ab. Dies gilt auch, wenn mehrere Fahrzeuge gleichzeitig im Erfassungsbereich der Scheinwerfer liegen. Tagfahrlicht, Abblendlicht, Fernlicht, Nebelleuchten, Kennzeichenleuchten und Kurvenlicht profitieren nicht nur vom geringen Stromverbrauch; sie geben auch Designern deutlich mehr Gestaltungsfreiräume an die Hand.

Designmerkmal Ambientebeleuchtung

Mit der LED-Technik gehört heute auch die Ambientebeleuchtung der Innenräume zum beliebten Designmerkmal. Mit unterschiedlichen Farben und diversen Formen in Mittelkonsole, Türverkleidungen, Dachhimmel oder Innenraumbeleuchtung dient sie sowohl der Helligkeit als auch der Markenbildung sowie der Abgrenzung vom Wettbewerb. Was vor 116 Jahren als Beleuchtung für Kutschen und die ersten Autos begann, hat sich über viele Jahre zum Erkennungsmerkmal der Marken und zum Sicherheitsfaktor Nummer eins entwickelt. Für den Automobilzulieferer Hella Grund genug, auch weiterhin intensiv die Forschung und Entwicklung nach der perfekten Technik voranzutreiben und auch künftig führender Lieferant einleuchtender Innovationen zu bleiben.

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