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Tedrive Unter neuer Flagge

| Redakteur: Claus-Peter Köth

Wir haben begonnen wie ein Start-up-Unternehmen: Vom Briefpapier bis zur IT-Infrastruktur mussten wir alles neu aufbauen“, beschreibt Präsident und Chief Financial Officer (CFO) Tom

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Wir haben begonnen wie ein Start-up-Unternehmen: Vom Briefpapier bis zur IT-Infrastruktur mussten wir alles neu aufbauen“, beschreibt Präsident und Chief Financial Officer (CFO) Tom Schultz den Start der Tedrive Holding B.V. Diese nahm am 30.April 2007 offiziell ihre Tätigkeit auf und fasst vier Standorte des einstigen Chassis-Geschäftes von Visteon zusammen.

Im Gegensatz zu den typischen Start-up-Unternehmen konnte Tedrive bereits von Beginn an auf ein gesundes Auftragspolster und moderne Fertigungskapazitäten zurückgreifen. An den vier Produktionsstätten in Düren (Antriebswellen und Differenziale), Wülfrath (Lenkungen), Praszka/ Polen (Antriebswellen und andere Komponenten) und Cumbica bei Sao Paulo/Brasilien (Antriebswellen und Lenkungen) sind rund 2 600 Mitarbeiter beschäftigt, die im vergangenen Geschäftsjahr einen Proforma-Umsatz von 480 Millionen Euro erzielten. Mit diesen Zahlen kann Tedrive im Konzert der Wettbewerber gut mitspielen (siehe Grafiken auf Seite 36). Und es gibt noch ausreichend Wachstumspotenzial.

Neuer Eigentümer der Standorte und Gründer von Tedrive ist der Fonds „Special Situations Venture Partners II“, kurz SSVP II, der von der Orlando Management GmbH in München beraten wird. Auch wenn der Fonds-Name etwas wolkig klingt, hat er in der Industrie und der Finanzwelt einen sehr guten Ruf. „SSVP konzentriert sich auf Unternehmensteile, die nicht zum Kerngeschäft gehören, aber viel Potenzial bieten“, betont Schultz.

Dass SSVP und Orlando dabei langfristig denken, haben sie schon bei der Saargummi bewiesen. Der Zulieferer gehört heute bei Türdichtungen zu Europas Nummer zwei. „Unsere Eigentümer denken in längeren Zeiträumen. SSVP II wurde im November 2006 für zwölf Jahre aufgelegt und wir rechnen damit, dass Tedrive mindestens sieben Jahre, wenn nicht die vollen zwölf Jahre im Portfolio bleibt“, ergänzt Schultz.

Jedes Werk von Tedrive ist in einer eigenen GmbH organisiert. Tom Schultz, der zuvor kaufmännischer Geschäftsführer der Visteon Deutschland GmbH war: „Die dezentrale Struktur macht deutlich, dass wir mit geringem ,Overhead‘ arbeiten und die einzelnen Mitarbeiter vor Ort mehr Verantwortung übernehmen.“

Die Auftragsbücher der Werke sind bis Ende 2011, Anfang 2012 gut gefüllt. „Jetzt geht es darum, die Nachfolgeaufträge zu sichern, um eine langfristige Wertsteigerung zu erzielen“, sagt Schultz. Dabei will der Zulieferer auch außerhalb von Ford wachsen. Einen ersten, wenn auch kleinen Auftrag konnte man zum Beispiel jüngst von DaimlerChrysler akquirieren.

Tedrive fertigt Lenkungen, Antriebswellen und Differenziale. Der Standort Wülfrath hat sich auf hydraulische Servolenkungen spezialisiert und mit dem Ganzstahlgehäuse ein Produkt entwickelt, das laut Thomas Schmidt, Geschäftsführer der Tedrive Steering GmbH in Wülfrath, deutliche Vorteile bietet: „Wir verwenden hier als Ausgangsbasis ein Präzisionsstahlrohr anstelle eines Alu-Gussteils. Dadurch können wir kompakter bauen und höhere Achslasten aufnehmen.“ Ferner erhöhe sich durch das steifere Stahlgehäuse die gefühlte Lenkungspräzision. Und weil die Befestigungspunkte einfach angeschweißt werden können, eignet sich die Konstruktion sehr gut für Plattformkonzepte. Im Ford Mondeo, im Galaxy und S-Max sowie bei Volvo und Land Rover kommt sie bereits zur Anwendung.

Nur drei Monate nach der Gründung hat Tedrive den ersten Zukauf getätigt, um dieses Konzept auszubauen: Mit dem Produktionsbereich Ganzstahlgehäuse der Schmitter Chassis GmbH in Drensteinfurth übernahm man die Gehäusefertigung – und sicherte sich einen Wettbewerbsvorsprung. Denn noch ist Tedrive der einzige Anbieter von Ganzstahlgehäusen für Lenkgetriebe. Thomas Schmidt: „Mittelfristig werden wir prüfen, ob wir die Produktionslinie einschließlich der Mitarbeiter nach Wülfrath überführen.“

Mit den vier Werken sieht sich Tedrive gut aufgestellt. In Europa besteht ein ausgeprägter Fertigungsverbund, bei dem arbeitsintensive Tätigkeiten in Polen erledigt werden. Für den Mini fertigt Tedrive zum Beispiel die Komponenten der Antriebswellen in Düren und montiert sie im polnischen Werk Praszka.

Künftig ist auch eine Komplettfertigung in Polen geplant, und sowohl in Praszka als auch in Cumbica/Brasilien sollen die Entwicklungsabteilungen ausgebaut werden. „Die Kunden wünschen zunehmend einen ,local content‘ in der Entwicklung“, erklärt Schultz. Darüber hinaus seien Osteuropa und Südamerika wichtige Wachstumsmärkte.

Vorrangig will Tedrive jedoch neue Kunden gewinnen. „Das stand in den Monaten vor der Neugründung nicht auf der Prioritätenliste. Aber unsere Ingenieure haben dennoch Neuentwicklungen vorangetrieben, die wir jetzt unseren Kunden vorstellen können“, sagt Schmidt.

Auch die Optimierung des Einkaufs hat Tedrive im Visier. Tom Schultz: „Die Materialkosten sind unser größter Kostenblock. Deshalb haben wir ein strategisches Team gegründet, das unter anderem den indischen Einkaufsmarkt untersucht.“ Zum Beispiel gebe es dort hervorragende Schmiedeteile zu einem attraktiven Preis.

Parallel sollen auch die beiden deutschen Werke Wachstum generieren – und das Vorurteil vom teuren Standort widerlegen. „In den vergangenen fünf Jahren sind wir in Wülfrath um durchschnittlich zwölf Prozent pro Jahr effizienter geworden – und haben obendrein den Verwaltungsaufwand verringert“, berichtet Schmidt.

Neben den Lenkgetrieben für Hydrauliklenkungen fertigt das Werk auch Lenkgehäuse, Zahnstangen, Ventile und Spurstangen. „Sie benötigen sehr viel Know-how, um Einzelkomponenten wie Servoventile so auszulegen, dass eine fahraktive Lenkung mit hervorragenden Kennwerten entsteht“, kommentiert Schmidt.

Die guten Noten, die die Automobiltester beispielsweise dem Ford Focus und dem neuen Ford Mondeo in dieser Hinsicht ausstellen, seien eine tolle Bestätigung für die geleistete Arbeit.

Gerald Scheffels

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