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Gastkommentar „Verbote für Verbrenner würden 42 Millionen Fahrzeuge betreffen“

| Autor / Redakteur: Andreas Radics* / Claus-Peter Köth

Ein in Deutschland auf das Jahr 2035 vorgezogenes Fahrverbot für Benziner und Diesel hätte bestenfalls Symbolcharakter. Über den Antriebsstrang der Zukunft entscheiden andere Länder – allen voran China, sagt Andreas Radics von der Managementberatung Berylls Strategy Advisors

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Andreas Radics, geschäftsführender Partner der Managementberatung Berylls Strategy Advisors.
Andreas Radics, geschäftsführender Partner der Managementberatung Berylls Strategy Advisors.
(Bild: Berylls/Dominik Osswald)

Vor fünf Jahren hat sich die ZEV Alliance zusammengefunden. Ein Bund von Nationen und Staaten, der den Verkehr bis spätestens im Jahr 2050 klimaneutral stellen will. Nach aktueller Lesart kommt das einem Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor gleich. In den USA zählen neben Kalifornien neun weitere Bundesstaaten zum Bündnis. Gemeinsam stehen sie für 40 Prozent aller amerikanischen Neuzulassungen. Und auch Deutschland gehört zu den ZEV-Alliance-Gründungspartnern – zusätzlich ist Baden-Württemberg dem Verband im Jahr 2018 beigetreten. Nun prescht Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor, flankiert vom Chef des Umweltbundesamtes Dirk Messner, und regt ein deutschlandweites Verbot von konventionell angetriebenen Fahrzeugen bereits im Jahr 2035 an.

Riesige Menge Ökostrom nötig

Unter Umweltgesichtspunkten ist so ein Verbot allerdings nur dann sinnvoll, wenn der Fahrstrom aller neuzugelassenen Elektroautos klimaneutral produziert wird. Alleine in Deutschland wäre dazu eine riesige Menge Ökostrom nötig, um die 3,3 Millionen Neuzulassungen des Jahres 2035 ohne CO2-Emissionen betreiben zu können. Diese Prognose basiert auf den Neuzulassungen im Jahr 2019.

Ob sich diese Strommenge produzieren lässt, ist mehr als fraglich. Denn aktuell stockt der Ausbau der erneuerbaren Energien deutschlandweit. In Bayern etwa gingen im vergangenen Jahr ganze sechs neue Windräder in Betrieb. Die Halbherzigkeit, mit der die Politik die Energiewende angeht, entpuppt sich als Bremsklotz für die Mobilität von morgen, in die OEMs und Zulieferer Milliarden investieren.

Wann kommt der „Car Ban“ in China?

Würden bereits heute die weltweit angekündigten oder zur Diskussion stehenden Verkaufsverbote oder Restriktionen für den Betrieb von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor gelten, wären 41,6 Millionen Einheiten oder 46 Prozent vom globalen Absatzvolumen betroffen. Wobei China, als große Unbekannte in dieser Gleichung, alleine 24,6 Millionen Einheiten beisteuert. Ein Fahrverbot (Car Ban) wird dort zwar diskutiert, ab wann es gelten soll, ist allerdings noch offen.

Die Insel Hainan zum Beispiel hat ein Fahrverbot für konventionelle Autos ab 2030 ausgesprochen, und Hainan gilt als Modellregion. Wann aber wird der große Rest des Riesenreiches folgen? Die nun bereits seit dem Jahr 2017 andauernde Prüfung eines Car Bans scheint ein Zeichen dafür zu sein, dass die Co-Existenz zwischen E-Auto und Verbrenner in China noch länger andauern wird. Wenn China allerdings ein Verbot ausspricht und den Hebel Richtung Elektromobilität umlegt, müssen alle Hersteller bereit sein, andernfalls ist ihr Geschäft massiv bedroht.

Synthetische Kraftstoffe können die Verbrenner-Ära verlängern

Am Ende sind die Fahrverbote der kleinen Staaten, zu denen auch Deutschland zählt, zwar aller Ehren wert, für die globale Entwicklung des CO2-Ausstoßes jedoch unerheblich. In China entscheidet sich, wie der Antriebsstrang der Zukunft aussehen wird. Dass er ohne Verbrennungsmotor auskommen muss, ist keineswegs gesetzt: Wasserstoff, Brennstoffzellenantrieb und Verbrennungsmotoren spielen dort als Alternativen plötzlich wieder eine größere Rolle. Damit ist für die etablierten OEMs eine neue Unsicherheit entstanden, auf die sie nun reagieren müssen.

Möglich auch, dass Markus Söder deshalb in seiner Forderung eine Hintertür offengelassen hat. Er sprach lediglich von Verboten für Fahrzeuge, die mit fossilen Kraftstoffen betrieben werden. Interpretiert man diese Aussage richtig, wären Autos mit Otto- und Dieselmotoren, die mit synthetisch hergestellten E-Fuels laufen, auch über 2035 hinaus zulassungsfähig.

Um E-Fuels jedoch umweltverträglich produzieren zu können, müsste massiv in den Ausbau von Grünstrom investiert werden. Eine Maßnahme, die auch VW-Konzern-Chef Herbert Diess gefallen dürfte: Denn er setzt auf der einen Seite zwar massiv auf die E-Mobilität, bringt auf der anderen Seite jedoch auch immer wieder die E-Fuels ins Gespräch. Wenn auch vorläufig nur als Kraftstoff für die Formel 1.

*Andreas Radics ist geschäftsführender Partner der Managementberatung Berylls Strategy Advisors

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