Suchen

Wirtschaft Volkswagen: Mit weniger Personal in die Zukunft

Autor / Redakteur: dpa / Jens Scheiner

Ein Zukunftspakt bei Volkswagen soll helfen, die Kernmarke zu sanieren. Bis zu 30.000 Stellen fallen weg, 23.000 davon in Deutschland. Einige Bereiche werden aber auch aufgestockt.

Firmen zum Thema

Volkswagen streicht weltweit 30.000 Stellen, alleine 23.000 in Deutschland. Trotzdem sollen alle Standorte erhalten bleiben und teilweise umstruktiert werden.
Volkswagen streicht weltweit 30.000 Stellen, alleine 23.000 in Deutschland. Trotzdem sollen alle Standorte erhalten bleiben und teilweise umstruktiert werden.
(Bild: VW)

Der über Monate ausgehandelte Zukunftspakt bei Volkswagen bringt dem größten europäischen Automobilhersteller empfindliche Jobkürzungen – gleichzeitig sollen wichtige neue Themen angegangen werden. Allein in Deutschland fallen bis zum Jahr 2025 bis zu 23.000 Stellen weg, wie Unternehmen und Betriebsrat am Freitag (18. November) bestätigten. Der Abbau soll aber sozialverträglich erfolgen, etwa über Altersteilzeit. Weltweit werde VW bis zu 30.000 Jobs streichen, hieß es in Wolfsburg. Der gesamte Konzern beschäftigt insgesamt mehr als 624.000 Menschen, 282.000 davon in Deutschland. Der genaue Umfang der Kürzungen ist aus heutiger Sicht noch unklar - ebenso die Verteilung auf die Standorte. Eine Umstrukturierung könnte so aussehen:

Wolfsburg - Bis 2020 sollen am Stammsitz rund 1.000 Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern entstehen. Der nächste Golf 8 für die USA soll in Wolfsburg gefertigt werden, außerdem ein SUV für die spanische Tochter Seat. In anderen Bereichen läuft die Fertigung bis 2022 aus - unter anderem beim Lenkstangenrohr und der Räderfertigung.

Kassel - Das größte Teilewerk des Konzerns soll im VW-Konzern das Leitwerk für den Elektro-Antriebsstrang werden- samt Entwicklungsaufgaben. Zudem sollen in Nordhessen auch mehr Ersatzteile gefertigt werden.

Salzgitter - Das Motorenwerk in Salzgitter gilt als einer der Verlierer aufkommender E-Antriebe. Der Standort soll daher die Federführung bei der Entwicklung von Batteriezelltechnologien erhalten und - soweit wirtschaftlich tragbar - auch die Serienfertigung der Zellen. Die Produktion von Hauptkomponenten für E-Motoren soll sich Salzgitter mit Kassel teilen.

Emden - Ab 2019 soll Emden ein viertes Modell bekommen, um die Auslastung des Werkes an der Küste zu sichern. Im Zuge der Abgasaffäre hatte VW im März angekündigt, die Verträge von 2.150 Leiharbeitern nicht zu verlängern.

Hannover - Die Gießerei und der Bereich Wärmetauscher standen auf dem Prüfstand, bleiben aber erhalten und sollen auch Komponenten für die E-Antriebe der Zukunft liefern. Zudem wird in der Gießerei der 3D-Druck von Teilen angesiedelt. In beiden Bereichen fallen jedoch Stellen weg.

Braunschweig - Das Werk bekommt die Entwicklung für Batteriesysteme in den Produktionsbaukästen des Konzerns sowie die Montage von einigen Batterien. Zudem soll die Produktion von Lenkungen ausgebaut werden. Die Kunststofffertigung wird dagegen bis 2021 eingestellt, auch Fahrwerke werden wohl Arbeit verlieren.

Zwickau - Neue Golf-Modelle sollen auch weiter in Zwickau gebaut werden, zudem soll das Werk ein Elektromodell erhalten. Dennoch wird die Zahl der Beschäftigten sinken.

Kostensenkung um 3,7 Milliarden Euro

Trotz Stellenabbau einigte man sich auf hohe Investitionen, um VW fit für die Zukunft zu machen. So sollen auch etwa 9.000 neue Stellen geschaffen werden, so dass in Summe 14.000 wegfallen. Die Standort-Verteilung hängt auch an der Frage, welche Mitarbeiter sich letztlich für den Schritt in die Altersteilzeit entscheiden werden. Bereits bis 2020 sollen die Kosten um 3,7 Milliarden Euro pro Jahr gedrückt werden. VW-Markenchef Herbert Diess betonte: „Dieser Pakt ist für Volkswagen ein großer Schritt nach vorne, sicherlich einer der größten in der Geschichte des Konzerns.“ Bisher sei VW nicht gewappnet gewesen für den Wandel, bei der Produktivität habe man an Boden verloren. Bei der Rendite sei der Konzern weit abgeschlagen. Der Hausmarke um Golf und Passat blieben zuletzt von 100 umgesetzten Euro nur rund 1,60 Euro als Gewinn, wovon dann noch Zinsen und Steuern abgingen.

Konzernchef Matthias Müller betonte: „Der Zukunftspakt ist das größte Modernisierungsprogramm in der Geschichte unserer Kernmarke.“ Er ermögliche vor allem einen Transformationsprozess mit Blick auf die Zukunftsthemen Elektromobilität und Digitalisierung. „Uns allen ist bewusst: Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt“, sagte er. Betriebsratschef Bernd Osterloh, der anfangs große Differenzen mit Diess über die Ausgestaltung hatte, gab sich zuversichtlich: „Mit dem Zukunftspakt schaffen wir den Einstieg in eine neue Ära. Er stellt nach langem Ringen einen tragbaren Kompromiss dar.“ Zudem habe der Gesamtbetriebsrat bis Ende 2025 Beschäftigungsgarantien durchgesetzt.

Viele Baustellen im Konzern

Es sollen aber alle Standorte erhalten bleiben. Mit dem Zukunftspakt wollen Betriebsrat und Unternehmen vor allem die aus Sicht aller Beteiligten nötigen Reformen bei der gewinnschwachen Kernmarke VW-Pkw mit Absicherungen für die Belegschaft vereinen. Der Abschluss war die Voraussetzung für den Investitionsplan des Automobilherstellers bis 2021, über den der Aufsichtsrat am Freitag weiter beraten sollte. Dabei geht es um die Verwendung von insgesamt rund 100 Milliarden Euro. Volkswagen hat derzeit an vielen Stellen zu kämpfen. Der Abgas-Skandal zwingt den Autobauer zum Sparen, zugleich muss der Konzern viel Geld in zentrale neue Trends der Branche stecken: Digitalisierung, Vernetzung, alternative Antriebe.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, dessen Gewerkschaft in der Belegschaft von VW traditionell stark verankert ist, sieht nun „die Weichen für die Zukunft der Marke auf nachhaltiges Wachstums gestellt“. Auch wenn es in mittlerer Frist weniger Jobs geben werde, lasse sich dies „weitgehend durch die Ausnutzung der Altersfluktuation“ steuern. „Der Kündigungsschutz bis 2025 gibt alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ihren Familien eine verlässliche Perspektive“, ergänzte Hofmann. Dass nun aber Leiharbeiter ihren Hut nehmen müssen, sei schmerzlich.

(ID:44386994)