„Art Cars“ Wenn ein Auto zur Leinwand wird

Autor / Redakteur: dpa / Jens Rehberg

Vor rund 100 Jahren bemalte erstmals eine Künstlerin ein Auto, vor rund 45 Jahren entstand das erste „Art Car“ von BMW. Die doppelte Leidenschaft für Blech und Kunst hat spannende Werke geschaffen.

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Der „Goldene Vogel“ – ursprünglich ein Ford Fiesta – war im April 1989 im Rahmen der zweiwöchigen Kunstaktion „Fetisch Auto“ von Hans-Jürgen Schult geschaffen worden.
Der „Goldene Vogel“ – ursprünglich ein Ford Fiesta – war im April 1989 im Rahmen der zweiwöchigen Kunstaktion „Fetisch Auto“ von Hans-Jürgen Schult geschaffen worden.
(Bild: Ford)

Ein teures Gemälde, das mit über 200 km/h über die Piste fegt – leichtsinnig? Vielleicht. Aber eine Idee, die vor rund 45 Jahren bei BMW die Initialzündung für eine heute bekannte Reihe ist: Art Cars, Autos als rollende Kunstwerke. Dabei ist die Idee dahinter noch viel älter, Autos zu Kunstwerken zu stilisieren.

Schon 1909 sah Filippo Tommaso Marinetti die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert. Ein Rennwagen, „dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen“ und als „ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint“ sei schöner als die Nike von Samothrake, formulierte es der Begründer des Futurismus in seinem Manifest.

Über die Fahrzeugfläche kommunizieren

Doch einige sahen es nicht allein nur als eigenständiges Kunstwerk, sondern auch als Leinwand. So verzierte vor rund 100 Jahren die französische Malerin Sonia Delaunay-Terk einen Unic Tourer von 1920 mit geometrischen Abstraktionen. Es folgten ein Bugatti Type 35 und später ein Matra M530A. Amerikaner verschönerten in den 1950er-Jahren ihre Fahrzeuge, häufig mit aufgemalten Flammen an der Seite. Aber auch auf Werbefahrzeugen oder Rennwagen verewigten sich meist unbekannte Künstler mit ihrer Handarbeit.

„Die Idee dabei war, die große Fläche eines Fahrzeugs als Kommunikationsfläche zu nutzen und diese Fläche mit Inhalt aufzuwerten“, sagt Paolo Tumminelli, Designprofessor an der TH Köln.

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Rosa Schweine, Hippies und Musikerinnen

In den 1960er-Jahren folgte die Hippie-Bewegung mit weiteren künstlerisch gestalteten Fahrzeugen. Das kalifornische Künstler-Kollektiv „The Merry Pranksters“ bemalte einen alten Schulbus mit psychodelischem Muster und fuhr damit quer durch die USA, um LSD-Happenings zu veranstalten.

Musikerin Janis Joplin ließ ihren Porsche 356 um 1968 von einem Freund in psychedelischen Farben bemalen. „Damit wurde das Luxusgut Auto endgültig zur Leinwand“, sagt Paolo Tumminelli. Auffällige Lackierungen kamen Ende der 1960er-Jahre im Motorsport in Mode, wie beim Mercedes 300 SEL AMG „Rote Sau“ (1971) oder dem Porsche 917 „Rosa Schwein“ (1971). Mit dem Einzug des Sponsorings im Motorsport verwandelten sich die Autos in fahrende Litfaßsäulen.

Aus der Rennschlacht ins Museum

BMW näherte sich ab 1971 Künstlern. Der damalige Chef Eberhard von Kuenheim beauftragte Gerhard Richter für drei großformatige Werke im Eingangsbereich der neuen Konzernzentrale. Für das erste Art Car engagierte BMW 1975 einen schon bereits bekannten Künstler für die Arbeit am Blech. Jochen Neerpasch, damals Motorsport-Chef, wurde 1975 informiert, dass der Kunsthändler und Hobby-Rennfahrer Hervé Poulain ein Fahrzeug als Objekt für ein neues Kunstwerk suchte. „Als ich erfuhr, dass der amerikanische Künstler Alexander Calder das Auto gestalten wollte, war ich direkt begeistert“, so Neerpasch.

Obwohl BMW Motorsport nach der ersten Ölpreiskrise das Engagement in die USA verlagerte, starteten sie weiter am 24-Stunden-Rennen in Le Mans. „Dadurch entstand die Idee, ein Auto also Kunstobjekt einzusetzen. Nicht mehr das Rennergebnis des Fahrzeugs war für uns entscheidend, sondern alleine die Teilnahme als Präsentation des Kunstwerks“, sagt Jochen Neerpasch.

Die Bedingung: Der Künstler musste sich thematisch mit dem Auto und dem 24-Stunden-Rennen auseinandersetzen. BMW stellte einen 3.0 CSL (E9), der als rollendes Kunstwerk für ein Rennen verwandelt wurde. BMW und Calder präsentierten das Fahrzeug im Louvre, wenig später startete es beim Rennen in Le Mans. „Die Verbindung zwischen Calder, der beim Rennen vor Ort war, und dem Rennwagen war faszinierend. Daher haben wir uns entschlossen, aus dem Zufallsprojekt eine Serie zu starten“, erklärt Jochen Neerpasch.

Zahlreiche Werke auf bayerische Blechleinwand folgten

Der Begriff Art Cars ist zwar nicht geschützt, wird aber seitdem mit BMW in Verbindung gebracht. Innerhalb der vergangenen Jahre entstanden 19 Fahrzeuge, die Künstler frei in ihrer Gestaltung entworfen haben. Das waren unter anderem: Roy Lichtenstein (1977, 320i), Andy Warhol (1979, M1) und Robert Rauschenberg (1986, 635 CSi), Esther Mahlangu (1991, 525i), David Hockney (1995, 850 CSi), Jenny Holzer (1999, V12 LMR), Jeff Koons (2010, M3GT2) und Ólafur Elíasson (2007, H2R), John Baldessari (2016, M6 GTLM), Cao Fei (2017, M6 GT3) – allesamt Kunstschaffende mit Weltruf.

Mittlerweile schlagen internationale Kuratoren einer Art Car-Jury einen Künstler vor, der sich mit dem Thema auseinandersetzen darf. Die Künstler erhalten dabei kein festes Honorar, sondern lediglich eine Aufwandsentschädigung – die deutlich geringer ist als ihre Werke anschließend wert sind. Experten schätzen den von Andy Warhol gestalteten M1 auf über 30 Millionen Euro – wenn er denn verkauft würde. Die Einzelstücke befinden sich jedoch im Besitz des BMW-Museums und werden nur für besondere Ausstellungen weltweit verliehen. Aber seit kurzem lassen sich die Art Cars auch per Augmented-Reality-App von allen Seiten erleben.

Auch andere rückten das Auto immer wieder ins künstlerische Zentrum. Der Kölner Aktionskünstler HA Schult erschuf 1991 den „Goldenen Vogel“ mit goldfarben lackierten Flügeln, auch „Flügel-Fiesta“ genannt. Der französische Künstler Bernar Venet gestaltete 2012 einen Bugatti Veyron, Sir Peter Blake 2015 einen Bentley Continental GT V8S. Banksy, britischer Streetart-Künstler, nahm sich 2000 einen Volvo-Lkw vor und besprühte ihn, 2019 wurde das Fahrzeug versteigert.

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Ist das Kunst oder kann das weg?

Doch nicht jedes bemalte Auto wird auch zum wertvollen Kunst- und Sammlerobjekt. Frank Wilke unterscheidet bei Art Cars zwischen Fahrzeugen, die – ähnlich einer Leinwand – einem bekannten Künstler als Werkstück dienen, und Fahrzeugen mit lediglich einer ungewöhnlichen Lackierung. „Art Cars, die berühmte Künstler mit einem künstlerischen Anspruch erschaffen haben, sind sehr wertvoll“, so der Geschäftsführer vom Marktbeobachter Classic Analytics. „Die Preise der Art Cars bemessen sich daran, wie die sonstigen Werke der Künstler gehandelt werden. Daher ist es nahezu unerheblich, um welches Modell es sich handelt.“ Das Auto höre damit auf, Auto zu sein, sondern werde zur Plastik.

Bunte Schlitten gegen das Establishment

Anders sehe es bei Fahrzeugen mit einer ungewöhnlichen Lackierung aus. So zum Beispiel der ehemalige Rolls-Royce Phantom V von John Lennon. Auffällige florale Elemente zieren die Limousine. 1985 wurde das Auto für 2,3 Millionen US-Dollar bei einer Kunstauktion versteigert und war damit lange das teuerste Auto der Welt.

„Es war allerdings kein berühmter Künstler, der im Auftrag von John Lennon das Auto verziert hat“, sagt Wilke. „Vielmehr gelangte das Auto zu Ruhm, weil es bis dato einem Sakrileg glich, das Sinnbild des Establishments, des Adels und der alten Gesellschaft bunt zu bemalen.“ Die Beatles-Firma Apple Corps besaß zudem ab 1968 einen Bentley S1, heute bekannt als „Beatles-Bentley“. Den ließ der Vorbesitzer, ein Boutique-Inhaber, vom eher unbekannten Künstlerkollektiv Binder, Edwards und Vaughn (BEV), mit psychedelischen Formen und leuchtenden Farben bemalen.

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