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Elektromobilität

Wie CATL im Eiltempo eine Batteriefabrik in Thüringen hochzieht

| Autor/ Redakteur: dpa / Svenja Gelowicz

Investitionen von 1,8 Milliarden Euro, bis zu 2.000 neue Jobs, Kunden von BMW über Bosch bis Volvo: Der chinesische Hersteller von Lithium-Ionen-Akkus CATL klotzt bei seinem ersten Produktionsausflug nach Europa. Das setzt die hiesige Industrie unter Druck.

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Bislang hat von den deutschen Herstellern lediglich Volkswagen eine eigene Zellfertigung: Ende September hat der Autobauer eine Pilotlinie in Salzgitter eröffnet.
Bislang hat von den deutschen Herstellern lediglich Volkswagen eine eigene Zellfertigung: Ende September hat der Autobauer eine Pilotlinie in Salzgitter eröffnet.
(Bild: Volkswagen)

An diesem Freitag (18. Oktober) beginnen bei Arnstadt in Thüringen die Bauarbeiten für ein großes Werk, aus dem in den nächsten Jahren massenhaft Zellen für die Batterien von Elektroautos in Europa kommen sollen. Die deutsche Autoindustrie, die sich bei Zellen bisher weitgehend auf Lieferungen von Anbietern aus Korea, China und Japan verlässt, hat ein Auge auf das Projekt.

Ist CATL mit einer Produktion in Thüringen erfolgreich, dann wachse der Druck, dass auch die deutsche Industrie in die Fertigung einsteigen, heißt es unter Automobilfachleuten. In der Politik und der Branche wird seit Jahren über die Marktmacht asiatischer Hersteller diskutiert und die Frage, ob deutsche und europäische Autohersteller dadurch in eine zu große Abhängigkeit geraten, wenn der Verkauf von E-Fahrzeugen wie erhofft stark anzieht. Die Bundesregierung baut an europäischen Batterie-Allianzen. Als einziger deutscher Autohersteller hat VW mit einer Pilotfertigung von Zellen in Salzgitter reagiert, um Erfahrungen auf dem Gebiet zu sammeln.

Die Investitionssumme von 1,8 Milliarden Euro soll nach den Planungen innerhalb von 60 Monaten umgesetzt werden

Autolobby begrüßt das Werk

Bei der Investitionsbekanntgabe von CATL (Contemporary Amperex Technology Ltd.) im Juli 2018 in Berlin hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Gemengelage in Deutschland so umschrieben: „Wenn wir es selber könnten, wäre ich auch nicht traurig.“ Aber es sei gut, dass der chinesische Konzern, wenn er nach Europa gehe, Deutschland gewählt habe. „Es ist gut, dass das Werk kommt“, heißt es auch beim Verband der Automobilindustrie (VDA).

CATL steht mit seinem Projekt allerdings noch am Anfang. Im logistisch perfekt zwischen der Nord-Süd-Autobahn A71 und der Ost-West-Autobahn A4 gelegenen Gewerbegebiet „Erfurter Kreuz“ sind auf dem 70 Hektar großen Areal für die Fabrikbauten bisher eine Zufahrtsstraße und Reifenabdrücke großer Baumaschinen zu sehen. Trotzdem hat Europa-Präsident Matthias Zentgraf bereits ein richtiges Büro in einem ziemlich neuen Industriebau. „Ich kann von hier unsere Flächen sehen. Dort wird es riesige Produktionslinien geben.“

Erst Bosch, jetzt CATL

CATL hat im Frühsommer kurzerhand etwa zehn Jahre alte Hallen und Bürogebäude gekauft, die der Bosch-Konzern für einen kurzen, teuren Ausflug in die Solarzellenfertigung bauen ließ. Zuletzt hatte die insolvente Solarworld AG dort produziert. Ironie der Geschichte: Die deutsche Solarindustrie ging vor allem in die Knie, weil chinesische Hersteller den Markt mit Zellen und Modulen zu günstigeren Preisen fluteten.

Zentgraf hat damit nichts zu tun, er hat viel zu regeln. Beim Zeitplan für die Neubauten hält er sich noch bedeckt. „Die Investitionssumme von 1,8 Milliarden Euro soll nach den Planungen innerhalb von 60 Monaten umgesetzt werden – und natürlich abhängig von der Marktentwicklung bei Elektrofahrzeugen“, sagt er. In der ersten Etappe würden im kommenden Jahr die ersten 200 Arbeitsplätze entstehen – Stellen seien schon ausgeschrieben.

Einige CATL-Kunden, darunter BMW, haben bereits konkrete Bestellungen abgegeben. Der Münchner Autokonzern, der auch im nahen Leipzig produziert, orderte am Tag der CATL-Entscheidung bei den Chinesen Batteriezellen im Wert von vier Milliarden Euro. Davon sollen Zellen im Wert von 1,5 Milliarden Euro ab 2021 aus Arnstadt kommen, kündigte der BMW-Vorstand an.

Durchbruch der Elektroautos

Für Thüringen ist die Zellproduktion nach Einschätzung von Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine große Chance, zumal das Land kräftig in die Batterieforschung vor allem in Jena investiert. Thüringen, wo Autozulieferer Industrieschwergewichte sind, könnte „zu einem der wichtigsten europäischen Standorte für Batterietechnologie aufsteigen“, hofft der Minister. Der VDA geht davon aus, dass sieben bis gut zehn Millionen E-Autos bis 2030 in Deutschland rollen müssen, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Das Auto-Institut rechne mit einem „breiten Marktdurchbruch 2020 und 2021“.

Fast ein Jahr hatte Tiefensee mit einem Team um die Ansiedlung gekämpft – und CATL einen roten Teppich ausgelegt. Das Unternehmen scheint das zu honorieren: Der erste Spatenstich für das Großprojekt liegt gut eine Woche vor der Landtagswahl in Thüringen.

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