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VDA-Präsident Wissmann „Wir stehen am Beginn eines Marathons“

| Redakteur: Christoph Baeuchle

Die IAA ist das Aushängeschild der Branche. »Automobil Industrie« nahm die Messe zum Anlass, mit dem VDA-Präsidenten Matthias Wissmann über die Position der deutschen Autoindustrie beim Wettlauf zur Elektromobilität und über die Rolle der Politik.

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»AutomobilIndustrie«: Herr Wissmann, während Hersteller und große Zulieferer im ersten Halbjahr gute Gewinne eingefahren haben, stehen kleine Lieferanten unter starkem finanziellem Druck. Rechnen Sie mit mehr Pleiten in der nächsten Zeit?

Matthias Wissmann: Die Differenzierung in Groß und Klein trifft es nicht. Entscheidend ist vielmehr die Innovationskraft des einzelnen Zulieferers. Die Ertragsperspektive wächst mit einem technologischen Alleinstellungsmerkmal. Insgesamt hat sich die Ertragssituation der Zulieferer in den vergangenen zwei Jahren deutlich verbessert.

Der Druck der Hersteller auf Zulieferer hat allerdings auch deutlich zugenommen.

Wir sollten nicht vergessen: In der Krise 2008/2009 waren es Automobilhersteller, die manchem Zulieferer, der bei Banken in die Kreditklemme geraten war, unter die Arme griffen. Hersteller wie Zulieferer haben anschließend gemeinsam den Aufschwung gemeistert. Der Wettbewerbsdruck kommt vom Markt – und ist international. Die Partnerschaft zwischen deutschen Herstellern und ihren Zulieferern hat sich im Übrigen bei den Folgen der Naturkatastrophe in Japan erneut bewährt.

Es sind ja nicht einzelne Lieferanten, die sich beklagen, sondern ganze Verbände.

Wir sollten nicht jede Meldung überbewerten. Unter dem Dach des VDA haben wir Hersteller und viele Zulieferer. Wir führen den Dialog seit vielen Jahren. Gerade die alternativen Antriebe, die wir derzeit entwickeln, bieten für die gesamte Wertschöpfungskette neue Chancen, die wir nutzen sollten.

Zum Kostendruck tragen auch die steigenden Rohstoffpreise bei. Welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

Wenn die Preise für Eisenerz, Kupfer oder Kautschuk – wie innerhalb der letzten zwölf Monate - in die Höhe schnellen, betrifft das beispielsweise unsere Mittelständler in Bereichen wie der Metall-, Kunststoff-, Gummi- und Lackverarbeitung. Hersteller und Zulieferer sind in dieser Situation bestrebt, die rapiden Kostensteigerungen fair zu teilen. Gerade in den letzten Wochen gab es allerdings Entspannung an der Rohstoff- Preisfront. Das gilt auch für Rohöl.

„Preisgarantie für energieintensive Unternehmen“

Die Energiewende der Bundesregierung führt zu weiteren Kostenbelastungen.

Das macht uns natürlich Sorgen. In der Europäischen Union liegen wir bereits jetzt bei den Energiekosten in der Spitzengruppe. Deshalb hat uns die Bundesregierung eine Art „Preisgarantie“ für energieintensive Unternehmen zugesagt. Falls erforderlich, werden wir die Regierung beizeiten daran erinnern, denn wir müssen alles daran setzen, unsere Industrie, aber auch Aluminiumwerke und Gießereien, in Deutschland zu halten.

Sehen Sie sich von der deutschen Politik zur Zeit gut vertreten?

Sie stellt unsere Branche mit der Energiewende natürlich vor große Herausforderungen. Die Folgen dürfen nicht auf dem Rücken der Industrie ausgetragen werden. Aber in der Krise 2008/2009 hat die Automobilindustrie durchaus bemerkenswerte Unterstützung erfahren, ich nenne als Beispiel nur das verlängerte Kurzarbeitergeld.

Und aus europäischer Sicht?

Die Europäische Kommission hat sich bisher nicht gerade als begeisterter Unterstützer einer modernen Industriepolitik hervorgetan. In Zeiten unsicherer Finanzmärkte sollte Brüssel unsere Industrie, die die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs Europas ist, nicht mit weiteren Zumutungen belasten – beispielsweise mit überzogenen Klimaschutz-Auflagen. Am Auto hängen allein in Deutschland fünf Millionen Arbeitsplätze, wenn wir die indirekt Beschäftigten mit hinzu zählen. Angesichts des internationalen Wettbewerbs sollte alles getan werden, um diese Jobs hier in Deutschland zu sichern.

Auf der IAA ist Elektromobilität ein wesentliches Thema: Auf welchem Feld rechnen Sie mit entscheidenden Innovationen?

Bei diesem Wettrennen um die Antriebstechnologien von morgen stehen wir eher am Beginn eines Marathonlaufs als an dessen Ende. Wichtig ist vor allem die Entwicklung hochleistungsfähiger Batteriesysteme und -zellen. Wer hier den Sprung zu einem höheren Entwicklungsgrad schafft, fährt auf dem Weltmarkt einen entscheidende Vorsprung heraus.

Wo laufen die deutsche Hersteller und Lieferanten in diesem Rennen?

Wir haben den Ehrgeiz, bei diesem Marathon als erste über die Ziellinie zu kommen. In den nächsten drei Jahren investieren wir in die Forschung und Entwicklung alternativer Antriebe zehn bis zwölf Milliarden Euro, obwohl wir bis 2020 beim reinen Elektroauto nur einen Marktanteil von etwa fünf Prozent erwarten. Wir gehen also enorm in Vorleistung.

„Innovative Zulieferer haben in allen Antriebsarten sehr gute Chancen“

Eine Studie des Fraunhofer Instituts* zeigte jüngst, dass vor allem kleine Lieferanten noch nicht gut aufgestellt sind. Starten Sie also nicht aus der ersten Reihe in den Marathon?

Wir setzen nicht alles auf eine Karte, sondern verfolgen unsere Fächerstrategie: Wir optimieren den klassischen Verbrennungsmotor und treiben gleichzeitig mit Hochdruck die Serienreife bei der Hybridisierung der Antriebssysteme sowie bei Elektroauto und Brennstoffzelle voran. Das bedeutet, dass unsere innovativen Zulieferer in allen Antriebsarten weiter sehr gute Chancen haben.

Also nehmen die deutschen OEMs bei der Elektromobilität einen gewissen Rückstand in Kauf?

Wenn wir uns weltweit umschauen – ob in den USA, in China, in Japan oder in Frankreich -, stellen wir fest, dass kein Wettbewerber einen uneinholbaren Vorsprung hat. Wir wissen um unsere Stärken und kennen unsere Hausaufgaben. Industrie, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft haben den Willen, Deutschland gemeinsam zum Leitmarkt für Elektromobilität zu machen. Ich bin überzeugt: Wir werden beim Elektroauto eine ebenso starke Position haben wie bei anderen Antriebssystemen auch.

Erste Prognosen deuten darauf hin, dass 2012 der Boom vorbei sein wird. Was erwarten Sie?

Ich halte mich da an Thomas Mann. Er sagte von sich: Ich bin ein Mensch des Gleichgewichts. Wenn das Boot nach links zu kentern droht, lehne ich mich automatisch nach rechts, und umgekehrt.

Was bedeutet dies für Ihre Position?

Vor einigen Wochen konnten manche Beobachter den Boom in der Automobilindustrie nicht groß genug hervorheben. Nun dreht sich die Darstellung fast schon ins Gegenteil. Ich hatte bereits in der starken Wachstumsphase vor Risiken gewarnt: Finanzmärkte, volatile Wechselkurse und die Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten.

Das klingt wenig optimistisch.

Ich rechne nicht mit einem Einbruch der Automobilkonjunktur, sondern eher mit einer Normalisierung.

„Innovationspfad für Technikbegeisterte“

Was erwarten Sie von der IAA?

Ein Feuerwerk an Innovationen, an Weltpremieren und eine hochspannende Show. Die IAA zeigt nicht nur, dass das Auto vor 125 Jahren in Deutschland erfunden wurde, sondern vor allem, dass es von uns täglich neu erfunden wird. Dafür steht auch das IAA-Motto: „Zukunft serienmäßig“. Nur auf der IAA können die Automobil-Interessierten die neuesten Modelle sehen, die danach in die Showrooms der Händler kommen.

Was sollte bei einem IAA-Besuch ganz oben auf der Liste stehen?

Natürlich die vielen faszinierenden Weltpremieren! Zudem haben wir einen Innovationspfad eingerichtet, auf dem sich Technikbegeisterte über besondere Neuheiten bei Herstellern und Zulieferern informieren können. Außerdem ist die Halle der Elektromobilität ein Pflichtbesuch – die größte Fläche, die es jemals bei einer Automobilausstellung zu diesem Thema gab.

Das Interview führte Christoph Baeuchle

* Studie: „Elektromobilität: Zulieferer für den Wandel gerüstet?“, die Fraunhofer ISI Im Auftrag von WRS und IHK Region Stuttgart erstellt hat

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