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Kiekert Zurück auf Kurs

| Redakteur: Claus-Peter Köth

Nur eingefleischte Optimisten würden behaupten, dass die vergangenen fünfzehn Jahre für Kiekert gut gelaufen sind. Auf den Börsengang folgte die Übernahme durch den Finanzinvestor

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Nur eingefleischte Optimisten würden behaupten, dass die vergangenen fünfzehn Jahre für Kiekert gut gelaufen sind. Auf den Börsengang folgte die Übernahme durch den Finanzinvestor Permira, der sich 2006 zum Ausstieg entschlossen hat – und ein Unternehmen hinterließ, das rote Zahlen schrieb.

Die neuen Eigentümer – die Investoren Bluebay Asset Management (gut 60 Prozent der Anteile), Morgan Stanley und Silverpoint Capital (jeweils rund 15 Prozent) sowie mehrere Bankhäuser mit kleineren Anteilen – haben seitdem kräftig restrukturiert und investiert: Rund 60 Millionen Euro flossen in das Unternehmen. Das spricht dafür, dass sie einen langen Zeithorizont im Blick haben und nachhaltiges Wachstum anstreben. Dr. Karl Krause, der als Vorstandsvorsitzender im April 2007 von Visteon zu Kiekert kam, beschreibt aus seiner Sicht den damals vorgefundenen Status quo: „Das Unternehmen hatte eine hervorragende Marktposition, eine gute Reputation bei den Kunden, gute Ideen und Produktinnovationen sowie ein sehr hohes Qualitätsniveau in der Produktion. Allerdings gab es deutliche Defizite bei der Kostenstruktur.“

Die notwendige Restrukturierung ist nun weitgehend abgeschlossen. Betroffen war davon unter anderem die USA-Produktion in Webberville/Michigan, die ins Werk in Puebla/Mexiko verlegt wurde. Dort sind nun rund 1 150 Mitarbeiter beschäftigt. Die Kunden in den USA betreut das Engineering und Sales Center in Michigan mit 130 Mitarbeitern, das auch Test- und Prototyping-Kapazitäten vorhält. Die Hauptproduktion für Europa befindet sich in Prelouc/Tschechien und beschäftigt 1 300 Menschen; das unrentable Werk in Birmingham/England wurde geschlossen.

In Deutschland hat sich Kiekert von 15 Prozent der Belegschaft getrennt – „auf sozialverträglicher und freiwilliger Basis“, wie Dr. Krause betont. Am Stammsitz in Heiligenhaus sind nunmehr 1 350 Mitarbeiter beschäftigt. Dort befinden sich nach wie vor die zentrale Entwicklung und die Produktion für Premium-Fahrzeuge vor allem von BMW und Mercedes. Karl Krause: „Wir haben hier zwei Werke an einem Standort zusammengelegt und fertigen nach neuesten Produktionsmethoden: Heiligenhaus ist für uns die Benchmark-Produktion.“ Des Weiteren gibt es noch ein Werk in Düsseldorf, in dem rund 100 Mitarbeiter die Elektronik für die Schlosssysteme herstellen.

Damit sind die Standorte aber noch nicht vollzählig: Joint Ventures in Deutschland und Mexiko fertigen Türmodule mit Schlosssystemen von Kiekert. In China, Indien und Südafrika gibt es ebenfalls Joint Ventures und Lizenzfertigungen. Auf diese Weise hat Kiekert in Asien Fuß gefasst. „Wir sind über unsere Joint Ventures bei allen großen lokalen OEM wie Brilliance, Chery und Geely vertreten“, betont Krause.

Für die nächsten zwei Jahre steht der Aufbau einer eigenen Produktion in China auf der Agenda, mit der Kiekert dann auch andere Märkte bedienen will. Für die Umsetzung der neuen globalen Einkaufsstrategie zeichnet seit November 2007 Jürgen Wenzel verantwortlich. Er will insbesondere neue Beschaffungsmärkte in den so genannten Low-Cost-Ländern erschließen.

Das Bündel an Maßnahmen zeigt Erfolg: Bereits im Geschäftsjahr 2007 wird Kiekert nach längerer Durststrecke erstmals wieder die 500-Millionen-Euro-Umsatzmarke überschreiten – 2006 waren es noch 476 Millionen Euro. Doch damit nicht genug: In Verbindung mit dem Produktionsstart von neuen, großen Fahrzeug-Plattformen will Kiekert 2008 noch einmal zulegen. „Wir sind absolut im Plan“, bekräftigt Krause.

Produktseitig stehen für Kiekert die Themen Komfort und Ergonomie im Zentrum der Entwicklung. „Wir sehen einen klaren Trend zum elektrisch unterstützten Schließen mit Zuziehhilfen – das wird auch angesichts des steigenden Durchschnittsalters der Autofahrer ein immer wichtigeres Thema sein“, sagt Dr.-Ing. Ulrich Nass, Executive Vice President Product Development. Diese Komfortfunktion werde rasch vom Premium- ins Massensegment wandern – sofern sie deutlich kleiner, leichter und preiswerter ausfalle. Mit der „i-close“-Technik stellt Kiekert zurzeit die zweite Generation von Zuziehhilfen vor.

Für das rein elektrische Schloss sieht Kiekert hingegen keinen Markt. Vollelektrische Schlosssysteme seien zu aufwändig, weil man zum Beispiel eine interne Stromquelle für den Crash-Fall benötigt. „Wir haben entsprechende Patente und könnten die Systeme liefern. Aber es fehlt schlichtweg die Nachfrage“, konstatiert Nass.

Nach wie vor spannend sei die Standardisierung der Systeme über Baureihen und OEM hinweg. Kiekert reagiert darauf mit der kürzlich vorgestellten „Advanced Latch Philosophy with High Applicability“, kurz „Alpha“. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich ein herstellerübergreifender Baukasten, der vor allem auf die „Emerging Markets“ in China, Indien und Osteuropa zielt.

Im Rahmen eines Benchmarkings haben die Entwickler aus über 40 Schlössern mit 200 unterschiedlichen Eigenschaften alle OEM-spezifischen Anforderungen herausgefiltert und eine Standardkonstruktion entworfen, die diese Merkmale umsetzt.

Dabei geht es Kiekert nicht um Gleichteile: Angesichts der hohen Volumina für einzelne Plattformen sei das wirtschaftlich nicht erforderlich und von den Herstellern auch nicht erwünscht. Vielmehr hat der Zulieferer ein Grunddesign erarbeitet, das mit einfachen Mitteln kundenspezifisch angepasst und in seinen Komfortfunktionen erweitert werden kann – vom einfachen mechanischen Schloss über Zentralverriegelung, Keyless-Fähigkeit bis zur elektrischen Zuziehhilfe. „Diese Baukastenphilosophie setzen wir in verschiedenen OEM-spezifischen Ausprägungen bereits in Europa und Nordamerika erfolgreich ein“, berichtet Dr. Nass. Das Prinzip werde auch bei künftigen Fahrzeug-Plattformen Anwendung finden – zum Vorteil der Kunden: Sie sollen von günstigeren Produktionskosten bei mindestens gleicher Qualität und verbesserter Funktionalität profitieren.

Gerald Scheffels

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