E-Mobilität Togg vor dem Verkaufsstart

Von sp-x 5 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Langsam, aber beständig bereitet sich der türkische Autohersteller Togg auf den Start in Deutschland vor. Im Vorfeld wird das erste Modell beworben, das SUV T10X. Auch das zweite Modell steht in den Startlöchern.

Mit einer Länge von 4,60 Metern tritt der T10X gegen Konkurrenzmodelle wie den VW ID.4 oder den Skoda Enyaq an.(Bild:  SP-X/Benjamin Bessinger)
Mit einer Länge von 4,60 Metern tritt der T10X gegen Konkurrenzmodelle wie den VW ID.4 oder den Skoda Enyaq an.
(Bild: SP-X/Benjamin Bessinger)

Nein, Gürcan Karakas gibt sich keinen falschen Illusionen hin: „Die Welt braucht nicht noch ein Start-up für Elektroautos.“ Doch egal wie viele Chinesen gerade den Markt fluten und wie viele notorische Weltverbesserer oder furchtlose Geschäftemacher in den USA eine neue Automarke gründen, gibt es zumindest einen einflussreichen Mann im Hintergrund, dem das alles nicht reicht. Recep Tayyip Erdogan. Denn getrieben vom Nationalstolz und auf der Suche nach einem Wachstumsmotor hat der türkische Staatschef über Jahre einen türkischen Volkswagen gefordert – und 2018 hat der ehemalige Bosch-Manager Karakas geliefert.

In Bursa im Nordwesten der Türkei hat er industrielle Schwergewichte aus Schlüsselbranchen vom Handel über die Telekommunikation bis hin zum Maschinenbau zusammengebracht und die „Türkiye'nin Otomobili Girişim Grubu“, die „Türkische Automobile Joint Venture Group“, kurz: Togg, gegründet, mit der sein Heimatland endlich die eigene Fahne auf der automobilen Weltkarte hissen will, statt nur 1,5 Millionen Autos im Jahr für Firmen wie Renault, Ford oder Fiat zu montieren.

Bildergalerie

Nur 18 Monate nach der Gründung hat Togg zwei Prototypen präsentiert, mittlerweile steht in Gemlik auf der asiatischen Seite des Bosporus eine Fabrik für später mal 175.000 Autos im Jahr, und seit dem letzten Jahr läuft dort der Crossover T10X vom Band, dem 2025 als T10L eine Limousine in der Länge des VW ID.7 folgen soll.

Mit einer Länge von 4,60 Metern tritt der T10X an gegen Autos wie den VW ID.4 oder den Skoda Enyaq – und passt in dieses Umfeld nicht nur wegen des Formats, sondern auch wegen der Form. Schließlich stammt die aus der Feder des ehemaligen VW-Designchefs Murat Günak. Der hat zusammen mit Pininfarina ein Auto gezeichnet, das vor allem wegen seines nutzlosen, aber noblen Kühlergrills weniger futuristisch wirkt als all die chinesischen Newcomer, wohl proportioniert ist und gefällig aussieht, dafür aber auch ein bisschen austauschbar ist.

Das Auto als Smart Device

Zumindest, bis man die Türen öffnet, einsteigt und hinter dem Lenkrad Platz nimmt. Nein, nicht wegen der Platzverhältnisse. Denn auch wenn die Skateboard-Plattform stolze 2,98 Meter Radstand bietet und man deshalb selbst hinten solide sitzen kann, ist der Togg kein Raumriese und das Gepäckabteil mit 441 bis 1.515 Litern auch nur durchschnittlich. Doch dafür denkt Togg das Auto weiter und versteht es als Smart Device, das eher zufällig auch fahren kann. Klar, diese Idee verkaufen uns viele. Und weder der durchgehende Bildschirm quer über die gesamte Fahrzeugbreite ist einzigartig, noch wird Togg viele Kunden allein mit einem Musikgenerator überzeugen können, der aus 2.000 Instrumentaltiteln mit künstlicher Intelligenz ganz individuelle Sounds komponiert.

Und auch die digitale Kunst hat man schon öfter gesehen – wenn auch eher im Luxussegment als in der Mittelklasse. Aber Togg geht auf diesem Weg in die virtuelle Welt sehr viel weiter als alle westlichen Hersteller: Begünstigt von einem in sich relativ geschlossenen Markt, einer ähnlich wie in China ziemlich eigenständigen Nische im Internet und vielen potenten Partnern, hat Togg ein digitales Ökosystem geschaffen mit eigener Währung, branchenübergreifendem Bonus-System und eigenem Webstore, in dem man aus dem Auto heraus Flüge buchen, Strom kaufen oder sogar seine Steuern zahlen kann.

Solide Fahreigenschaften, fortschrittliche Ladeeigenschaften

Egal ob Beiwerk oder Sinn und Zweck der Übung: Auch ein digitales Device muss fahren können, wenn die Räder nicht nur Dekoration sein sollen. Und weil Togg dabei viele bekanntere Marken verdrängen muss, haben die Türken auch bei der konventionellen Technik nicht gekleckert, sondern geklotzt. Das gilt für den Antrieb mit einem oder zwei Bosch-Motoren von jeweils 218 PS und 350 Nm, die den Zwei-Tonner im besten Fall in 4,8 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen und eine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h ermöglichen.

Das gilt für das kommode Fahrverhalten mit einer souveränen Federung und einem Heer von Assistenten, die lange nicht so nervös und deshalb nervig sind wie bei den Chinesen. Und das gilt erst recht für die Akkus. Zur Wahl stehen für den T10X 52,4 oder 88,5 kWh, die für bis zu 523 Norm-Kilometer reichen und beim Laden blamiert der Newcomer die alte Garde gewaltig: 22 kW am Wechsel- und 180 kW am Gleichstrom können VW & Co längst noch nicht durchgängig bieten.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Ja, auch Karakas weiß, dass er bei allem politischen Rückhalt nicht automatisch einen Durchmarsch hinlegen kann. Erst recht nicht in einem elektrischen Entwicklungsland wie der Türkei. Doch daheim hat Togg es bereits im letzten Jahr allen Zweiflern gezeigt: In nur acht Stunden haben sie so viele Elektroautos verkauft, wie alle Marken zusammen im gesamten Jahr davor, nach 18 Stunden war die Jahresproduktion von 20.000 Autos verkauft und damit das kein Strohfeuer bleibt, hat Togg gleich mal 1.000 Fast-Charger mit 180 kW aufwärts bestellt, mit denen die Firma analog zu Tesla ihr eigenes Ladenetz in der Türkei aufbaut.

Eine Million Einheiten bis 2032

Und wenn der Chef jetzt bald den Weg ins Ausland wagt und dieses Abenteuer ausgerechnet in Deutschland startet, dann setzt er dabei nicht nur auf ein gelungenes Design, auf Elektrotechnik auf Augenhöhe mit VW & Co und auf eine für Europa adaptierte Version seines Ökosystems mit regionalen Playern, sondern auch auf den Stolz einer riesigen türkische Gemeinde. Schließlich führt die Statistik allein für Deutschland über drei Millionen Mitbürger, deren Wurzeln in der Türkei liegen. Wenn davon nur ein Bruchteil einen Togg kaufen, hat Karakas erst einmal ausgesorgt. Denn viel mehr als 2.000 bis 3.000 Autos kann er in diesem Jahr für den Export ohnehin nicht abzwacken.

In der Türkei werkelt Togg bereits am zweiten Modell, das erstmalig auf der CES in Las Vegas zum Jahresstart 2024 zu sehen war. Der Togg T10F ist eine Limousine, die technisch auf dem E-SUV basiert. Antrieb, Batterie und Reichweite sind identisch, auch die Konzeptionierung als Smart Device und die Fokussierung auf den Nutzer folgen dem bekannten Ansatz. Gleichzeitig sind die Ambitionen der Togg-Führung groß. „Wir planen, bis 2032 eine Million Fahrzeuge mit fünf verschiedenen Modellen zu produzieren“, wird Karakas in einer Presseaussendung zum T10F zitiert. Wie es scheint, ist noch einiges zu erwarten aus Gemlik.

(ID:50163601)