KI-Agenten übernehmen repetitive Aufgaben in der Fahrzeugentwicklung und verkürzen Zyklen drastisch. Synera-Geschäftsführer Moritz Maier über digitale Ingenieure als Antwort auf China Speed.
Moritz Maier, Co-Founder & CEO von Synera.
(Bild: Synera)
Herr Maier, die Automobilindustrie steht unter enormem Kostendruck, gleichzeitig werden die Produkte komplexer. Welche Reaktionen darauf erleben Sie in der Entwicklung und Fertigung bei Ihren Kunden und allgemein in der Industrie?
Diesen Druck spüren wir natürlich auch im Engineering bei unseren Kunden. Die Industrie reagiert mit einem klaren Fokus auf Effizienzsteigerung und Produktivitätsverbesserungen. Kosten müssen gesenkt, Entwicklungszyklen verkürzt und Ressourcen besser genutzt werden – ohne dabei die Innovationsfähigkeit zu verlieren. Wir sehen, dass viele Unternehmen ihre Engineering-Workflows neu denken und gezielt nach digitalen Lösungen suchen, um Komplexität beherrschbar zu machen. All das ist vorwiegend im Kontext Chinas rasanter Projektgeschwindigkeit überlebenswichtig, um nicht vom chinesischen Wettbewerber abgehängt zu werden.
Chinesische Wettbewerber nutzen massiv Digitalisierung und Automatisierung in der Entwicklung und Fertigung. Können europäische Zulieferer hier mithalten?
„China Speed“ ist ein Begriff, der die Dynamik dort treffend beschreibt. Unsere europäischen Unternehmen sind technologisch eigentlich ziemlich gut aufgestellt, aber sie müssen schneller werden – in der Umsetzung, im Denken und in der Integration neuer Tools. Wer heute noch mit klassischen Entwicklungsprozessen arbeitet, verliert wertvolle Zeit. KI ermöglicht gerade jetzt, mit der Konkurrenz aufzuschließen, etwa durch den Einsatz von KI-Agenten.
Woran scheitert bislang der umfangreichere Einsatz von KI in Entwicklung und Produktion bei europäischen Unternehmen – und wie gelingt es besser?
Es gibt heute immer noch zahlreiche Unternehmen, die Berührungsängste mit KI haben. Dabei sind wir bereits auf der nächsten Entwicklungsstufe angekommen: KI-Agenten. Oft fehlt es nicht an Technologie, sondern an klaren Zielsetzungen, der Bereitschaft zur Veränderung und Mut. KI muss strategisch eingeführt werden, mit einem klaren Use Case, einer sauberen Datenbasis und der Integration in bestehende Systeme. Vor allem aber müssen die Mitarbeitenden rechtzeitig abgeholt werden – eine technologische Integration muss immer ganzheitlich gedacht werden. Unternehmen, die das beherzigen, erzielen schnell spürbare Effizienzgewinne.
KI-Agenten versprechen effizientere Anlagen über die klassische Prozessautomatisierung hinaus; außerdem schnellere Produktentwicklung. Was können die Tools heute schon konkret leisten?
Beispiel eines Synera KI-Agenten im RFQ-Use Case
(Bild: Synera)
Ingenieure stehen insbesondere bei der Produktentwicklung in der Automobilbranche unter hohem Druck und vergeuden oftmals wertvolle Zeit mit repetitiven und manuellen Aufgaben. Genau hier setzen KI-Agenten an: von der einfachen Dokumentation und Berichterstellung, über die Analyse von Daten bis zur vollständig autonomen Überwachung von Qualitätsparametern und Optimierung von Designs, können KI-Agenten selbstständig Aufgaben übernehmen. Dies führt am Ende zu einer effizienteren Produktivitätsleistung und der Einsparung von Entwicklungskosten.
Synera entwickelt Multi-Agenten-Systeme. Was können diese besser als einzelne KI-Agenten?
Einzelne KI-Agenten sind spezialisiert, Multi-Agenten-Systeme hingegen orchestrieren größere Prozesse vollständig autonom. Sie arbeiten kollaborativ, tauschen Informationen aus und lösen komplexe Aufgaben arbeitsteilig. Das ist besonders wertvoll in interdisziplinären Entwicklungsprojekten, wie sie in der Automobilindustrie üblich sind.
Was früher Tage oder Wochen dauerte, erledigen Agenten so in wenigen Stunden. Ein Multi-Agenten-System ist also vergleichbar mit einem Engineering-Team, nur ohne Pausen, ohne Skalierungsgrenzen.
Die Fertigungs-IT besteht in vielen Unternehmen aus gewachsenen Systemen: CAD, PLM und ERP. Wie gut integriert sich Ihre Plattform dort – und womit beginnt die Integration?
Die Integration von KI-Agenten in bestehende Entwicklungsumgebungen gilt als eine der größten Herausforderungen, insbesondere in der Automobilindustrie, wo komplexe CAx-Systeme oft mit proprietären Schnittstellen arbeiten. Synera begegnet diesem Problem mit einer Low-Code-Plattform, die über mehr als 70 Konnektoren zu den wichtigsten Engineering-Tools verfügt.
Das Besondere: Die KI-Agenten interagieren direkt mit diesen Systemen über vorgefertigte Arbeitsabläufe. Ingenieure müssen heute nicht mehr selbst in Programmiersprachen wie Python entwickeln, doch auch Low-Code-Plattformen erfordern technisches Verständnis – vornehmlich bei der Erstellung von Workflows. Diese Arbeitsabläufe bilden das Expertenwissen digital ab und müssen in jedem Unternehmen zunächst individuell entwickelt werden. Dies kann sehr zeitintensiv und komplex sein. Entgegen mancher Darstellung sind solche Prozesse nicht einfach abrufbar, sondern erfordern eine sorgfältige Konzeption und Umsetzung. So wird KI nicht zur Hürde, sondern zum produktiven Tool im Alltag der Fahrzeugentwicklung.
Wie reagieren erfahrene Ingenieure, wenn KI-Agenten ihre Entwicklungsarbeit unterstützen sollen – und wo bleibt der Mensch unersetzbar?
Gerade im Engineering beobachten wir, dass die Fachleute technologieoffen sind und nach einer Einführungsphase die Arbeitserleichterung deutlich spüren. Wichtig ist: KI ersetzt nicht den Ingenieur, sondern erweitert seine Möglichkeiten. Kreativität und Erfahrung bleiben unersetzbar. KI-Agenten übernehmen Routinen und ganz konkret Aufgaben wie die Produktentwicklung, damit der Mensch sich auf wertschöpfende Ingenieursaufgaben konzentrieren kann.
Die größte Herausforderung beim Einsatz von KI-Agenten liegt nicht in der Technik selbst, sondern in der Art und Weise, wie Menschen und Systeme zusammenarbeiten. In der Automobilindustrie, in der Entwicklungsprozesse komplex und interdisziplinär sind, braucht es klare Strukturen und neue Kompetenzen.
Ingenieure müssen lernen, Aufgaben sinnvoll an KI-Agenten zu delegieren und gleichzeitig deren Ergebnisse kritisch zu bewerten. Dafür sind technisches Verständnis, neue Skills wie Prompt Engineering, digitale Souveränität und ein solides Governance-Framework entscheidend: mit klaren Verantwortlichkeiten, ethischen Leitlinien und Transparenz im Umgang mit automatisierten Entscheidungen.
Trotz wachsender Autonomie der Systeme bleibt der Mensch unverzichtbar. Er ist die letzte Instanz, die Entscheidungen trifft, Verantwortung übernimmt und Innovationen vorantreibt.
Die kommende Generation Fachkräfte wächst mit KI im Alltag auf. Aus Ihrer Erfahrung: Können KI-Agenten oder Agenten-Systeme für potenzielle Fachkräfte ein Anreiz sein, sich für ein Unternehmen zu entscheiden? Wie sollten Unternehmen den Einsatz von KI kommunizieren?
Absolut. Junge Talente erwarten moderne Arbeitsumgebungen. Wer KI nicht nur als Schlagwort, sondern als produktives Werkzeug einsetzt, zeigt Innovationskraft. Unternehmen sollten den Nutzen klar kommunizieren: weniger zeitfressende, repetitive Aufgaben, mehr Gestaltungsspielraum und Zukunftsfähigkeit.
In drei kurzen Sätzen: Wie fassen Sie die Vorteile Ihres Systems zusammen?
Synera automatisiert komplexe Ingenieurprozesse und verkürzt Entwicklungszyklen drastisch. Ingenieursorganisationen werden mit einer digitalen Belegschaft ausgestattet, die wie deren besten Ingenieure denkt, entscheidet und handelt. Die Plattform lässt sich nahtlos in bestehende CAx-Tools und Prozesse integrieren und ermöglicht es, Engineering-Kapazitäten exponentiell zu skalieren – ohne die üblichen proportionalen Kostensteigerungen.
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Stand: 08.12.2025
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