Energiewende So viel erneuerbare Energie steckte 2023 im deutschen Strommix

Von Thomas Günnel 5 min Lesedauer

Erneuerbare Energien haben im Jahr 2023 mehr als die Hälfte der öffentlichen Nettostromerzeugung ausgemacht: fast 60 Prozent. Das hat das Fraunhofer ISE ausgewertet. Wind- und Solarstrom haben den größten Anteil.

Windenergie war im vergangenen Jahr die wichtigste Stromquelle Deutschlands; mit steigendem Anteil. Im Bild: ein Repoweringprojekt in Nordfriesland.(Bild:  @ Dirkshof)
Windenergie war im vergangenen Jahr die wichtigste Stromquelle Deutschlands; mit steigendem Anteil. Im Bild: ein Repoweringprojekt in Nordfriesland.
(Bild: @ Dirkshof)

Die erneuerbaren Energien haben im Jahr 2023 in Deutschland circa 260 TWh Strom erzeugt, gut sieben Prozent mehr als im Vorjahr mit 242 TWh. Der Anteil der in Deutschland erzeugten erneuerbaren Energien an der Last – das heißt dem Strommix, der aus der Steckdose kommt – lag bei 57 Prozent. Im Jahr 2022 waren es 50 Prozent. Das zeigt eine Auswertung des Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE.

Die Last im Stromnetz betrug 457 TWh und damit circa 26 TWh weniger als 2022. Mögliche Gründe sind hohe Strompreise die zum Sparen führten, und höhere Temperaturen. Zusätzlich senkte der gestiegene Eigenverbrauch von Solarstrom die Last. Last bedeutet: Der Stromverbrauch und die Netzverluste, aber nicht der Pumpstromverbrauch und der Eigenverbrauch der konventionellen Kraftwerke.

Die Energiearten im Detail

Windkraft war im Jahr 2023 erneut die wichtigste Stromquelle in Deutschland. Demnach trug sie 140 Terawattstunden und damit 32 Prozent zur öffentlichen Stromerzeugung bei; 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anteil der Onshore-Windkraft stieg von 99 TWh auf 115 TWh. Die Offshore-Produktion sank leicht von 24,8 TWh auf 23,5 TW.

Der Ausbau der Windenergie bleibt dabei aber hinter dem Plan zurück: Bis November waren onshore 2,7 Gigawatt neu errichtet. Geplant waren vier Gigawatt. Wegen Ausschreibungen und langer Bauzeiten kommt der Ausbau der Offshore-Anlagen noch langsamer voran. Hier wurden 2023 nur 0,23 GW neu errichtet, geplant waren 0,7 GW.

Photovoltaik-Anlagen haben im Jahr 2023 etwa 60 TWh Strom erzeugt. Davon flossen gut 53 TWh ins öffentliche Netz, 6,4 TWh wurden für den Eigenverbrauch genutzt. Die höchste solare Strommenge jemals stellten die Anlagen laut Fraunhofer im Juni 2023 bereit: rund neun Terrawattstunden. Die maximale Solarleistung betrug 40 Gigawatt am 7. Juli 13:15 Uhr. „Das entsprach einem Anteil an der Stromerzeugung von 68 Prozent“, teilt Fraunhofer ISE mit.

Anders als die Windkraft kam der Photovoltaik-Ausbau besser voran. Statt der geplanten neun Gigawatt waren bis November über 13 Gigawatt errichtet. Bis Ende 2023 schätzt das Fraunhofer ISE „mehr als 14 Gigawatt“. Zum Vergleich: Im Jahr 2022 waren es 7,4 Gigawatt.

Energie aus Wasserkraft legte gegenüber 2022 zu: von 17,5 TWh auf 20,5 TWh. Die installierte Leistung von knapp fünf GW hat sich laut Fraunhofer ISE gegenüber den Vorjahren kaum verändert.

Biomasse blieb mit gut 42 TWh auf dem Niveau von 2022. Die installierte Leistung liegt bei neun Gigawatt.

Der gesamte erzeugte Nettostrom beinhaltet die öffentliche Erzeugung und eigenerzeugten Strom von Industrie und Gewerbe. Der Energieträger ist hier hauptsächlich Gas. Der Anteil erneuerbarer Energien an der gesamten Nettostromerzeugung einschließlich der industriellen Erzeugung für den Eigenverbrauch liegt bei etwa 55 Prozent. Im Jahr 2022 waren es 48 Prozent.

Starkes Wachstum bei installierten Batteriespeichern

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien werden Netzausbau und Speicherkapazität wichtiger. Dezentrale Batteriespeicher für Wind- und Solarstrom wurden vor allem in Privathaushalten stark ausgebaut; ebenso wie Photovoltaikanlagen. Insgesamt verdoppelte sich die installierte Batterieleistung laut Fraunhofer ISE fast: von 4,4 GW in 2022 auf 7,6 GW in 2023. Die Speicherkapazität stieg von 6,5 GWh auf gut elf GWh. Die Leistung der deutschen Pumpspeicherwerke liegt bei rund sechs Gigawatt.

Erneuerbare Energien lieferten 2023 59,7 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Importe und Kernenergie spielten nur eine geringe Rolle.(Bild:  Fraunhofer ISE/energy-charts.info)
Erneuerbare Energien lieferten 2023 59,7 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung. Importe und Kernenergie spielten nur eine geringe Rolle.
(Bild: Fraunhofer ISE/energy-charts.info)

Kohlestrom stark rückläufig

Im Jahr 2022 hatten die deutschen Kohlekraftwerke ihre Produktion hochgefahren. Gründe waren der Ausfall französischer Atomkraftwerke und Verwerfungen im Strommarkt wegen des Kriegs in der Ukraine. Im Jahr 2023 sank der Anteil der Kohleverstromung deutlich. Wegen des geringeren Kohlestromexports und guter Windbedingungen wurden im November 2023 27 Prozent weniger mittels Kohle erzeugt als im Vorjahresmonat.

Insgesamt ging die Erzeugung aus Braunkohle für den öffentlichen Stromverbrauch um circa 27 Prozent zurück: von 106 auf 77,5 TWh. Hinzu kommen 3,7 TWh für den industriellen Eigenverbrauch. Die Bruttostromerzeugung fiel auf das Niveau von 1963.

Die Nettoproduktion aus Steinkohlekraftwerken war um gut 21 TWh niedriger als 2022. Im Einzelnen betrug sie für den öffentlichen Stromverbrauch 36 TWh und damit 35 Prozent weniger. Für den industriellen Eigenverbrauch waren es 0,7 TWh. Die Bruttostromerzeugung fiel auf das Niveau von 1955. Erdgas zur Stromerzeugung blieb mit knapp 46 TWh für die öffentliche Stromversorgung leicht unter dem Niveau des Vorjahres, ebenso mit knapp unter 30 TWh für den industriellen Eigenverbrauch.

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Die Atomkraft trug nur 6,7 TWh zur Stromerzeugung bei, ein Anteil von 1,5 Prozent. Die letzten drei Atomkraftwerke Emsland, Neckarwestheim und Isar waren am 15. April 2023 abgeschaltet worden.

Strom-Ex- und Importe von und nach Deutschland 2023

Im Jahr 2022 exportierte Deutschland im Stromhandel 27 TWh. Im Jahr 2023 hingegen steht ein Import von 11,7 TWh. Dies lag vor allem an niedrigeren Kosten für das Erzeugen des Stroms in den europäischen Nachbarländern im Sommer und den hohen Kosten der CO2-Zertifikate. Der Großteil der Importe kam aus Dänemark (10,7 TWh), Norwegen (4,6 TWh) und Schweden (2,9 TWh). Deutschland exportierte 5,8 TWh nach Österreich und 3,6 TWh nach Luxemburg.

Im Winter stiegen die Börsenstrompreise und die CO2-Zertifikate wurden günstiger. Das führte bereits im November zu einer ausgeglichenen Bilanz – und im Dezember in Verbindung mit viel Windstrom zu Exportüberschüssen. Deutschland hat im Gegensatz zu seinen Nachbarländern Österreich, Schweiz und Frankreich auch im Winter genügend Kraftwerkskapazitäten, um Strom für den Export zu produzieren.

Der durchschnittliche sogenannte „volumengewichtete Day-Ahead“ Börsenstrompreis sank stark auf 92,29 Euro/MWh und 9,23 Cent/kWh. Im Jahr 2022 waren es 230,57 Euro/MWh. Damit liegt der Preis wieder auf dem Niveau des Jahres 2021.

Die Datengrundlage der Auswertung

Diese erste Version der Jahresauswertung berücksichtigt laut Fraunhofer ISE alle Stromerzeugungsdaten der Leipziger Strombörse EEX und des europäischen Verbands der Übertragungsnetzbetreiber „ENTSO-E“ bis einschließlich 31. Dezember 2023. Über die verfügbaren Monatsdaten des Statistischen Bundesamtes zur Elektrizitätserzeugung bis September 2023 wurden die Viertelstundenwerte der EEX energetisch korrigiert. Für die restlichen Monate wurden die Korrekturfaktoren auf Basis zurückliegender Monats- und Jahresdaten geschätzt. Die hochgerechneten Werte von Oktober bis Dezember unterliegen größeren Toleranzen.

Zugrunde liegen die Daten zur deutschen Nettostromerzeugung zur öffentlichen Stromversorgung. Sie ist die Differenz zwischen Bruttostromerzeugung und Eigenverbrauch der Kraftwerke und wird in das öffentliche Netz eingespeist. Die Stromwirtschaft rechnet mit Nettogrößen, zum Beispiel für den Stromhandel und die Netzauslastung. An den Strombörsen wird ausschließlich die Nettostromerzeugung gehandelt. Sie repräsentiert den Strommix, der tatsächlich zu Hause aus der Steckdose kommt.

Stündlich aktualisierte Daten zur Stromerzeugung gibt es auf Energy Charts Info. Ausführliche Daten zu Stromerzeugung, Import und Export, Preisen, installierten Leistungen, Emissionen und Klimadaten liefert das PDF zur Stromerzeugung 2023.

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